11.07.2016, 14:45 Uhr

So gefährdet sind unsere kritischen Infrastrukturen

Industrielle Anlagen hängen immer mehr am Internet und sind daher grundsätzlich angreifbar. Was noch schlimmer ist: die Kontrollsysteme weisen immer mehr Schwachstellen auf, berichtet der IT-Sicherheits-Experte Kaspesky Lab.
Kaspersky Lab warnt in einer umfangreichen Untersuchung vor möglichen Schwachstellen industrieller Kontrollsysteme (Industrial Control Systems, ICS) weltweit. Und die Gefahr ist mehr als ernst zu nehmen: Denn während in der Vergangenheit industrielle Systeme und kritische Infrastrukturen in physisch isolierten Umgebungen betrieben wurden, ist dies in Zeiten der Industrie 4.0 nicht immer der Fall. Weltweit sind 188'019 ICS-Rechner (Hosts) über das Internet erreichbar. 2676 von diesen stehen laut Kaspersky in der Schweiz.
Das ist brandgefährlich. Denn Verbindungen zum Internet innerhalb industrieller Systeme eröffnen Cyberkriminellen die Möglichkeiten zur Fernsteuerung kritischer ICS-Komponenten. Das kann physische Schäden von Anlagenteilen zur Folge haben und stellt eine potenzielle Gefahr für die gesamte kritische Infrastruktur dar. Beispiele für hochentwickelte Attacken auf ICS-Systeme sind die Angriffe der Hackergruppe BlackEnergy APT auf ein Energieversorgungsunternehmen in der Ukraine im Jahr 2015, das zu einem Black-out führte sowie der Cyberangriff auf ein deutsches Stahlwerk im Jahr 2014, bei dem ein Hochofen lahmgelegt werden konnte. «Unsere Untersuchung zeigt: Je grösser Infrastrukturen industrieller Kontrollsysteme sind, desto grösser ist auch das Risiko empfindlicher Sicherheitslücken», sagt Andrey Suvorov, Head of Critical Infrastructure Protection bei Kaspersky Lab. «Das liegt allerdings nicht an einzelnen Software- oder Hardware-Anbietern. ICS-Umgebungen sind per se eine Mischung aus verschiedenen miteinander verbundenen Komponenten. Viele davon sind an das Internet angeschlossen und werfen Sicherheitsfragen auf. Es gibt keine hundertprozentige Garantie dafür, dass eine ICS-Installation zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mindestens eine verwundbare Komponente beinhalten wird. Das wiederum bedeutet nicht, dass Fabriken, Kraftwerke oder Smart Cities nicht vor Cyberattacken geschützt werden können. Sicherheitsverantwortliche industrieller Anlagen sollten sich (lediglich) bewusst machen, dass schwachstellenbehaftete Komponenten innerhalb industrieller Systeme existieren», führt er weiter aus. Nächste Seite: Die Ergebnisse im Einzelnen

Die Ergebnisse im Einzelnen

Insgesamt wurden 188'019 Hosts von ICS-Komponenten in 170 Ländern identifiziert, die über das Internet verfügbar waren. Die meisten aus der Ferne verfügbaren ICS-Rechner (Hosts) sitzen in den USA (57'417/30,5 Prozent), Deutschland (26'142/13,9 Prozent), Spanien (11'264/5,9 Prozent) und Frankreich (10'578/5,6 Prozent). 91,6 Prozent (172'338 verschiedene Hosts) der extern verfügbaren ICS-Geräte nutzen unsichere Internetverbindungsprotokolle, die Angreifern so genannte «Man-in-the-Middle»-Attacken ermöglichen.

Analysiert man ausschliesslich ICS-Komponenten auf Enterprise-Ebene, ergibt sich folgendes Bild: Weltweit gibt es laut der Studie von Kaspersky Lab 13'698 dem Internet ausgesetzte ICS-Rechner (Hosts). Darunter weisen 91,1 Prozent Schwachstellen auf, die aus der Ferne ausgenutzt werden können; 3,3 Prozent beinhalten kritische und remote ausführerbare Schwachstellen. Die ICS-Enterprise-Hosts sitzen in den USA (2994), Frankreich (1331) und Italien. Die Schweiz folgt auf Rang 19 (170).

Mehr Schwachstellen

Doch nicht nur hängen immer mehr Steuerungssystem am Netz der Netze. Diese weisen auch immer mehr Löcher auf. In den vergangenen fünf Jahren sind Schwachstellen innerhalb von ICS-Komponenten um das Zehnfache gestiegen; von 19 Schwachstellen im Jahr 2010 auf 189 im Jahr 2015. Die verwundbarsten ICS-Komponenten waren Benutzerschnittstellen beziehungsweise «Mensch-Maschine-Schnittstellen» (Human Machine Interfaces, HMI), elektronische Geräte und SCADA-Systeme. Bei den für das Jahr 2015 gefundenen Sicherheitslücken stuft Kaspersky Lab 49 Prozent als kritisch und 42 Prozent als mittelschwer ein.

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