Analyse 21.06.2018, 10:12 Uhr

Chinas Aufstieg zur neuen KI-Supermacht

China will bis 2030 die führende Nation im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden. Die Politikwissenschaftlerin Sophie-Charlotte Fischer analysiert den aktuellen chinesischen KI-Aufschwung im Rahmen ihrer Doktorarbeit.
Es war, als wäre Europa plötzlich aus einem Dornröschenschlaf erwacht: Am 29. März präsentierte Emmanuel Macron Frankreichs nationale Strategie für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI). Das Elysée will in den kommenden fünf Jahren 1,5 Milliarden Euro in KI-Forschung und entsprechende Start-ups investieren. «Macron hat verstanden, dass er etwas unternehmen muss, wenn der Kontinent punkto KI nicht abgehängt werden soll», kommentiert Sophie-Charlotte Fischer, Politikwissenschaftlerin und Doktorandin am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.

Atemberaubende Ambitionen

Ausschlaggebend für das neue europäische Interesse am Thema KI war unter anderem die Veröffentlichung des «Next Generation Artificial Intelligence Development Plan» (AI Plan) Chinas im Juli 2017. Darin beschreibt die Regierung atemberaubende Ambitionen: Bis zum Jahr 2020 soll der technologische Rückstand zum Westen im Bereich KI aufgeholt sein; bis 2025 soll die chinesische KI-Industrie jährlich 60 Milliarden Dollar umsetzen und bis 2030 will China die Welt im Bereich der KI dominieren.
Fischer hat sich in einer aktuellen CSS-Analyse mit dem Aufstieg Chinas zur KI-Supermacht beschäftigt. Dieser hat längst begonnen: In China erscheinen heute mehr Forschungspublikationen zu KI als in den USA (wenn auch Letztere in den Rankings punkto Relevanz noch bedeutend höher liegen). Praktisch alle grossen chinesischen Tech-Unternehmen haben Forschungslabore im Silicon Valley aufgebaut. Darunter die Tech-Giganten Tencent (Messaging), Baidu (Suchmaschine) und Alibaba (E-Commerce), die alle stark in den Bereich KI investieren.
Unternehmen werden gezielt von Chinas Regierung unterstützt, sich im Silicon Valley anzusiedeln. Von 2014 bis 2017 investierten chinesische Unternehmen zudem über 13 Milliarden Dollar in die ICT-Industrie in den USA. Neu ist auch, dass Forschende, die an amerikanischen Universitäten studiert oder im Silicon Valley gearbeitet haben, wieder nach Peking oder Shanghai zurückkehren, angelockt durch lukrative Angebote der heimischen Tech-Unternehmen und Universitäten.
(Quelle: CSS/ETH Zürich)
«Für das Silicon Valley wird es Zeit, paranoid zu werden», schrieb das Magazin «The Economist» im Februar. Fischer beurteilt die Ankündigungen Chinas trotz des rasanten Aufstiegs kritisch: «Die leistungsstärksten Mikrochips für KI-Anwendungen kommen nach wie vor aus den USA.» Auch beträgt das Gesamtmarktvolumen chinesischer Tech-Firmen erst 32 Prozent der amerikanischen. Dagegen hält es die Forscherin für möglich, dass China mittelfristig seine KI-Standards global durchsetzen wird – basierend auf einem heimischen Markt mit potenziell 1,5 Milliarden Nutzern.


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