Handlungsfähigkeit statt Abschottung
Gastbeitrag
Entscheidend ist die Frage: Wie abhängig ist ein Unternehmen von einzelnen Technologieanbietern, Plattformen, Netzen und Lieferketten – und wie schnell kann es im Ernstfall ausweichen? Souveränität bedeutet deshalb nicht, sich von der globalen IT-Welt abzukoppeln. Sie bedeutet, die eigene Handlungsfähigkeit auch dann zu bewahren, wenn sich Preise, politische Rahmenbedingungen, Lieferketten oder Geschäftsmodelle von Technologiepartnern verändern.
Abhängigkeiten werden zum strategischen Risiko
Die vergangenen Jahre haben die Enterprise-IT grundlegend verändert. Cloud Computing, Software-as-a-Service und hochintegrierte Plattformen ermöglichen Skaleneffekte, die mit klassischen Infrastrukturen kaum erreichbar wären. Gleichzeitig konzentrieren sich immer mehr kritische Funktionen auf wenige globale Anbieter. Diese Entwicklung ist nicht grundsätzlich problematisch. Ein einzelner Provider kann eine Infrastruktur effizienter, sicherer und zuverlässiger betreiben als ein Unternehmen selbst. Kritisch wird es dort, wo ein Wechsel technisch, wirtschaftlich oder organisatorisch kaum noch möglich ist.
Besonders relevant sind drei Bereiche
Bei der Kommunikationsinfrastruktur können globale Anbieter zu einem kritischen Engpass werden. Fällt ein Provider aus, verändert sich seine Geschäftsstrategie oder wird ein Dienst aus politischen oder regulatorischen Gründen eingeschränkt, kann eine vermeintlich redundante Infrastruktur schnell an ihre Grenzen kommen. Zwei Verbindungen sind keine echte Diversifizierung, wenn beide über denselben Anbieter, dieselbe Technologie oder denselben physischen Pfad laufen.
Bei Software und Plattformen entsteht das Risiko vor allem durch Lock-in. Proprietäre Technologien können einen erheblichen geschäftlichen Nutzen bieten. Gleichzeitig können Änderungen bei Lizenzmodellen, Preisen oder Produktstrategien Unternehmen unmittelbar treffen. Besonders kritisch wird es, wenn eine Migration zwar theoretisch möglich, praktisch aber mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Die relevante Frage lautet deshalb nicht nur: «Was kostet diese Plattform heute?», sondern auch: «Was würde es kosten, sie morgen zu verlassen?»
Die dritte Dimension betrifft Hardware und Lieferketten. Digitale Souveränität endet nicht in der Cloud. Server, Speicher, Netzwerkkomponenten und Prozessoren sind ebenfalls Teil der Abhängigkeit. Engpässe bei Komponenten, geopolitische Konflikte oder eine starke Konzentration auf einzelne Hersteller können Verfügbarkeit und Kosten kritischer Infrastruktur beeinflussen. Nicht jede dieser Abhängigkeiten muss beseitigt werden. Entscheidend ist, die kritischen Abhängigkeiten zu erkennen und bewusst zu entscheiden, welche davon ein Unternehmen akzeptieren kann.
Architekturen brauchen Optionen
Damit verschiebt sich die Perspektive von der reinen Verfügbarkeit zur Austauschbarkeit. Ein System kann hochverfügbar sein und trotzdem strategisch abhängig bleiben. Wer beispielsweise zwei Cloud-Umgebungen nutzt, aber dieselben proprietären Schnittstellen, Sicherheitsmechanismen und Managementplattformen einsetzt, hat die technische Komplexität erhöht – nicht zwingend die eigene Handlungsfähigkeit. Souveränität entsteht dort, wo kritische Komponenten substituierbar sind. Dafür braucht es Abstraktion und klar definierte Schnittstellen. Anwendungen sollten möglichst wenig davon abhängig sein, über welchen konkreten Provider oder welches Netzwerk ihre Daten transportiert werden. In der Kommunikation kann diese Entkopplung einen entscheidenden Unterschied machen. Dynamische Routing-Mechanismen ermöglichen es, Datenströme abhängig von Verfügbarkeit, Kosten, Sicherheitsanforderungen oder regulatorischen Vorgaben über unterschiedliche Pfade zu führen.
Fällt ein Provider aus oder ändern sich die Rahmenbedingungen, muss nicht die gesamte Architektur neu aufgebaut werden. Dasselbe Prinzip gilt für Software und Infrastruktur: Standardisierte Schnittstellen, Datenportabilität und dokumentierte Abhängigkeiten schaffen Wechselmöglichkeiten. Dabei geht es nicht darum, für jede Komponente sofort einen zweiten Anbieter bereitzuhalten. Entscheidend ist, dass für kritische Systeme ein realistischer Ausweichpfad existiert.
Mess- und steuerbare Souveränität
Was sich nicht messen lässt, lässt sich nur schwer steuern. Unternehmen sollten deshalb beginnen, ihre digitalen Abhängigkeiten systematisch zu erfassen. Eine mögliche Souveränitätsquote könnte beispielsweise berücksichtigen, wie viele kritische Services von einem einzelnen Anbieter abhängen, wie portabel die zugrunde liegenden Daten sind, wie schnell ein alternativer Provider aktiviert werden kann und welche technischen oder vertraglichen Hürden einem Wechsel entgegenstehen. Dabei muss eine solche Kennzahl keine mathematische Präzision vortäuschen. Ihr Nutzen liegt darin, Abhängigkeiten sichtbar und vergleichbar zu machen. Das Management kann besser entscheiden, wo zusätzliche Investitionen tatsächlich die Resilienz erhöhen. Auch regulatorische Anforderungen wie NIS2, DORA oder Datenschutzvorgaben lassen sich so besser einordnen. Sie erhöhen den Druck, Risiken und Lieferketten zu verstehen, ersetzen aber keine Souveränitätsstrategie.
Ein Datenstandort in der Schweiz oder in Europa bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass eine Plattform bei Bedarf einfach ersetzt werden kann. Für IT-Entscheider ergibt sich daraus eine pragmatische Agenda: Zunächst sollten die kritischen Single Points of Failure identifiziert werden – von Cloud- und Netzwerkdiensten über Softwareplattformen bis zu Hardware- und Lieferketten. Für die wichtigsten Abhängigkeiten sollten anschliessend konkrete Exit-Szenarien definiert und regelmässig überprüft werden. Dabei darf ein Exit-Szenario auch zum Ergebnis haben, dass eine Abhängigkeit bewusst akzeptiert wird. Wenn der Wechsel zu einem alternativen Anbieter technisch oder wirtschaftlich keinen Sinn ergibt, ist das eine legitime Entscheidung. Problematisch ist nicht die Abhängigkeit selbst, sondern eine Abhängigkeit, die niemand kennt, bewertet oder beeinflussen kann. Digitale Souveränität ist keine Abkehr vom globalen Technologiemarkt. Schweizer Unternehmen werden auch künftig auf internationale Cloud-, Software-, Netzwerk- und Hardwareanbieter angewiesen sein. Entscheidend ist, diese Abhängigkeiten als strategische Variablen zu behandeln und nicht als unveränderliche Rahmenbedingungen.
Der Autor
Martin Kull, Vice President der Bechtle Switzerland