Souveränität bedeutet nicht Abschottung
Nachgefragt bei Swisscom
Thomas Wettstein leitet interimistisch den Bereich Geschäftskunden bei Swisscom und ist Mitglied im Executive Committee von Swisscom Schweiz. Im Interview ordnet er die Bedeutung von digitaler Souveränität ein und erklärt den konkreten Nutzen für die Kunden.
Das Gespräch steht auch als Video-Interview zur Verfügung.
Computerworld: Herr Wettstein, warum gewinnt digitale Souveränität gerade jetzt so stark an Bedeutung?
Thomas Wettstein: Die Fragestellung ist nicht neu, hat sich durch die geopolitische Lage aber deutlich zugespitzt. Unternehmen wollen bewusster entscheiden, wo ihre Daten, Systeme und Anwendungen liegen, wie resilient sie aufgestellt sind und welche Abhängigkeiten in ihrer Lieferkette bestehen. Neu ist vor allem, dass diese Entscheidungen nicht mehr allein die IT trifft. Das Business sitzt heute mit am Tisch. Damit rücken neben technischen Aspekten auch Kosten, Verträge und die langfristige Verfügbarkeit von Leistungen stärker in den Fokus.
CW: Was treibt die Unternehmen konkret an?
Wettstein: Die Motive unterscheiden sich je nach Branche. Es geht um gesetzliche Vorgaben, Business Continuity, Kostenkontrolle oder die Frage, was geschieht, wenn ein Anbieter, eine Verbindung oder eine Software plötzlich nicht mehr verfügbar ist. Die Strommangellage hat beispielsweise gezeigt, dass ein Arbeitsplatz wenig nützt, wenn die Datenverbindung ausfällt. Unternehmen übertragen damit Überlegungen, die sie aus physischen Lieferketten kennen, auf ihre IT. Sie prüfen, welche Alternativen vorhanden sind und ob der Betrieb auch beim Ausfall eines einzelnen Lieferanten weitergeführt werden kann.
CW: Ist digitale Souveränität vor allem für stark regulierte Branchen relevant?
Wettstein: Banken, Energieversorger, Spitäler und andere kritische Infrastrukturen beschäftigen sich aufgrund regulatorischer Vorgaben schon lange damit. Inzwischen führen aber auch viele andere Unternehmen entsprechende Analysen durch – nicht weil sie müssen, sondern weil sie ihre Handlungsfähigkeit sichern wollen. Dabei ist die Antwort fast nie schwarz oder weiss, sondern meistens hybrid. Regulierung ist somit nur ein Treiber. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass die IT unmittelbar mit der Geschäftskontinuität verbunden ist.
CW: Weshalb widersprechen sich Hyperscaler und digitale Souveränität nicht?
Wettstein: Souveränität bedeutet nicht Abschottung. Es geht darum, aktiv zu entscheiden, wo man die Innovationskraft und Geschwindigkeit globaler Cloud-Anbieter nutzen will und wo Kontrolle, Rechtsraum oder Resilienz stärker gewichtet werden. Ein Unternehmen kann sensible Daten auf einer Schweizer Plattform halten und zugleich KI-Modelle oder andere Services eines Hyperscalers nutzen. Entscheidend ist, dass die Kombination zu den Geschäftsanforderungen passt.
CW: Welche Möglichkeiten bietet Swisscom dafür?
Wettstein: Unser Anspruch ist ein End-to-End-Angebot: vom besonders geschützten eigenen Netz und der sicheren Konnektivitätslösung über Schweizer Rechenzentren und Cloud- beziehungsweise SaaS- und PaaS-Plattformen bis zum Arbeitsplatz. Gleichzeitig integrieren wir die Angebote der grossen Hyperscaler. Kundinnen und Kunden können damit je nach Bedarf unterschiedliche Bausteine kombinieren. Wichtig ist auch die Interoperabilität, damit diese Welten zuverlässig zusammenspielen. Ein Unternehmen muss sich also nicht für einen einzigen technologischen Weg entscheiden, sondern kann für jede Anwendung den passenden Grad an Kontrolle wählen.
CW-Chefredaktor Christian Bühlmann im Gespräch mit Thomas Wettstein, Head of B2B Swisscom a.i.
SwisscomCW: Welchen Vorteil hat Swisscom als Schweizer Anbieterin?
Wettstein: Wir arbeiten aus der Schweiz für die Schweiz, kennen die lokalen Rahmenbedingungen und die Besonderheiten der einzelnen Branchen. Hinzu kommt unsere Grösse: Wir können ein eigenes Netz, eigene Rechenzentren und Plattformen betreiben und langfristig in diese Infrastruktur investieren. Diese Verankerung schafft Vertrauen. Zugleich profitieren wir von den Erfahrungen aus vielen Kundenprojekten und vom Austausch innerhalb der Schweizer Wirtschaft.
CW: Wie finden Unternehmen heraus, wie viel Souveränität sie benötigen?
Wettstein: Die Ausgangslage ist sehr unterschiedlich. Einige kommen mit einer fertigen Strategie oder Ausschreibung zu uns. Andere beginnen mit einem Assessment oder einem Workshop, an dem Geschäftsleitung, Verwaltungsrat und IT gemeinsam teilnehmen. Daraus entsteht eine Roadmap, die sich häufig über drei oder vier Jahre erstreckt. Sie berücksichtigt bestehende Investitionen, verfügbare Ressourcen und die Veränderungsfähigkeit der Organisation. Digitale Souveränität ist deshalb selten ein einzelnes Beschaffungsprojekt, sondern eine schrittweise Transformation der bestehenden IT-Landschaft.
CW: Ist digitale Souveränität ein vorübergehender Hype?
Wettstein: Nein. Die Akzente werden sich verändern, die grundlegenden Fragen bleiben jedoch: Wo liegen meine Daten? Wer kontrolliert meine Systeme? Welche Abhängigkeiten gehe ich ein, und kann ich bei Bedarf wechseln? Solche Plattformen baut man nicht für wenige Jahre, sondern für Jahrzehnte. Für mich bedeutet digitale Souveränität deshalb, selbst am Steuer zu sitzen und das Beste aus verschiedenen Welten bewusst zu kombinieren.
CW: Vielen Dank für das Gespräch.