«Jetzt ist die Zeit, Berufsbildung neu zu denken»
Interview Marc Marthaler
Computerworld: Dank KI benötigen wir keine Lernenden mehr – was machen Sie in Ihrer neu gewonnenen Freizeit?
Marc Marthaler: Vermutlich darüber diskutieren, warum wir plötzlich keine Fachkräfte mehr haben. (lacht) Im Ernst: Die Vorstellung, dass wir dank KI keinen Nachwuchs mehr brauchen, ist der sichere Weg in den Fachkräftemangel von morgen. Mich interessiert weniger, wie viele heutige Tätigkeiten KI übernehmen kann. Wichtig ist, dass wir in fünf oder zehn Jahren Fachkräfte haben, die unsere Unternehmen weiterentwickeln. KI automatisiert Tätigkeiten, schafft aber auch neue Aufgaben. Dabei wird technisches Wissen allein nicht reichen. Soziale und kreative Fähigkeiten werden genauso wichtig. Nachwuchs auszubilden bedeutet eben nicht nur, zusätzliche Arbeitskräfte für die Aufgaben von heute zu gewinnen. Unternehmen bauen damit ihre nächste Generation von Fach- und Führungskräften auf. Für mich ist deshalb klar: Jetzt ist nicht die Zeit, weniger auszubilden, sondern Berufsbildung neu zu denken!
CW: Warum sollte sich ein junger Mensch in der Schweiz noch für eine Lehre in der ICT entscheiden?
Marthaler: Vielleicht gerade deshalb, weil niemand seriös sagen kann, wie ein ICT-Job in zehn Jahren genau aussehen wird. Genau darin liegt doch der Reiz dieser Berufe. Mit einer ICT-Lehre entscheidet man sich nicht für eine bestimmte Tätigkeit bis zur Pensionierung. Wer heute eine ICT-Lehre beginnt, wird während seines Berufslebens mehrfach Dinge tun, die es heute noch gar nicht gibt. Bei diesen Entwicklungen mittendrin zu sein, finde ich unglaublich spannend! Und eine ICT-Lehre vermittelt mehr als technisches Wissen. Probleme lösen, kreativ denken, im Team arbeiten und technologische Ergebnisse kritisch beurteilen: Diese Fähigkeiten werden mit KI noch wichtiger. Dazu kommt ein grosser Vorteil unseres Bildungssystems: Nach dem EFZ ist noch lange nicht Schluss. Man kann sich spezialisieren, eine höhere Berufsbildung absolvieren, an einer Fachhochschule studieren oder sich später nochmals völlig neu orientieren. Eine ICT-Lehre ist deshalb keine Ausbildung für einen bestimmten Job, sondern eine Grundlage, auf der man immer wieder aufbauen kann.
CW: In den letzten Wochen mussten wir lesen, dass die Anzahl von ICT-Lehrstellen zurückging. Auch von spezialisierten Ausbildungsbetrieben, die schliessen mussten, war zu lesen. Sind das die ersten konkreten Auswirkungen der KI auf die Berufsbildung?
Marthaler: Ich würde hier vorsichtig sein und nicht jede wirtschaftliche Schwierigkeit einer Unternehmung auf KI zurückführen. Der Rückgang der Ausbildungsbetriebe hat lange vor dem aktuellen KI-Boom begonnen. Zwischen 2012 und 2020 ist ihre Zahl in der Schweiz von beinahe 66'000 auf unter 59'000 gesunken – obwohl die Zahl der Arbeitsstätten im selben Zeitraum von über 640'000 auf beinahe 695'000 angewachsen ist. Die Gründe dafür sind vielfältig: demografische Effekte, wirtschaftlicher Druck, administrativer Aufwand. Vor allem aber sind die bestehenden Strukturen durch das Tempo des wirtschaftlichen und technologischen Wandels überfordert und lassen insbesondere den Betrieben teilweise zu wenig Flexibilität. KI kann diese Entwicklung zusätzlich verschärfen. Und wenn Unternehmen selbst nicht wissen, welche Kompetenzen sie in fünf Jahren brauchen, entsteht schnell die Versuchung, bei der Ausbildung zuzuwarten. KI ist für mich deshalb weniger die Ursache als ein Verstärker für ein Problem, das schon länger besteht: Das System reagiert zu langsam auf Veränderungen.