Best Practice 21.12.2020, 07:05 Uhr

Corona stärkt den Trend zur Agilität

Den Umzug ins Home Office sehen viele Mitarbeitende als Befreiung von Routinen. Doch führt diese Freiheit auch zu agileren Prozessen und stärkerer Kundenorientierung? Antworten liefert Christian Schmid von Campana & Schott Schweiz.
Christian Schmid ist Co-Lead Business Area Future Organization bei Campana & Schott Schweiz
(Quelle: Campana & Schott )
Computerworld: Gemäss der «Schweizer Social Collaboration Studie» stehen heimische Unternehmen auf der Reifegrad-Skala von 1 bis 7 durchschnittlich bei einem Wert von 4,07. Woran liegt es, dass viele Unternehmen sich erst auf der halben Strecke zum Ziel befinden?
Christian Schmid: In der Vergangenheit haben viele Firmen eine vermeintlich passende Organisationsstruktur definiert – bis zur nächsten Reorganisation. Doch eine starre Struktur eignet sich nicht, um den heutigen ständigen Wandel zu bewältigen. Das haben viele Unternehmen in der Corona-Krise erkannt. Sie müssen nicht nur verstärkt Social-Collaboration-Tools nutzen, sondern auch agiler werden.
CW: Wie unterstützt Campana & Schott Kunden dabei?
Schmid: Gemeinsam mit dem Kunden erarbeiten wir, wie viel Agilität an welcher Stelle in der Organisation sinnvoll ist. Wo ist der eigentliche Engpass in der Unternehmens-Performance? Mit welchen Methoden können z. B. Kunden­orientierung und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden gestärkt werden? Durch die Überwindung von Engpässen und das Erkennen von Trends verbessern wir die Organizational Excellence. Agile Denk- und Arbeitsweisen nehmen hier eine wichtige Rolle ein. Damit die Transformation gelingt, unterstützen wir mit einem umfassenden Change Management.
CW: Für viele sind agile Prozesse und Remote-Work-Konzepte nur vorübergehende Massnahmen. Wie verändert man das Mindset, um sie im Alltag zu manifestieren?
Schmid: Die Corona-Krise hat eindrücklich gezeigt, wie wichtig Agilität ist. So fühlten sich laut unseres Future Organization Reports agile Unternehmen besser auf die He­rausforderungen durch Covid-19 vorbereitet und konnten die Umstellung auf veränderte Arbeitsweisen besser bewältigen. Eines sollte jedem klar sein: Auch in Zukunft warten ständig neue Herausforderungen durch neue Technologien, disruptive Start-ups oder geänderte Kundenerwartungen. Hier müssen vor allem die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen und den Mitarbeitenden klar zeigen, dass sie agile Arbeitsweisen unterstützen und einfordern.
CW: Agile Methoden kommen auch in den Fachbereichen in Mode. Was hat sich hier in den letzten Jahren getan?
Schmid: In den letzten zwei Jahren hat sich viel verändert. Während früher nur wenige Vorreiter oder Teilbereiche einer Organisation agile Methoden einführten, sind diese inzwischen salonfähig geworden. Immer mehr Unternehmen verstehen, dass es sich hier nicht nur um neue Arbeitsmethoden, sondern um ein neues Mindset handelt. So dienen Werte und Prinzipien wie Kunden- und Ergebnisorientierung als Fundament, um die jeweils passende Arbeitsmethode zur Lösung komplexer Aufgaben zu finden.
CW: Inwieweit fördert die Corona-Krise agile Mindsets und Methoden?
Schmid: Wer bislang die Einführung agiler Prinzipien ignoriert oder gar abgelehnt hat, wurde durch die Corona-Krise ins kalte Wasser geworfen. Unternehmen und Mitarbeitende waren gezwungen, ihre Arbeitsweisen in kurzer Zeit zum Teil komplett umzustellen. Viele haben daran Gefallen gefunden und möchten die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Meist sind es die Führungskräfte, die zurück in die alten Strukturen wollen. Stattdessen sollten sie ihre Mitarbeitenden ermutigen, mehr Verantwortung zu übernehmen, und sie befähigen, selbstständiger Entscheidungen zu treffen. So kommt man am schnellsten zu einer sich konti­nuierlich entwickelnden Organisation.
CW: Aber können Unternehmen auch agiler werden, wenn alle Mitarbeitenden im Home Office sind?
Schmid: Natürlich, schliesslich werden agile Prozesse nicht von oben vorgegeben, sondern von unten gelebt. So müssen Mitarbeitende im Home Office neue Wege der Zusammenarbeit finden und neue Kommunikationskanäle eta­blieren. Dazu gehört etwa ein allmorgendlicher 15-minütiger Austausch im Team. Aber auch die teamübergreifende Kommunikation verbessert sich, wenn man plötzlich auf sich allein gestellt ist und nicht mehr erst den Vorgesetzten im Büro fragen muss. Viele dieser neuen agilen Arbeits­weisen werden bestehen bleiben.
CW: Wie hat die Krise die Organisationsentwicklung beeinflusst und welche Trends leiten Sie hieraus für 2021 und darüber hinaus ab?
Schmid: Nach dem ersten Lockdown war es für die meisten Mitarbeitenden eine schöne Aussicht – je nach Bedarf –, flexibel zwischen Büro und Home Office zu wählen. Doch der persönliche Austausch hat gefehlt. Das bedeutet für 2021, dass es keine Standardlösung geben wird. Hier wird es auf ein hybrides Modell hinauslaufen. Zudem möchten viele mehr Verantwortung haben und agiler arbeiten, andere dagegen einfach nur ihren Job erledigen. Allgemeingültige Prinzipien der Agilität, etwa das der Kundenzentrierung, kann man allen Mitarbeitenden näherbringen. Andere Prinzipien, etwa im Bereich der Eigenverantwortung und Selbst­organisation, kann man nicht verallgemeinern. Agilität wird zur Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung vieler Unternehmen – aber nicht zum einzigen Mittel der Wahl.


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