«Durch Corona sind plötzlich Dinge möglich, die vorher blockiert waren»

Kosten, Hyperscaler und mögliche Fehler 

CW: Wie wichtig sind die Kosten bei Make-or-Buy-Entscheidungen?
Bühler: Unternehmen müssen die richtige Balance finden: Zusätzliche Partner bringen mehr Komplexität, eventuell aber auch Kostenvorteile. Bei kleinem Volumen ist es zum Beispiel nicht sinnvoll, viele Partner einzubinden. Die im Business Case erhofften Kostenreduktionen werden durch ein zu komplexes Target-Operating-Modell eliminiert. Die Risiken für Betriebsunterbrüche steigen und auftretende Fehler zu erkennen und zu beheben ist eine grosse Herausforderung. Ein typisches Symptom dafür ist oft der permanente Feuerwehrmodus der IT-Organisation.
CW: Je mehr Partner, desto mehr Komplexität. Richtig oder falsch?
Bühler: Tendenziell kann ich dieser Aussage zustimmen, aber die Lösung ist nicht ein Partner für Alles. Auch wenn wir nur einen Infrastrukturpartner wählen, werden wir pro Anwendung oder Software-as-a-Service-Lösung je einen Partner haben. Ebenso können wir davon ausgehen, dass die Vielfalt der Services steigen wird. Und diese müssen wir auch intergieren – zumindest teilweise.
CW: Sind die Lösungen der grossen Cloud-Plattform-Anbieter ein Ausweg?
Bühler: Aktuell sind die grossen Cloud-Plattform-Anbieter im Vorteil. Sie haben eine gewaltige Innovationskraft, eine hohe Integration, Automatisierung, Standardisierung und digitalisierte Prozesse. Diese Plattformen wirken so der erhöhten Komplexität entgegen. Auf der anderen Seite werden insbesondere grössere Unternehmen sich gut überlegen, ob eine Single-Public-Cloud-Strategie langfristig sicher genug ist. Geopolitisch wird die Risikoeinschätzung der aktuellen Konzentration der wesentlichsten Public-Cloud-Plattformen in den USA an Bedeutung gewinnen. Ein kooperativer Lösungsansatz wie in lebenden Systemen könnte hier neue Möglichkeiten eröffnen.
CW: Was sind die grössten Fehler, die Unternehmen bei Make-or-Buy-Entscheidungen machen?
Bühler: In einer stark monetär geprägten Welt stürzen wir uns zuerst auf die Zahlen, also machen wir Wirtschaftlichkeitsüberlegungen. Dies alleine führt jedoch nie zu einer tragfähigen, langfristigen Lösung. Aus meiner Erfahrung basieren ganzheitliche und tragfähige Entscheidungen auf einem Business Case. Darin werden qualitative Kriterien wie Strategieunterstützung, Leistungserbringung, Technologie, Personal, Politische Tragfähigkeit mit wirtschaftlichen Kriterien wie Kosteneinsparung, CAPEX/OPEX und einer Nutzwertanalyse bewertet. Ich habe viele richtige Entscheide zugunsten von Buy gesehen, obwohl die geplante Kostenreduktion weniger als 20 Prozent war.
CW: Buy-Entscheidungen können zu einem Know-how-Verlust  führen. Was können Unternehmen dagegen tun?
Bühler: Jeder Entscheid, eine Leistung oder ein Produkt extern zu beziehen, ist mit einem Know-how-Verlust verbunden. Die Frage ist eher, ob dieses Know-how strategisch ist oder nicht. Diese Krise zeigt uns leider auf, dass wir uns vermehrt Gedanken über die Wertschöpfungsketten und Konzentration auf wenig Anbieter machen müssen. Wir erfahren gerade, wie verletzlich die Wirtschaft ist, und wie sehr die menschliche Existenz durch zu starke Fokussierung auf rein wirtschaftliche Themen in Gefahr gerät.
CW: Was sind die grössten Herausforderungen bei der Zusammenarbeit mit den Sourcing-Partnern?
Bühler: Zu einer Sourcing- und -Cloud-Strategie gehört ein Target-Operating-Modell. Es klärt das Zusammenspiel der Services mit der internen IT und den Partnern. Leider wird dieses Thema in der Strategiearbeit zu wenig oder gar nicht bearbeitet. Firmen merken dann spätestens in der Management-Phase, dass die IT nicht mit genug finanziellen Mitteln und Ressourcen ausgestattet ist, um den Betrieb sicher zu stellen. Die Partner sollten darum vertraglich, organisatorisch und prozessual mit einem Sourcing-Governance-Modell eingebunden sein.
Der Autor
Marcel Urech
ist freier Technologie-Journalist und eidgenössisch diplomierter Web Project Manager.


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