Fehlende Standardisierung 16.10.2020, 17:16 Uhr

Schweizer Contact Tracing leidet unter Software-Wildwuchs

Eine Analyse von Comparis zeigt, dass Schweizer Kantone beim Contact Tracing verschiedene Software-Lösungen einsetzen und teils unterschiedliche Informationen erfassen – mit Folgen für die Datenlage und den Informationsfluss.
(Quelle: Dimitri Karastelev / Unsplash)
In der Schweiz steigen die Corona-Infektionen erneut stark an. In Kombination mit knapp werdenden Personalressourcen stossen die Contact-Tracing-Teams der Kantone an ihre Grenzen. Erschwert wird die Situation zusätzlich, weil diese auf unterschiedliche Programme setzen – mitunter sogar Excel. Das zeigt eine Analyse von Comparis. Dazu führte das Vergleichsportal zwischen dem 7. und 13. Oktober eine Umfrage bei den Gesundheitsdirektionen der 26 Kantone durch.
Statt auf eine standardisierte Realtime-Lösung zu setzen, herrsche ein Software-Dschungel, schreibt Comparis in einem Communiqué. Ein Kanton, der beim Contact Tracing Excel nutze, habe etwa auch nicht vor, auf eine Software umzusteigen, wie sie selbst Firmen für die Kundenbetreuung einsetzen. «Es ist unverständlich, warum bei so einer wichtigen Angelegenheit, wo Information das Wichtigste ist, der Bund auf die Durchsetzung eines einheitlichen Standards verzichtet», kommentiert Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte bei Comparis, die Ergebnisse der Umfrage.

Folgen für den Informationsfluss

Die fehlende Standardisierung habe auch Folgen für den Informationsfluss, heisst es weiter. So läuft der Datenaustausch bei vielen Kantonen standardmässig noch per E-Mail mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und anderen Kantonen ab. Nur zwei setzen auf das Informationssystem Meldungen des Bundes (ISM). Comparis erhielt von insgesamt 15 Kantonen eine Antwort.
Zudem findet kein Datenaustausch in Echtzeit statt – die Mehrheit der Kantone verfügt offenbar nicht einmal über ein fixes Intervall. Der Comparis-Umfrage zufolge melden manche ihre Daten stündlich bis täglich, andere nur einmal wöchentlich. Schneuwly zeigt sich überzeugt, dass man mit einer zentralen Echtzeit-Übersicht über alle Daten schneller ein besseres Bild über die Entwicklungen in der ganzen Schweiz erhalten würde.
Felix Schneuwly ist Gesundheitsexperte beim Vergleichsportal Comparis
Quelle: Comparis
Besonders problematisch ist aus Sicht des Gesundheitsexperten, dass es bei den Kantonen auch Unterschiede bezüglich der Erfassung von Informationen wie der Anzahl an Hospitalisierungen oder an Todesfällen gibt. Keine einzige der von Comparis erfragten Schlüsselkennzahlen werde von allen Kantonen für eine verfeinerte Situationsabklärung erfasst, heisst es hierzu. «Das ist dramatisch. Denn so hilft der Appell des Bundesrates an die Selbstverantwortung der Bevölkerung gar nichts. Wir sind im Blindflug unterwegs», lautet das vernichtende Fazit Schneuwlys.

Fehlendes Know-how

Und schliesslich wissen die Kantone offenbar teilweise auch nicht genau, was ihre Contact-Tracing-Software überhaupt auf dem Kasten hat. Laut Comparis ist das Datenerfassungstool «Sormas» (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) des deutschen Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) derzeit am weitesten verbreitet. Sieben Kantone, die an der Umfrage teilnahmen, verwenden dieses aktuell. Angeblich weiss aber beispielsweise nur ein Kanton, dass die Resultatmeldung von Labors an Tracer mittels Sormas möglich ist. Gleich sieht es bei der Erfassung von Reisequarantänepersonen durch Flughafen, Bahnhöfe oder den Zoll aus. Weiter nutzen die Kantone nebst Sormas ein Programm der KPMG, die Eigenentwicklung «Odoo», das IES Informations- und Einsatzsystem KSP sowie die Software «ecole». 
Die Umfrage zeigt hier, dass es lediglich die Basisinformation «Erfassen der Indexpatienten» ist, die von allen 13 befragten Kantonen dokumentiert wird. «Das ist eindeutig zu wenig», sagt Schneuwly. Er fordert, dass man diesbezüglich zumindest den kleinsten gemeinsamen Nenner finden sollte.


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