«Digitale Souveränität ist zur Wirtschaftsfrage geworden»
Expert Insights
Die Diskussion über digitale Souveränität hat in den vergangenen Monaten deutlich an Dynamik gewonnen. Was lange als Spezialthema für IT-Abteilungen galt, entwickelt sich zunehmend zu einer strategischen Frage für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen. «Digitale Souveränität ist längst kein theoretisches IT-Thema mehr, sondern eine strategische Wirtschaftsfrage», sagte Martin Kull, Vice President von Bechtle Switzerland, an einem Medien-Roundtable in Zürich.
Aus Sicht von Bechtle geht es dabei nicht um Abschottung oder den Verzicht auf internationale Technologien. Entscheidend sei vielmehr, dass Unternehmen ihre Abhängigkeiten kennen und ihre Handlungsfähigkeit auch unter veränderten politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bewahren. Wer nicht wisse, wo seine Daten liegen oder welche Alternativen zu bestehenden Plattformen existieren, verliere im Ernstfall seinen Handlungsspielraum, betont auch Prof. Dr. Andreas Danuser von der Berner Fachhochschule.
Europa wurde wachgerüttelt
Gastreferent Andreas Danuser, Unternehmer und Professor für digitale Souveränität, sieht einen grundlegenden Stimmungswechsel. Während das Thema noch vor einem Jahr kaum Beachtung gefunden habe, sei inzwischen klar geworden, wie abhängig Europa von einzelnen Technologieanbietern geworden sei. Auslöser seien nicht nur geopolitische Spannungen, sondern auch politische Entscheide, die den Zugang zu Technologien oder KI-Infrastrukturen kurzfristig verändern könnten. Unternehmen müssten deshalb jederzeit darauf vorbereitet sein, dass sich Rahmenbedingungen von heute auf morgen ändern.
Kull verweist in diesem Zusammenhang auf die zunehmende Konzentration bei Cloud-Plattformen. Europa verfüge bis heute über keinen eigenen Hyperscaler mit vergleichbarer Marktbedeutung wie Amazon Web Services, Microsoft Azure, Google Cloud oder Alibaba Cloud. Diese strukturelle Abhängigkeit lasse sich kurzfristig nicht beseitigen.
«Wir werden uns von amerikanischen Technologien nicht vollständig lösen können. Entscheidend ist, dass Unternehmen die Hoheit über ihre Daten behalten und bewusst entscheiden können, welche Abhängigkeiten sie eingehen.»
Investieren statt nur regulieren
Nach Einschätzung der beiden Referenten liegt Europas grösste Schwäche jedoch weniger in der Technologie als bei der Umsetzung. Forschung und Ingenieurkompetenz seien vorhanden, doch fehle häufig der Mut, neue Lösungen konsequent zu finanzieren und im Markt zu etablieren.
Danuser kritisiert insbesondere die europäische Risikokultur. Während amerikanische Investoren Milliarden in neue Technologien investieren und Unternehmen rasch skalieren könnten, dominiere in Europa häufig Vorsicht. «Es braucht nicht mehr Geld für die Forschung, sondern mehr Geld für die Umsetzung», fasste er zusammen. Gleichzeitig seien Unternehmen gefordert, auch jungen europäischen Anbietern eine Chance zu geben, anstatt aus Gewohnheit ausschliesslich auf etablierte Plattformen zu setzen.
Dr. Andreas Danuser: «Europa braucht nicht in erster Linie mehr Forschung. Es braucht mehr Investitionen in die Umsetzung – und Unternehmen, die bereit sind, neuen europäischen Technologien eine Chance zu geben.»
ComputerworldDie Schweiz hat gute Voraussetzungen
Trotz der kritischen Analyse sehen Kull und Danuser die Schweiz in einer vergleichsweise guten Ausgangslage. Politische Stabilität, hohe Rechtssicherheit, ein ausgeprägter Datenschutz und leistungsfähige Rechenzentrumsinfrastrukturen könnten zu wichtigen Standortvorteilen werden. Allerdings müsse digitale Souveränität künftig als Führungsaufgabe verstanden werden und nicht allein als IT-Projekt.
Bechtle verfolgt dabei einen pragmatischen Ansatz. Ziel sei keine vollständige Abkehr von amerikanischen Technologien – diese hält Kull kurzfristig weder für realistisch noch für sinnvoll. Stattdessen setzt das Unternehmen auf hybride Architekturen, stärkere Datenkontrolle sowie europäische Alternativen dort, wo dies wirtschaftlich sinnvoll ist. Unternehmen müssten ihre Daten gezielt schützen, Risiken bewerten und bewusst entscheiden, welche Abhängigkeiten akzeptabel seien und welche nicht.
«Digitale Souveränität beginnt dort, wo Unternehmen jederzeit wissen, wo ihre Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und welche Alternativen ihnen offenstehen.»
Abhängigkeiten sichtbar machen
Um Unternehmen bei dieser Analyse zu unterstützen, hat Bechtle den «Bechtle Index of Sovereignty» (BIoS) entwickelt. Das Assessment bewertet unter anderem Datenhoheit, technologische Abhängigkeiten und organisatorische Kompetenzen und soll daraus konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung der IT-Strategie ableiten. Nach Einschätzung des Unternehmens verfügen heute schätzungsweise zwei Drittel der Schweizer Unternehmen über keine ausreichende Exit-Strategie für den Ausfall ihres wichtigsten Cloud-Providers – ein Risiko, das angesichts geopolitischer Unsicherheiten zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Für Kull steht deshalb weniger die Frage im Vordergrund, ob Unternehmen internationale Cloud-Plattformen nutzen sollen. Entscheidend sei vielmehr, dass sie jederzeit wüssten, welche Abhängigkeiten bestehen, welche Alternativen verfügbar sind und wie sie ihre digitale Handlungsfähigkeit langfristig sichern können.
Martin Kull (rechts), Vice President von Bechtle Switzerland, diskutierte mit Digitalisierungsexperte Andreas Danuser über die wachsende Bedeutung digitaler Souveränität für Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Schweiz.
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