Best Practice 29.08.2022, 06:01 Uhr

«SSI entfaltet ihr Potenzial bei durchgängiger Nutzung»

Der Schweiz fehlt bis anhin ein digitaler Identitätsnachweis. Aber er soll kommen. Wenn eine SSI auch international eingesetzt werden kann, entfaltet sie erst ihr volles Potenzial, ist sich Michael Gerber von der SBB sicher.
Michael Gerber ist Senior Systemarchitekt bei der SBB.
(Quelle: SBB)
Anwendungsfälle für die Self-Sovereign Identity (SSI) sind vielfältig. Die SBB evaluiert SSI in Piloten, sagt Michael Gerber. Der Senior Systemarchitekt erklärt, welche Herausforderungen und Chancen er durch die Einführung einer SSI für die ÖV-Branche sieht.
Computerworld: Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich im Bereich der digitalen Identitäten?
Michael Gerber: Im «E-Government Benchmark 2021» der EU rangiert die Schweiz im hinteren Mittelfeld der europäischen Länder. Grund für den Rückstand ist das Fehlen staatlicher digitaler Identitäten (und den dazugehörigen Gesetzen und Konzepten), mit denen Bürger:innen u. a. staatliche Online-Dienste hürdenfrei nutzen können.
CW: Welches sind die Hürden bei der SSI-Einführung?
Gerber: Eine SSI entwickelt ihr volles Potenzial erst durch die durchgängige Nutzung der Bürger:innen, der staatlichen Organisationen sowie der Privatwirtschaft.
Die grössten Herausforderungen liegen wahrscheinlich in der Akzeptanz der Nutzer:innen und der Bereitschaft privater und staatlicher Organisationen, ihre Prozesse konsequent zu digitalisieren und Nachweise über Organisations- und Landesgrenzen hinweg zu standardisieren.
Für die Nutzer:innen wird insbesondere das Spannungsfeld zwischen souveräner Kontrolle über die eigenen Daten und der damit verbundenen persönlichen Verantwortung eine Herausforderung. Es braucht klare Regelungen für den Datenschutz.
CW: Die SBB unterstützt zum Beispiel den SwissPass. Liesse sich die Lösung zur SSI erweitern?
Gerber: Es gibt rund 5,5 Millionen SwissPass-Kundenkarten, die von der Alliance SwissPass herausgegeben werden. Die Kernfunktion des SwissPasses ist die Referenzierung von ÖV-Abos und Dienstleistungen wie zum Beispiel Car- und Bike-Sharing oder Skipässe. Bei der Kontrolle im Zug wird anhand der SwissPass-Karte auch die Identität der Kund:innen festgestellt. Insofern ist eine Herausgabe dieses Nachweises in einem SSI-Netzwerk durchaus denkbar. Konkrete Projekte gibt es aber noch keine.
CW: Welche Rolle spielt SSI in der internationalen Beförderung von Personen und Gütern?
Gerber: Da die Entwicklung von SSI-basierten Netzwerken in Europa und von der EU vorangetrieben wird, sehen wir grosses Potenzial sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr. Denn damit werden zukünftig grenzüberschreitend und medienbruchfrei die Echtheit und die Gültigkeit von Informationen digital geprüft werden können.
CW: Wie wichtig ist die internationale Kompatibilität von SSI für die SBB?
Gerber: Die internationale Kompatibilität von SSI-Netzwerken ist nicht nur für die SBB, sondern für die ganze Volkswirtschaft und damit alle Einwohner:innen der Schweiz von zentraler Bedeutung.
CW: Welche Rolle spielt die IT-Partnerin Ergon bei den SBB-Lösungen zur SSI?
Gerber: Zurzeit werden Produkte von Ergon in der SBB unter anderem beim «SwissPass-Login» eingesetzt. Bei den Pilotprojekten mit SSI werden aber verschiedene Produkte unterschiedlicher Anbieter genutzt.
CW: Die SBB ist in Pilotprojekten mit der SSI. Um welche Anwendungsfälle geht es dabei?
Gerber: Beim Pilotprojekt «Digitale Wohnsitzbestätigung» prüfen wir, wie die Prozesse rund um die Wohnsitzbestätigungen digital abgebildet werden können. Kund:innen, die im gleichen Haushalt wohnen, können heute vergünstigte Partner-Generalabonnements kaufen. Dazu braucht es aber eine jährliche Bestätigung dieses gemeinsamen Wohnsitzes durch die Gemeinde. Der Bezug dieser Nachweise ist wegen der vielen Medienbrüche heute für Kund:innen ein mühsamer und oft auch teurer Prozess.
In diesem Pilotprojekt werden diese Bestätigungen als digitale Nachweise ausgestellt und können via SSI-Netzwerk datenschutzkonform, digital sowie sicher auf ihre Echtheit und Gültigkeit hin überprüft werden. Dieses Projekt hilft uns, frühzeitig Erfahrungen in der Praxis zu sammeln. So können wir beizeiten auch Hindernisse erkennen, wie sie im Alltag auftauchen können.
Zur Person
Michael Gerber ist Senior Systemarchitekt bei der SBB. Als Fachspezialist ist er Mitglied in der Fachgruppe Identity and Access Management der Standardisierungsorganisation eCH. Die E-ID und damit auch die SSI-Technologien sind von besonderem Interesse für die SBB. Das Unternehmen engagiert sich bereits in ersten Pilotprojekten mit SSI.



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