09.12.2014, 15:45 Uhr

Aufrüsten für die Notfallorganisation 3.0

Was, wenn der Strom grossflächig ausfällt? Wenn ein Grossbrand in der Agglomeration für Chaos sorgt? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz will für den Ernstfall ein eigenes mobiles Datennetz. Doch das wird nicht billig.
Ein grossflächiger Stromausfall scheint neben Überschwemmungen oder einem Grossbrand der wohl wahrscheinlichste Katastrophenfall in der Schweiz zu sein. Damit die Notfallorganisationen auch in einer solchen Extremsituation miteinander kommunizieren können, wurde in jahrelanger Kleinarbeit das Kommunikationssystem Polycom in der Schweiz aufgebaut. Rund 55'000 Geräte von Polizei, Zivilschutz und weiteren Blaulichtorganisationen greifen auf dieses Funksystem zu, welches mit 750 Antennen und über 1000 Richtstrahleinheiten über das ganze Land verteilt ist. Über 700 Millionen Schweizer Franken hat die Einführung sowie der Unterhalt des Systems bis jetzt gekostet, sagte Peter Wüthrich, Infrastrukturchef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (BABS) an einem Medienanlass in Zürich. Doch Polycom ist rein für Sprachübertragung geeignet. Für breitbandige Datenübertragungen ist die Infrastruktur nicht ausgelegt. Und genau solche Datenübertragungen will das BABS.

Datenhungrige Endgeräte auch für Blaulichtorganisationen

«In der Zukunft wird jeder Feuerwehrmann, Polizist und Rettungssanitäter mit einer Kamera ausgerüstet sein, die in Echtzeit Bilder an die Einsatzzentrale übermittelt.» Solche Technik, welche im Moment Spezialtruppen wie den Navy-Seals oder futuristischen Kämpfer in Science-Fiction-Filmen vorenthalten ist, wird früher oder später Realität. Davon ist Peter Wüthrich überzeugt. Doch nicht nur Helmkameras machen datengestützte Einsätze der Blaulichtorganisationen sicherer und effektiver. «Die Anwendungsfälle gehen viel weiter: Denken Sie nur an Gebäudepläne, die direkt an die Feuerwehren übermittelt werden können, elektronische Krankendaten von Verletzten Personen oder die Lage der Gasgeneratoren der Airbags in einem Personenwagen.» Diese Informationen sollen natürlich immer und in hoher Geschwindigkeit auf Endgeräten zur Verfügung stehen. Spätestens bei einem Grossereignis ist dieser schnelle Datenverkehr nicht mehr zu 100% gewährleistet. Ein Grossbrand in einer Agglomeration, ein Chemieunfall oder gar ein GAU in einem Atomkraftwerk sorgt sogleich für eine starke Beanspruchung des mobilen Breitbandnetzes. Betroffene Personen wollen mit Angehörigen kommunizieren, News-Apps konsultieren, sich anhand von Kartendiensten orientieren, allenfalls Fotos schiessen und teilen, soziale Medien abrufen, die Live-Berichterstattung der Fernsehstationen schauen oder Internet-Radion hören. Dass es in solchen Situationen in den Antennenzellen rund um den Katastrophenort zu Datenstau kommen kann, scheint unvermeidlich. Und bei einem grossflächigem Stromausfall sieht die Sache nochmals ganz anders aus. Immerhin: Polycom ist ein selbstversorgendes Netz, dort springen Notstromaggregate an, falls die Stromversorgung unterbrochen ist. So bleibt die Sprachkommunikation gewährleistet. Hingegen wären die Blaulichtorganisationen, die auf die «normalen» mobilen Netze der Telco-Anbieter für Datenkommunikation zurückgreifen, diesbezüglich nicht mehr einsatzfähig. Auf der nächsten Seite: Das will das BABS für die Zukunft

Bestehende Netze nutzen oder separate Lösung?

Wenn BABS-Infrastrukturchef Wüthrich wünschen könnte, dann hätte er jetzt einen richtig grossen Wunsch ans Christchind. Nämlich eine total redundante mobile Kommunikationsinfrastruktur für die Behörden und Organisationen für Rettung und Sicherheit (BORS). Dass er mit dieser Maximalforderung in Bern bei den Parlamentariern nicht nur auf Zustimmung stossen wird, ist ihm klar. Doch was ist schon ein Investitionsvolumen von ein paar hundert Millionen Franken um im Notfall noch effektiver die Sicherheit der Bevölkerung garantieren zu können? Natürlich haben es Gegner bei einem solch emotionalem Thema naturgemäss schwieriger. Doch auf der anderen Seite darf schon auch gefragt werden, ob ein total redundantes Netz auf einem anderen Frequenzband, welches wiederum spezielle Endgeräte voraussetzt doch nicht ein gar überladener Wunschzettel sein wird.
Martin Bürki, Schweiz-Chef bei Ericsson und Infrastrukturpartner der Swisscom, wiegelt ab. Der Experte für Antennenbau meint, dass die Investitionskosten in einem tiefen bis mittlerem dreistelligen Millionenbetrag liegen werden. Je nach Wunschzettel. Falls man bestehende Infrastruktur nutzen würde, käme es natürlich günstiger. Für Bürki wie auch für Wüthrich sind die bestehenden restriktiven Umweltvorgaben bezüglich Strahlenbelastung auch ein Kostentreiber «Mit diesen Vorgaben müssen wir mehr Antennen aufstellen». Aber je nach Notfallsituation wäre es unter Umständen möglich, die Leistung einzelner Antennen hochzuschrauben. Das Militär darf zum Beispiel mit viel höherer Watt-Zahl Sender betreiben als die zivilen Akteure. Dazu bräuchte es jedoch sicher eine Verordnungs- wenn nicht sogar Gesetzesänderung. Auch werden mobile Ad-Hoc-Netzen in Zukunft eine stärkere Rolle spielen. Swisscom ist dazu schon jetzt in der Lage, der Aufbau und die Inbetriebnahme dauert aber noch viel zu lange, um bei einem Ereignis schnell reagieren zu können, sagte Jean Paul de Weck, Swisscoms Broadcast-Chef.

Die politische Diskussion wird erst beginnen

Wie hoch die Kosten schlussendlich für den ganzen Betrieb inklusive Neuanschaffung der Endgeräte des neuen BORS-Netzes kommen würde, konnte oder wollte Wüthrich nicht sagen. Klar ist, der Aufbau des heutigen Polycom-Netzes hat 15 Jahre gedauert, seine Lebensdauer wird bis ins Jahr 2030 geschätzt. Das gewünschte LTE-Netz für die BORS ist für Wüthrich relativ dringlich. «Sonst baut am Schluss jeder Kanton sein eigenes Datennetz». Und am Schluss können im Ernstfall die Einsatzkräfte von Dietikon (ZH) mit denen von Spreitenbach (AG) keine Daten austauschen, weil dazwischen eine Kantonsgrenze liegt und die Endgeräte nicht mit dem anderen Netz kompatibel sind. Dass der Föderalismus bei solchen Projekten hinderlich sein kann ist augenscheinlich. Daher will Wüthrich uns sein Team nächstes Jahre erste Vorschläge unterbreiten. Und er hofft, dass in 10 Jahren das BORS-Datennetz in Betrieb gehen kann. Zu gönnen wäre es ihm - seine Pensionierung ist dann nämlich in Sichtweite.



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