16.01.2014, 11:05 Uhr

Schweizer Überwachungssysteme möglicherweise NSA-infiltriert

Das Überwachungssystem der Schweizer Strafverfolgungsbehörden kommt von einer Firma, die enge Verbindungen zur NSA und zum Mossad hat. Beim Bund kann man darum nur hoffen, dass keine Spionageelemente miteingebaut wurden.
Erst kosteten die neuen Überwachungssysteme des Bundes viel Geld, nun sollen sie auch noch ausländischen Geheimdiensten gehören
Die Schweizer Strafverfolgungsbehörden müssen ihre Überwachungsanlagen austauschen. Das brachte bisher einige Probleme mit sich. Zuerst beauftragte man einen neuen Hersteller, sah aber nach drei Jahren ein, dass dieser mit der Aufgabe völlig überfordert war. Darum entschied man sich vor wenigen Wochen, weiterhin auf das bisher eingesetzte Lawful Interception System (LIS) zu setzen. Eine aktualisierte Version soll 2015 im Einsatz sein und im Vergleich zu Überwachungssystemen anderer Ländern lediglich das Minimum bieten. Vor allem bei der Usabilty wird man Abstriche machen müssen. Dafür hat man die Sicherheit, dass der LIS-Hersteller den Support des alten Systems bis dahin weiterführen wird. Diese Eskapaden kosteten 31 Millionen Franken. Den Namen des Herstellers wollte der Bund geheim halten. Aus Sicherheitsgründen, hiess es damals auf Anfrage der Computerworld. Heute scheint klar, dass dies nur die halbe Wahrheit war. Man wollte sich in der Öffentlichkeit nicht noch mehr blamieren.

Verbindungen zu NSA und Mossad

Das US-Unternehmen Verint entwickelt und betreibt LIS, berichtet die französische Tageszeitung LeTemps (Artikel nur nach Anmeldung verfügbar). Das ist nicht unproblematisch. Denn Verint-Gründer Kobi Alexander wurde in den USA unter anderem wegen Betrugs im Zusammenhang mit elektronischen Daten, wegen Wertschriftenbetrugs und wegen Mailbetrugs angeklagt, floh nach Namibia und stand auf der Most Wanted List des FBI. Ein ehemaliger NSA-Direktor sitzt zudem im Vorsitz von Verint und das Unternehmen wurde in der Vergangenheit beschuldigt, der NSA Daten der US-Telekommunikationskonzerne Verizon und AT&T zugespielt zu haben. Es gibt noch weitere Anzeichen dafür, dass Verint nicht die vertrauenswürdigste Unternehmung der Welt ist. So wird das Unternehmen teilweise von der israelischen Regierung mitfinanziert und nutzt Technik der «Unit 8200», wie ein ehemaliger Kommandeur dieser Einheit krzlich zugab. 8200 ist das NSA-Pendant des Mossads, dem israelischen Geheimdienst. Die Zeit berichtet, dass ein deutsches Chaos-Computer-Club-Mitglied vor zehn Jahren an einer Siemens-Veranstaltung vor Sicherheitsproblemen warnte. Direkt an der Veranstaltung erhielt er Morddrohungen. Diese ausgesprochen hatte einer der Veranstaltungsteilnehmer: Kenneth Minihan, ehemaliger NSA-Chef und aktuelles Vorstandsmitglied von Verint. Ob es sich dabei um makaberen NSA-Humor handelte oder nicht, wurde nie aufgeklärt. Sicher aber ist, dass Verint nicht unbedingt die Firma ist, mit der die Schweizer Behörden Telefone überwachen oder Emails abfangen sollten. Lesen Sie auf der nächsten Seite: es gibt keine Alternative

«Keine Garantie»

Gemäss Matthias Ramsauer, Generalsekretär beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement und für die Neubeschaffung des Überwachungssystems zuständig, gab es keine andere Möglichkeit. Es gebe nicht sehr viele Anbieter auf dem Markt und Verint sei darunter der Vertrauenswürdigste, sagt er gegenüber «LeTemps». Der Bund habe sich überlegt, selbst ein System zu entwickeln. «Wir mussten aber einsehen, dass es keine internen Alternativen gibt.» In der Schweiz sei momentan niemand in der Lage, ein ähnliches System zu bauen. Man werde darum alles versuchen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Das System wird im eigenen Rechenzentrum betrieben und der Zugriff darauf so stark wie möglich eingeschränkt. «Eine Garantie, dass das System frei von Spionageelementen ist, gibt es aber nicht», muss Ramsauer im Tages-Anzeiger konstatieren. «Das muss man akzeptieren».


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