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Schweiz früh im Netz

Das Internet war anfangs ein Netzwerk für Wissenschaftler. 1991 wurde es kommerziell. Die Schweiz war dank des CERN und der beiden ETHs früh mit der künftigen «Cloud» verbunden.
Das US-Forschungsnetz NSFnet verband 14 Standorte – und das CERN in Genf
© (Quelle: Merit Network, Inc.)

Supercomputer und Forschungseinrichtungen waren die ersten Netzwerkknoten des heutigen Internets. In den USA existierten vor 30 Jahren etwas mehr als ein Dutzend Anschlüsse an das nationale Wissenschaftsnetz. Der Koordinator war die National Science Foundation (NSF), das Netz «NSFnet» war ausschliesslich für die Forschungs- und Wissenschaftsgemeinschaft zugänglich. Der Betreiber war seit Ende der 1980er Merit Network, ein Konglomerat aus Universitäten im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan, dem Bundesstaat selber sowie den Technologiekonzernen IBM und MCI. Die landesweit instal­lierten T1-Leitungen waren für Übertragungsraten von 1,5 Mbit/s ausgelegt (mit Wi-Fi 5 sind heute im WLAN bis zu 6900 Mbit/s möglich). Merit Network strebte Anfang der 1990er ein Upgrade auf T3-Verbindungen an. Mit sagenhaften 45 Mbit/s. «Als wir die Traffic-Auswertung begannen, zeigte sich einzig und allein eine Tendenz: mehr, mehr und nochmals mehr», sagte Ellen Hoffman von Merit Network den Verantwortlichen der NSF. Das Upgrade schien dringend erforderlich. Und es markiert aus heutiger Per­spektive einen Wendepunkt in der Historie des Internets. Denn es sollte nicht nur mehr Geschwindigkeit bieten.

Schweiz im offenen Internet

Mit dem Upgrade auf T3 waren umfangreiche technische Veränderungen verbunden bei gleichbleibend strengen Vorgaben für Betrieb und Verfügbarkeit. Die NSF als verantwortliche Instanz sah sich den veränderten Gegebenheiten nicht gewachsen und gründete eine gemeinnützige Organisation: Advanced Networks and Services (ANS). Sie zeichnete ab 1991 für das Forschungsnetz verantwortlich. Pa­rallel begann ANS Co+Re (Commercial plus Research) die Kommerzialisierung von Internet-Leitungen.

Als im November 1991 die T3-Verbindungen standen, waren an das neue «ANSnet» 16 Forschungsstätten und über 3500 Netzwerke angeschlossen. Im Jahr darauf wuchs das Internet auf mehr als 6000 verbundene Netzwerke. Damals war auch die Schweiz mit dem Hochschulnetzwerk «Switchlan» präsent. Es verband zunächst nur die beiden ETH-Standorte Lausanne und Zürich sowie das Kernforschungszentrum CERN. Bald sollte auch das Schweizer Hochleistungsrechenzentrum in Manno angeschlossen werden. Es wurde 1991 eröffnet.

Das Schweizer Forschungsnetz

Im März des gleichen Jahres berichtete Computerworld, die ETH Zürich habe bei NEC einen «Supercomputer der derzeit höchsten Leistungsklasse» geordert. Mit dem Zuschlag gingen die Wettbewerber Cray und Fujitsu-Siemens leer aus. Und die Japaner von NEC feierten eine Premiere. Sie hatten noch nie einen Hochleistungsrechner ins Ausland geliefert. Der damals brandneue SX-3 verfügte über zwei Zentralrechnereinheiten mit je 2,75 Milliarden FLOPS (Floating Point Operations Per Second) und kostete 23 Millionen Franken. Bei der Vernetzung wurde allerdings noch gespart: «Adula» – benannt nach dem Rheinwaldhorn – war über einen «Hochgeschwindigkeitskanal» mit den beiden ETHs verbunden. Durch den Kanal passten 2,0 Mbit/s. Der Ausbau auf 34 Mbit/s war allerdings schon geplant, doppelte Computerworld im April 1991 nach.

Mit der Installation im Tessin entstand vor 30 Jahren eine vierte Computer-Hochburg in der Schweiz – neben dem CERN und den ETHs. Die Rechner in Manno standen ursprünglich nur den schweizerischen Hochschulen für «spezielle Forschungsarbeiten mit grossen Datenmengen» zur Verfügung. Dabei wurde in erster Linie an die Ingenieur- und Naturwissenschaften gedacht – beispielsweise für die Simulation physikalischer Prozesse. Und weniger an die Informatik selber. Wie schnell sich die Disziplinen an­nähern sollten, war damals für Computerworld noch nicht absehbar. Die Zeitung berichtete vielmehr, dass die Zuteilung der Rechenzeit an die einzelnen Projekte nicht nach einer «Quotenregelung» erfolge, sondern nach Qualität und Wichtigkeit der Forschungsarbeiten.

