Revolutionäres Virtual Centre

Architektur des Virtual Centres

CW: Kommen wir aufs Technische zu sprechen. Wie sieht die Architektur des Virtual Centres aus?
Meier: Wir wechseln von geschlossenen, vertikal integrierten Systemen, wie sie bisher angeboten wurden, auf eine moderne, offene horizontale, serviceorientierte Architektur. Das ermöglicht uns Connectivity auf verschiedenen Ebenen, indem die verschiedenen Layer miteinander sowie auch mit anderen FLZ und anderen Lösungen verbunden werden.
Hierfür haben wir vier Architekturziele definiert: Erstens wollen wir von den Punkt-zu-Punkt-Verbindungen wegkommen. Diese sind Denken aus den 1980er-Jahren und leider immer noch weitverbreitet. Punkt-zu-Punkt kreiert einen Spaghetticode, der, je länger er betrieben wird, wie die besagte Pasta zu verschmelzen beginnt. Man hat dann keine Chance mehr, sie zu entwirren.
Das Virtual Centre von Skyguide erlaubt durch seine horizontale Architektur ortsunabhängiges Luftraummanagement
Quelle: Skyguide
Zweitens soll es keine enge Kopplung mehr geben. Bei einer vertikalen Integration ist der Blick auf den Radarschirm verbunden mit allen anderen Funktionalitäten in der Wertschöpfungskette, die wir im System abbilden. Das ergibt keinen Sinn: Es gibt gewisse Dinge, die komplett losgelöst von dem, was auf dem Radarschirm passiert, bearbeitet und bewirtschaftet werden können, beispielsweise das Korrelieren eines Fluges, was unsere Kern­aufgabe ist. Das heisst, wir setzen den geplanten und tatsächlichen Flug miteinander in eine Beziehung, was ein Flight Object ergibt, das einige 10 Kilobyte gross ist. Das muss nicht 68-mal getan werden, einmal würde reichen. Vom Datenvolumen her gesehen ist das kein Problem und mit einer Standardarchitektur machbar.
Drittens gilt es, Datenduplikationen zu verhindern. Umfassten unsere Kernsysteme bisher 12 bis 15 Datenquellen, die synchronisiert werden müssen, gibt es nun nur noch eine Quelle, die verteilt ist. Diese Vereinfachung war der grosse Schritt auf der Systemseite.
Viertens haben wir gesagt, dass wir gewisse Dinge nicht mehr selbst machen wollen, sprich die Bewirtschaftung der Standardinfrastruktur wie Server und Storage. Es gibt spezialisierte Firmen, die das besser können als wir. Die Systeme und die Daten sind zwar immer noch bei uns, aber sie werden nicht mehr von uns gemanagt, sondern von Experten von DXC. Auch das ist ein Bestandteil des Wechsels von einem vertikalen zu einem horizontalen Modell und funktioniert jetzt gut.
CW: Wie viel des Codes stammt von Skyguide?
Meier: Unsere Lieferanten sagten 2015, wir seien die Einzigen, die eine ortsunabhängige Lösung wollen. Sie hätten daher keine. Für uns war somit klar, dass wir die Software selbst schreiben müssen. Das hat verschiedene Vorteile, vor allem in der Schweiz: Wir haben gute Leute, Zugang zu guten Universitäten, unternehmerisches Denken und eine effiziente Bürokratie. Das erlaubt uns, schneller zu sein als die anderen. Auch sind wir eine der wenigen Flugsicherungsgesellschaften, die ein konstruktives Verhältnis mit ihren Flugverkehrsleitenden hat, wenn es um Change und Innovation geht. Wir haben sogenannte Core-Teams, in denen die Entwicklungs-Teams direkt mit den Lotsinnen und Lotsen zusammenarbeiten. Das ist einmalig in der Flugsicherung. Das hat auch kein Hersteller, weil sie diesen Zugang gar nicht haben. Entwickelt wird die Software von unserer 100-Prozent-Tochter SkySoft-ATM, die sehr viel Know-how hat, wie man solche Lösungen sicher in Produktion bringt – nicht als Produkt auf dem Markt, sondern für Skyguide. Das haben wir nun genutzt. Auch haben wir Externe beigezogen, da diese neues Denken mitbringen, wie moderne und sichere Software hergestellt wird. Eingekauft haben wir nur gewisse Standardsachen – rund 80 bis 85 Prozent sind selbstentwickelt.



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