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Bionisches Sehen: Chip gegen Blindheit

Das Netzhautimplantat PRIMA hat die CE-Kennzeichnung für 30 europäische Länder erhalten. Die Gehirn-Computer-Schnittstelle kann Menschen mit einer Spätform der Makuladegeneration einen Teil des zentralen Sehvermögens zurückgeben.

Das PRIMA-System verbindet einen unter der Netzhaut implantierten Fotovoltaik-Chip mit einer kamerabestückten Spezialbrille und einem tragbaren Bildprozessor.

© Science Corporation

Das US-amerikanische Medtech-Unternehmen Science Corporation bringt sein Netzhautimplantat PRIMA in Europa auf den Markt. Das System hat nach Angaben des Herstellers die CE-Kennzeichnung gemäss der europäischen Medizinprodukteverordnung erhalten. Sie erlaubt die kommerzielle Bereitstellung in 30 europäischen Ländern.

PRIMA richtet sich an Menschen, die aufgrund einer geografischen Atrophie ihr zentrales Sehvermögen weitgehend verloren haben. Dabei handelt es sich um eine fortgeschrittene Form der altersbedingten Makuladegeneration (AMD), bei der lichtempfindliche Zellen im Zentrum der Netzhaut absterben. Lesen oder das Erkennen von Gesichtern wird dadurch zunehmend schwieriger.

Science bezeichnet PRIMA als erste Gehirn-Computer-Schnittstelle mit CE-Kennzeichnung, die das Erkennen von Buchstaben, Zahlen und Wörtern ermöglichen soll. Der Hersteller hat im Juli 2026 den europäischen Marktstart angekündigt. Länderbezogene Erstattungsanträge und die Aktivierung geeigneter Kliniken seien jedoch noch im Gang. Die erste kommerzielle Implantation werde in Deutschland erwartet.

Vom Kamerabild zum Nervenimpuls

Das PRIMA-System kombiniert eine Spezialbrille mit einer Kamera, einem tragbaren Bildprozessor und einem Chip, der unterhalb der Netzhaut implantiert wird. Die Kamera nimmt ein Bild auf, das der Prozessor aufbereitet und über die Brille als Nahinfrarotlicht auf das Implantat projiziert.

Der zwei mal zwei Millimeter grosse Chip wandelt das Licht mit integrierten Fotodioden in elektrische Impulse um. Diese stimulieren noch funktionsfähige Nervenzellen der inneren Netzhaut. Von dort werden die Signale über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet.

Weil das Implantat die Energie aus dem projizierten Infrarotlicht bezieht, benötigt es weder eine Batterie noch eine Kabelverbindung durch die Augenwand. Eine Vergrösserungsfunktion der Brille kann zudem Buchstaben oder andere Objekte näher heranholen. Das System ersetzt damit nicht das gesamte natürliche Sehvermögen, sondern erzeugt im Bereich der geschädigten Makula einen zusätzlichen, technisch erzeugten Seheindruck.

Messbare Verbesserung bei 26 Personen

Die klinischen Ergebnisse stammen aus einer offenen, prospektiven Studie ohne Kontrollgruppe. Sie wurde an 17 Standorten in fünf Ländern durchgeführt und umfasste 38 Personen mit geografischer Atrophie. Finanziert wurde die Untersuchung von Science Corporation und dem Biomedical Research Centre des britischen Moorfields National Institute for Health and Care Research.

Nach zwölf Monaten konnten noch 32 der 38 Teilnehmenden untersucht werden. Bei 26 von ihnen – entsprechend 81 Prozent – verbesserte sich die Sehschärfe in einem klinisch relevanten Ausmass. Unter Einbezug der fehlenden Daten errechneten die Forschenden eine Quote von 80 Prozent für die gesamte Studiengruppe.

Nach Angaben des Unternehmens konnten 84 Prozent der Teilnehmenden mit dem System Buchstaben, Zahlen oder Wörter lesen. Die durchschnittliche Verbesserung entsprach 25,5 Buchstaben auf einer standardisierten Sehtafel. Die natürliche periphere Sehschärfe verschlechterte sich im Mittel nicht. Die Resultate wurden im «New England Journal of Medicine» veröffentlicht.

Die Studie dokumentierte allerdings auch 26 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse bei 19 Teilnehmenden. 21 dieser Ereignisse traten innerhalb der ersten beiden Monate nach der Operation auf; 20 davon waren gemäss Studienbericht innerhalb von zwei Monaten abgeklungen. Die kleine Teilnehmerzahl und das Studiendesign ohne Vergleichsgruppe begrenzen zudem die Aussagekraft.

Vom Forschungsprojekt zur Versorgung

Mit der CE-Kennzeichnung erreicht die Technologie eine neue Phase. Entscheidend ist nun nicht mehr allein die technische Funktion des Implantats, sondern dessen Integration in die medizinische Versorgung. Dazu gehören spezialisierte Operationen, die Anpassung der Brille, das Training der Betroffenen sowie die Klärung der Kostenübernahme.

Gerade bei Gehirn-Computer-Schnittstellen zeigt PRIMA damit, wie gross der Schritt vom klinischen Versuch zum regulären Einsatz ist. Implantat, Bildverarbeitung, Software, medizinischer Eingriff und Rehabilitation müssen als Gesamtsystem funktionieren. Gleichzeitig müssen Hersteller und Kliniken über längere Zeit Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit sammeln.

Für die Schweiz hat Science bislang weder einen konkreten Marktstart noch teilnehmende Kliniken angekündigt. Die CE-Kennzeichnung allein bedeutet daher noch nicht, dass das Implantat hier bereits verfügbar ist. Auch in Deutschland steht der breite Einsatz erst am Anfang.

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