DACH-Chefin von SAS 30.07.2020, 06:04 Uhr

«Der Finanzsektor fragt mehr Analytics nach»

Wie viele andere Unternehmen war auch der Software- Anbieter SAS beeinträchtigt durch die Corona-Beschränkungen. Diverse Digitalisierungsprojekte liefen aber weiter, sagt DACH-Chefin Annette Green.
Annette Green ist die DACH-Chefin des Software-Anbieters SAS
(Quelle: SAS)
Die Krisenzeiten sind ein Beschleuniger für die Digitalisierung, heisst es. Das Implementieren von «datengesteuerten» Geschäftsprozessen ist eines der Ziele der digitalen Transformation von Unternehmen. Daten sind in den Betrieben oftmals ausreichend vorhanden, die Werkzeuge und das Wissen um die Umsetzung sind vielenorts eher rar. Der Software-Anbieter SAS will bei den Herausforderungen helfen, sagt Vice President DACH Annette Green im Interview mit Computerworld. Sie und ihre Kollegen arbeiten mit Schweizer Firmen in Projekten, die über die Anwendungen der klassischen Statistik hinausgehen. Jedoch weiss Green auch, dass es durchaus Nachholbedarf gibt in der Schweiz. 
Computerworld: Wie ist SAS Schweiz mit der Corona-bedingten Krisensituation umgegangen?
Annette Green: Natürlich mussten auch wir unser Büro schliessen. Und natürlich tun wir alles, um die Herausforderungen abzufedern, die sich daraus für die Mitarbeiter ergeben. Aber die Kollegen in Wallisellen haben sich schnell auf die neue Situation eingestellt. Das Arbeiten von zu Hause aus hat funktioniert – auch in der Zusammenarbeit mit den Standorten in Europa und den USA. Schliesslich gab es auch zuvor schon virtuelle Teams – diese Erfahrungen zahlen sich jetzt aus. 
CW: Wie hat sich der Arbeitsalltag für Sie und Ihre Kollegen in der Krise verändert? 
Green: Was normalerweise persönliche Meetings aus­machten, waren zu dieser Zeit Telefonkonferenzen. Ich glaube, ich habe noch nie so oft ein Headset benutzt wie in den vergangenen Monaten! Trotzdem gab es auch immer wieder Aussentermine, soweit das möglich und gewünscht war. Was mir auffällt: Unsere Kunden fragen derzeit deutlich mehr Beratungsservices nach als auch schon. Unsere Aufgabe ist deshalb besonders, genau zuzuhören und unseren Kunden zu helfen, ihre aktuellen Herausforderungen pragmatisch, aber auch nachhaltig zu lösen. 
CW: Welche Auswirkungen durch die Krise sahen Sie für SAS Schweiz und das Geschäft? 
Green: Keine Frage: Das Neugeschäft hat sich verlangsamt. Dabei gab es deutliche Unterschiede: Im Bereich der ­Banken und Versicherungen stieg die Nachfrage sogar, und auch der Handel blieb stark vertreten. Im Health-­Sektor waren wir natürlich sehr aktiv. Wir haben in den letzten Monaten trotz der Krise schöne Abschlüsse erzielen können. Ausserdem passten auch wir unser An­gebot der Situation an – indem wir zum Beispiel Bestandskunden verstärkt mit Remote Managed Services über ­Engpässe hinweghalfen. Und wenn Mitarbeiter unserer ­Kunden tatsächlich noch freie Kapazitäten hatten, konnten sie sich an der SAS Academy for Data Science online weiterbilden – völlig kostenlos.