Im Gegensatz zur heutigen Situation – in der das na­tionale Hochleistungsrechenzentrum auch Analysen für das CERN vornimmt – existierte 1991 noch keine Koope­ration. Die Daten aus dem 1989 fertiggestellten «Large Electron-Positron Collider» wurden noch lokal in der Westschweiz gespeichert und verarbeitet. Das CERN besass damals allerdings auch schon eine direkte Anbindung an das US-amerikanische «ANSnet». Und Tim Berners-Lee stand an der Schwelle, sein Forschungsprojekt «World Wide Web» in die Praxis zu überführen.

Das Telefonbuch des CERN

Berners-Lee hatte in seinem CERN-Büro schon zu Beginn des Jahres 1991 alle notwendigen Technologien fertig entwickelt. Sie waren allerdings noch auf die Next-Plattform beschränkt. Diese Einschränkung überwand die CERN-Gaststudentin Nicola Pellow, indem sie einen einfachen Text­browser programmierte, der auf beliebigen Plattformen lief. Um die Nutzung der neuen Technologie innerhalb des Kernforschungszentrums zu fördern, veröffentlichte Berners-Lee-Kollege Bernd Pollermann das CERN-Telefonbuch im Web. Anstatt sich auf den Mainframe für die Abfrage einer Durchwahlnummer einzuloggen, konnten nun die Informationen via Browser abgefragt werden.

Der 6. August 1991 wird als Geburtstag des Word Wide Web bezeichnet. An dem Tag ging allerdings nicht das Tele­fonbuch des CERN online. Vielmehr veröffentlichte Berners-Lee an dem Tag eine Zusammenfassung seines Projekts in der Newsgroup «alt.hypertext». Gleichzeitig lud er die Interessierten weltweit ein, sich an dem Projekt zu beteiligen. In Berners-Lees Büro im CERN lief damals schon der erste Webserver – mit detaillierten Informationen zum Projekt und zum Quellcode. Die Plattform für den Webserver war der brandneue Next Cube, den Berners-Lee aufgrund seiner grafischen Bedienoberfläche und der passenden Entwicklungsumgebung gewählt hatte.

Sankt Stefan an der ETH Zürich

Steve Jobs warb an der ETH um weitere Käufer seiner Next-Rechner © Quelle: Computerworld Schweiz

Die Euphorie für Next sollten nach dem Willen von Steve Jobs noch viel mehr Schweizer Anwender und Unternehmen teilen. So beschloss der damalige Präsident von Next, im November 1991 für eine Promotionstour nach Zürich zu reisen. Er bekam eine grosse, allerdings auch ungewöhn­liche Bühne: die ETH Zürich.

Mit viel Ironie berichtete dann auch Computerworld vom Auftritt der «wandelnden Computer-Legende»: «Hemmungslos gab sich ein dichtgedrängtes Auditorium den brillant dahergeworfenen Wortkaskaden und reibungslos vorgeführten Demos des eigens für zwei PR-Stunden in die Schweiz eingeflogenen Präsidenten von Next Computer hin. Steve Jobs zog zwei Stunden lang alle Register seiner Präsentationskünste, um die anwesenden Studenten und Entwickler aus Forschungs-, Industrie- und Bankenkreisen über die Vorzüge der Benutzeroberfläche Nextstep aufzuklären. Und Sankt Stefan, wie Jobs vom ehemaligen LSD-Papst Timothy Leary genannt wird, hatte Heimspiel: Seine Gags und Ausfälle gegen die Konkurrenz wurden ebenso heftig beklatscht wie im Hallenstadion die Hüftschwünge der Rockgrösse Tina Turner.»

Computerpionier Konrad Zuse wurde 1991zum Ehrendoktor der ETH ernannt

© Computerworld Schweiz

Computerpionier Konrad Zuse an der ETH

Die Kollegen von Computerworld Schweiz wohnten vor 30 Jahren dem Festakt der Abteilung für Informatik an der ETH Zürich zum zehnjährigen Jubiläum bei. Ein Gratulant war der damals 81-jährige Konrad Zuse, dem die ETH den Ehrendoktor verlieh. In seiner Festrede gab er sich bescheiden: Zuse bezeichnete es schlichtweg als «Glück», an der Entwicklung des Elektronenrechners beteiligt gewesen zu sein. «Die ersten Computerpioniere waren Ingenieure und Wissenschaftler, die leistungsstarke programmgesteuerte Rechenmaschinen für wissenschaftliche Berechnungen entwickeln wollten.» Der studierte Bauingenieur gestand indes: «Ich war selber zu faul zum Rechnen.»

Mit der Kommerzialisierung seiner Ideen hatte Zuse es dann auch nicht leicht. 1938 hatte ihm ein Rechenmaschinenhersteller erklärt, dass «auf dem Gebiet der Rechenmaschinen schon alles erfunden ist». Später verschreckte er Fabrikanten mit der Idee, die Entwürfe von Teppichen mithilfe von Rechenmaschinen zu erstellen. «So ist das Leben. Wer zu früh ist, hat Pech. Zwanzig Jahre später kam die Idee gross heraus. Jede Erfindung braucht den richtigen Zeitpunkt», resümierte Zuse.

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