Anzeige
Anzeige
Anzeige
Lesedauer 6 Min.

«Jetzt ist die Zeit, Berufsbildung neu zu denken»

Sinkende Lehrstellenzahlen, KI im Arbeitsalltag und neue Tätigkeitsprofile fordern die Berufsbildung heraus. Marc Marthaler, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz erläutert, warum Weiterbildung wichtiger wird und der Berufsbegriff neu zu denken ist. Nicht weniger, sondern mehr Ausbildung ist gefragt, sagt er. Und wünscht sich, dass das Wort «Beruf» künftig weniger eng verstehen würde.

Marc Marthaler Geschäftsführer des nationalen Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. 

© ICT-Berufsbildung

Computerworld: Dank KI benötigen wir keine Lernenden mehr – was machen Sie in Ihrer neu gewonnenen Freizeit?

Marc Marthaler: Vermutlich darüber diskutieren, warum wir plötzlich keine Fachkräfte mehr haben. (lacht) Im Ernst: Die Vorstellung, dass wir dank KI keinen Nachwuchs mehr brauchen, ist der sichere Weg in den Fachkräftemangel von morgen. Mich interessiert weniger, wie viele heutige Tätigkeiten KI übernehmen kann. Wichtig ist, dass wir in fünf oder zehn Jahren Fachkräfte haben, die unsere Unternehmen weiterentwickeln. KI automatisiert Tätigkeiten, schafft aber auch neue Aufgaben. Dabei wird technisches Wissen allein nicht reichen. Soziale und kreative Fähigkeiten werden genauso wichtig. Nachwuchs auszubilden bedeutet eben nicht nur, zusätzliche Arbeitskräfte für die Aufgaben von heute zu gewinnen. Unternehmen bauen damit ihre nächste Generation von Fach- und Führungskräften auf. Für mich ist deshalb klar: Jetzt ist nicht die Zeit, weniger auszubilden, sondern Berufsbildung neu zu denken! 

CW: Warum sollte sich ein junger Mensch in der Schweiz noch für eine Lehre in der ICT entscheiden?

Marthaler: Vielleicht gerade deshalb, weil niemand seriös sagen kann, wie ein ICT-Job in zehn Jahren genau aussehen wird. Genau darin liegt doch der Reiz dieser Berufe. Mit einer ICT-Lehre entscheidet man sich nicht für eine bestimmte Tätigkeit bis zur Pensionierung. Wer heute eine ICT-Lehre beginnt, wird während seines Berufslebens mehrfach Dinge tun, die es heute noch gar nicht gibt. Bei diesen Entwicklungen mittendrin zu sein, finde ich unglaublich spannend! Und eine ICT-Lehre vermittelt mehr als technisches Wissen. Probleme lösen, kreativ denken, im Team arbeiten und technologische Ergebnisse kritisch beurteilen: Diese Fähigkeiten werden mit KI noch wichtiger. Dazu kommt ein grosser Vorteil unseres Bildungssystems: Nach dem EFZ ist noch lange nicht Schluss. Man kann sich spezialisieren, eine höhere Berufsbildung absolvieren, an einer Fachhochschule studieren oder sich später nochmals völlig neu orientieren. Eine ICT-Lehre ist deshalb keine Ausbildung für einen bestimmten Job, sondern eine Grundlage, auf der man immer wieder aufbauen kann.

CW: In den letzten Wochen mussten wir lesen, dass die Anzahl von ICT-Lehrstellen zurückging. Auch von spezialisierten Ausbildungsbetrieben, die schliessen mussten, war zu lesen. Sind das die ersten konkreten Auswirkungen der KI auf die Berufsbildung?

Marthaler: Ich würde hier vorsichtig sein und nicht jede wirtschaftliche Schwierigkeit einer Unternehmung auf KI zurückführen. Der Rückgang der Ausbildungsbetriebe hat lange vor dem aktuellen KI-Boom begonnen. Zwischen 2012 und 2020 ist ihre Zahl in der Schweiz von beinahe 66'000 auf unter 59'000 gesunken – obwohl die Zahl der Arbeitsstätten im selben Zeitraum von über 640'000 auf beinahe 695'000 angewachsen ist. Die Gründe dafür sind vielfältig: demografische Effekte, wirtschaftlicher Druck, administrativer Aufwand. Vor allem aber sind die bestehenden Strukturen durch das Tempo des wirtschaftlichen und technologischen Wandels überfordert und lassen insbesondere den Betrieben teilweise zu wenig Flexibilität. KI kann diese Entwicklung zusätzlich verschärfen. Und wenn Unternehmen selbst nicht wissen, welche Kompetenzen sie in fünf Jahren brauchen, entsteht schnell die Versuchung, bei der Ausbildung zuzuwarten. KI ist für mich deshalb weniger die Ursache als ein Verstärker für ein Problem, das schon länger besteht: Das System reagiert zu langsam auf Veränderungen. 

«Wir müssen Bildung stärker als kontinuierlichen Prozess verstehen.»

Marc Marthaler

CW: Wie würden Sie die Berufsbildung revolutionieren?