Nachfrageplanung bei Nestlé

CW: Generell ist es um die Geschäfte von SAS in der Schweiz still geworden. Täuscht der Eindruck? Welche Bedeutung hat der Schweizer Markt für SAS?
Green: Die Schweiz ist ein sehr wichtiger Markt für SAS. Und die Geschäfte gehen gut. Aktuell haben wir in Vevey beispielsweise einen sehr grossen Kunden, bei dem so einige spannende Projekte laufen: Nestlé.
CW: Können Sie Details zu den Projekten nennen?
Green: Ja, gerne. Unsere Teams arbeiten gerade mit den Kollegen von Nestlé zusammen, um Lösungen auf Basis von SAS Viya aufzusetzen. Das bedeutet zugleich eine ­Modernisierung der bestehenden, älteren SAS-9.x- Anwendungen. Der Plan der Kollegen ist, die Plattform nach und nach global auszurollen.
Insbesondere spannend an dem Projekt ist die Tat­sache, dass Lösungen wie das Visual Demand Planning nicht nur für die typische Anwendergruppe – etwa Data Scientists oder Statistiker – infrage kommen, sondern auch für diverse Fachbereiche. Wir wissen selbst, dass SAS-Lösungen in der Vergangenheit teilweise recht anspruchsvoll zu bedienen ­waren. Die «Visual»-Produktreihe und die Viya-Plattform gehen diesen Punkt direkt an. Offenbar haben wir dabei einen guten Job gemacht. 
“SAS-Lösungen waren in der Vergangenheit teils recht anspruchsvoll zu bedienen„
Annette Green
CW: Bezieht Nestlé die Software aus der Cloud oder aus dem eigenen Rechenzentrum?
Green: SAS Viya ist mit dem Microsoft Azure Data Lake bei Nestlé verbunden. Damit stellen sie die Flexibilität und Skalierbarkeit sicher, wenn verschiedene Datenquellen angebunden werden sollen.
CW: Wird sich Nestlé mit SAS in die Microsoft-Rechenzentren in der Schweiz einmieten?
Green: Aus unseren Gesprächen weiss ich, dass es für ein Unternehmen wie Nestlé eine Voraussetzung ist, dass ein Public Cloud Provider auch Ressourcen innerhalb der Landesgrenzen besitzt – wie es im Fall von Google und Microsoft ja tatsächlich der Fall ist.
Zur Person
Annette Green
verantwortet seit Anfang 2019 das Geschäft von SAS in der Schweiz, in Deutschland und Österreich. Die gebürtige Deutsche ist seit rund 30 Jahren in dem Unternehmen beschäftigt, zuletzt als Vice President der Sparte Commercial. Zuvor hatte sie Führungspositionen in den Bereichen Marketing und Sales inne. Green hält einen Bachelor in Computer Science der North Carolina State University und hat dort ebenfalls ein Postgraduiertenstudium in Informatik abgeschlossen.

Neue Herausforderung für Amazon

CW: Sagen Sie das Amazon …
Green: Ehrlich gesagt kenne ich derzeit nur wenige Kunden, die sich für Amazon entscheiden. Hingegen haben Google und Microsoft sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland einen guten Job gemacht. Das Kunden­interesse ist entsprechend hoch.
CW: Obwohl Amazon in Deutschland doch sogar ein Rechenzentrum betreibt …
Green: Ja, sie sind aber gleichzeitig ein Wettbewerber – insbesondere für den Detailhandel. Bei einigen unserer Kunden kommt AWS auch deshalb nicht zum Einsatz, weil sie sich Sorgen machen um die Sicherheit ihrer Geschäfts­daten. Ihre Befürchtung ist, dass Amazon den Traffic und die Zugriffe beispielsweise im Online-Shop analysieren könnte, um damit seine eigenen Angebote zu optimieren. Ob das realistisch oder wahrscheinlich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber eine solche Befürchtung schwingt bei den Entscheidungen der Kunden natürlich mit. Im Vergleich hat Microsoft noch den Vorteil, dass sie über viel Erfahrung im B2B-Geschäft verfügen. Und Microsoft steht mit so gut wie keinem Unternehmen in einem direkten Konkurrenzverhältnis.
Annette Green steuert seit anderthalb Jahren die Geschäfte von SAS im deutsch­sprachigen Raum
Quelle: SAS
CW: Allerdings ist Microsoft ja mittlerweile einer der grössten Wettbewerber von SAS ... 
Green: Ja, das stimmt. Fast alle Anbieter sind heute sowohl Wettbewerber als auch Partner. Unser Ziel ist es, insbesondere mit Microsoft die Partnerschaft zu vertiefen. Denn unsere Kunden haben grossen Bedarf an flexibler Rechenleistung und variablem Speicherplatz. In beiden Bereichen hat Microsoft viel Erfahrung und verdient auch schon viel Geld mit den Services. Mit Konkurrenzprodukten für SAS, beispielsweise Power BI, sind ihre Umsätze nach meinem Wissen eher überschaubar.
In Gesprächen mit den Verantwortlichen bei Microsoft wird mir signalisiert, dass für sie eine vertiefte Partnerschaft durchaus interessant ist. Die Nachfrage aufseiten unserer gemeinsamen Kunden ist ebenfalls vorhanden.
CW: Microsoft hat mit Revolution Analytics aber mittlerweile doch auch ein direktes Konkurrenzprodukt im Portfolio.
Green: Nicht unbedingt, denn SAS bringt Schnittstellen für die R-Modelle auch von Revolution mit. Wenn ein Statistiker die R-Algorithmen nutzt, können sie mit den SAS-Programmen integriert werden für das Datenmanagement, die Analytik und das Reporting. Ausserdem wird die IT-Abteilung dankbar sein, wenn sie nur die bekannten SAS-Lösungen warten müssen und nicht noch zusätzlich Hunderte R-Pakete.
CW: Die Anwendungen von SAS können auch aus der Public Cloud bezogen werden. Wie entscheiden sich die Kunden?
Green: Wir unterstützen alle Pu­blic Clouds – von Alibaba und Amazon über Google bis hin zu Microsoft. Die Kunden starten aber oftmals mit einer Private Cloud, in der die Anwendungen getestet und die Cloud-Technologien evaluiert werden. Die Container und Virtualisierung sind in diesem Zusammenhang die Einsatzszenarien, mit denen die Workloads später oder bei Bedarf in die Cloud verschoben werden können. 
CW: Wie viele Ihrer Kunden arbeiten mit SAS in der ­eigenen Infrastruktur?
Green: Eine genaue Anzahl kann ich nicht nennen, da ich die Details nicht kenne. Für die meisten unserer Kunden ist die Cloud allerdings eine strategische Plattform für die zukünftige Computing-Infrastruktur. Selbst wenn sie heute noch On-Premises installieren, die Architektur ist heute mindestens Cloud-ready.
CW: Die US-amerikanischen Unternehmen gelten als Vorreiter für Cloud-Nutzung. Sind dort die SAS-Work­loads schon viel häufiger ausgelagert?
Green: Im Vergleich mit Europa sind die SAS-Kunden in den USA eher bereit, Workloads in die Public Cloud auszulagern. Hier unterscheidet sich SAS jedoch nicht bedeutend von anderen geschäftskritischen Anwendungen – auch sie sind schon in der Cloud. Die Kunden in Europa sind generell sehr viel zurückhaltender bei der Public Cloud. Mit den erwähnten Szenarien für Data Scientists, die Cloud-Ressourcen zu Testzwecken nutzen, beginnt aber auch hier langsam der Wandel – siehe das Kundenbeispiel Nestlé.

Nachwuchssorgen an den Hochschulen

CW: Die akademische Forschung setzt häufig auf Open Source bei der Datenanalyse. Welche Rolle spielt SAS an den Universitäten?
Green: Sie sprechen ein sehr wichtiges Thema an, das oben auf meiner Agenda steht. Denn tatsächlich setzen viele Wissenschaftler heute auf Tools wie Python und R, weil die Anwendungen für ihre Einsatzzwecke passend sind.
So sind wir im akademischen Bereich insbesondere in der DACH-Region nicht mehr so präsent. In den USA gibt es weiterhin Curricula für unsere Programme. SAS unterstützt dort die Ausbildung mit speziellen Lizenzen. Diese Angebote gibt es natürlich ebenfalls in Europa und der DACH-Region, sie werden aber leider nicht so gut angenommen. Es ist ein Anliegen für mich in der nahen Zukunft, SAS in der Forschung und Lehre wieder stärker zu positionieren.
CW: Welche anderen Lücken sehen Sie heute im Port­folio von SAS?
Green: Erst jüngst haben wir einige Lücken geschlossen. Denn bis anhin waren wir darauf fokussiert, statistische Methoden und Modelle innerhalb unserer Plattform zu ent­wickeln. Neu haben die Anwender jeweils die Wahl, ob sie einen Algorithmus mit den SAS-Werkzeugen oder mit alternativen Methoden programmieren wollen. Die erwähnten Python und R sind hier Beispiele, die neuerdings gut in SAS integriert werden können.
Noch Nachholbedarf haben wir bei den Update-Prozessen für unsere eigenen Lösungen. Die Administratoren haben teils grossen Aufwand, die Produkte auf dem neusten Stand zu halten. Wir wollen die Prozesse vereinfachen und so reibungslose Updates ermöglichen. Mit Viya und anderen Cloud-Lösungen sind wir auf einem guten Weg.
CW: Bis anhin war es noch schwierig, Personal für die Datenanalyse zu finden. Sind die fehlenden Fachkräfte mittlerweile keine Herausforderung mehr?
Green: Das Problem ist nicht mehr so gross wie auch schon. SAS hat in den vergangenen Jahren viel für die Bedienbarkeit seiner Software getan. Während sich SAS 9.x noch eher an erfahrene Programmierer und Statistiker wandte, können Viya und die Visual-Analytics-Produkte durchaus von Fachanwendern bedient werden. Das Programmieren oder tiefgreifende Statistikkenntnisse sind nicht mehr un­bedingt notwendig für die Aufbereitung und Analyse der Daten beziehungsweise die Interpretation der Ergebnisse.
Wenn gewünscht, können die Experten aber auch mit den neuen Tools an der Befehlszeile arbeiten, die automatisch generierten Statistikroutinen editieren oder Prozesse modifizieren. Hier hat unser Team rund um unseren Forschungs- und Entwicklungsleiter Udo Sglavo schon bemerkenswerte Arbeit geleistet.
Weiter programmieren Sglavo und sein Team neue Algorithmen, die bei der Interpretation der statischen Testergebnisse helfen sollen. In Zukunft soll niemand mehr Mathematik oder Ähnliches studiert haben müssen, um Datenanalysen mit SAS-Software zu rechnen. 
CW: Ist die Spracheingabe eine Technologie, die Sie für analytische Anwendungen testen?
Green: Eher nicht. Ein Sprach-Interface für diese Anwendungen erscheint mir schwierig zu realisieren. Denn die Sprache öffnet viel Interpretationsspielraum und erfordert Kontext. Nehmen Sie beispielsweise Türkisch, in dem ein Wort unterschiedliche Bedeutungen haben kann und im Zusammenhang mit einem Geschlecht anders betont wird. Zunächst muss die Technologie noch grosse Fortschritte machen, bis zum Beispiel Alexa die Interpretation von statistischen Analysen übernehmen kann.
Zur Firma
SAS Institute
wurde 1976 gegründet. Die Geschäftsgrundlage war das Statistical Analysis System (SAS), mit dem acht US-amerikanische Universitäten landwirtschaftliche Datensätze auswerteten. Das Unternehmen befindet sich weiterhin in Privatbesitz der Mitgründer Jim Goodnight und John Sall. Die rund 14'000 Mitarbeiter sowie über 83'000 Kunden in 147 Ländern generierten 2018 einen Umsatz von mehr als 3,2 Milliarden US-Dollar.


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