Marthaler: Ich würde nicht nur Anpassungen im System vornehmen, sondern auch grundlegende Fragen stellen und am System arbeiten. Ich bin überzeugt, dass sich die heutigen Herausforderungen nicht allein durch punktuelle Optimierungen lösen lassen. Die Berufsbildung der Zukunft ist für mich agiler, modularer und stärker in breiten Berufsfeldern organisiert. Auf einem gemeinsamen Fundament können Lernende individuelle Schwerpunkte setzen. Sie integriert digitale und überfachliche Kompetenzen systematisch und schafft nahtlose Übergänge zwischen Grund- und Weiterbildung. Die Lernorte sind durchlässig gestaltet, und die Qualität wird auf allen Ebenen systematisch entwickelt. Die Governance ist schlank, mit klaren Verantwortlichkeiten und hauptsächlich privatwirtschaftlicher Führung. So geniesst die Berufsbildung höchste gesellschaftliche Anerkennung und bildet das Rückgrat einer innovativen, wettbewerbsfähigen Wirtschaft. Damit wir dies erreichen, braucht es die Bereitschaft, Bestehendes zu hinterfragen und neue Wege zu denken. So eine grundlegende Neuausrichtung der Schweizer Berufsbildung soll die historischen Stärken des Systems bewahren und muss gleichzeitig dessen Zukunftsfähigkeit sicherstellen.

CW: Braucht es also weniger Vorgaben und mehr Freiheit?

Marthaler: Ja, aber nicht im Sinne von Beliebigkeit. Es braucht weiterhin einen verbindlichen Kern, der schweizweit für Qualität und Vergleichbarkeit sorgt. Ich könnte mir vorstellen, dass 60 bis 70 Prozent der Kompetenzen zentral definiert sind. Bei den restlichen 30 bis 40 Prozent könnten Betriebe und Lernende eigene Schwerpunkte setzen. So können Unternehmen viel schneller auf neue Anforderungen reagieren, ohne dass gleich das ganze Berufsbild angepasst werden muss. Auch bei den Vorgaben selbst würde ich deutlich entschlacken. Warum braucht es umfangreiche Grundlagen, wenn sich das Wesentliche auf einer A4-Seite festhalten lässt? Und statt alle zehn Jahre eine grosse Revision durchzuführen, sollten wir Berufe laufend weiterentwickeln. Unsere heutigen Prozesse sind dafür schlicht zu langsam. Mehr Freiheit heisst für mich deshalb nicht weniger Qualität, sondern mehr Spielraum innerhalb klarer Leitplanken. Entscheidend ist und bleibt aus meiner Sicht, dass sich die Debatte nicht auf die Optimierung bestehender Strukturen beschränkt, sondern sich mit der Frage auseinandersetzt, wie eine zukunftsfähige Berufsbildung für eine grundlegend veränderte Arbeitswelt aussehen kann.

CW: Und was bedeutet das für die Weiterbildung?

Marthaler: Die harte Grenze zwischen Grundbildung und Weiterbildung ergibt für mich immer weniger Sinn. Warum sollte ein Modul, das jemand mit 17 absolviert, später nicht auch für eine Weiterbildung oder Umschulung relevant sein? Wer heute eine Ausbildung abschliesst, wird sich im Laufe seines Berufslebens mehrfach neu qualifizieren müssen. Deshalb müssen wir Bildung stärker als kontinuierlichen Prozess verstehen. Kompetenzen sollten aufeinander aufbauen und in einem nationalen Kompetenzpass dokumentiert und sichtbar sein – unabhängig davon, wo und wann sie erworben wurden. So wird lebenslanges Lernen tatsächlich Teil des Systems.

CW: Vielen Dank für das Gespräch.

ICT-Berufsbildung Schweiz ist die nationale Organisation der Arbeitswelt für ICT-Berufe. Sie entwickelt Berufsbilder, fördert den Nachwuchs und stärkt die Aus- und Weiterbildung. www.ict-berufsbildung.ch

Interview Künstliche Intelligenz (KI) ICT-Branche
Anzeige

Neueste Beiträge

KI erreicht erstmals die Mehrheit der deutschen Unternehmen
Zum ersten Mal zeigt die Bitkom-Befragung deutscher Unternehmen, dass eine Mehrheit von ihnen Künstliche Intelligenz einsetzt. Allerdings stehen die meisten Firmen bei der Nutzung des Potenzials noch ganz oder weitgehend am Anfang.
4 Minuten
17. Sep 2026
Homebrew: Software-Installation auf dem Mac ganz leicht - Apple-Ecke
Mit Homebrew wird die Installation von Software unfassbar viel einfacher. Was auf den ersten Blick wie ein Werkzeug für Entwickler aussieht, hilft allen Mac-Anwendern bei der Verwaltung der Programme. Mit diesem Leitfaden ist der Wechsel ein Klacks.
6 Minuten
17. Sep 2026
Galaxus eröffnet ein neues Lager in Bülach für Dauerbrenner-Artikel
Galaxus hat im zürcherischen Bülach ein neues Lager mit 9000 Quadratmetern in Betrieb genommen. Damit schafft der Onlinehändler zusätzliche Kapazität für Artikel wie Batterien und Kaffeekapseln, die täglich hundertfach bestellt werden.
3 Minuten
17. Sep 2026

Das könnte Sie auch interessieren

Thomas Memmel neuer CEO von Adnovum
Der Verwaltungsrat des Schweizer Softwareunternehmens Adnovum hat Thomas Memmel zum CEO ernannt. Er übernimmt die Führung des Unternehmens ab Januar 2027.
2 Minuten
Bundesrat wählt Tobias Walser in den ETH-Rat
Der Bundesrat hat den Umweltnaturwissenschaftler Tobias Walser als Delegierten der Hochschulversammlungen der ETH Zürich und der EPFL in den ETH-Rat gewählt.
2 Minuten
Neuer Technologiechef für Swyx: Sebastian Theiss wechselt zu Enreach
Enreach verstärkt sein Product-&-Technology-Team: Sebastian Theiss verantwortet seit Anfang September die technologische und strategische Weiterentwicklung von Swyx.
3 Minuten
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige