Ozzie 29.10.2008, 15:05 Uhr

"Wir zapfen eine neue Computing-Ebene an"

Im Computerworld-Exklusivinterview erklärt Microsofts oberster Software-Architekt, Ray Ozzie, das Computing-Konzept hinter Windows Azure und äussert sich zur Zukunft des Desktop-Betriebssystems.
Laut Ray Ozzie hat das Desktop-Betriebssystem trotz Cloud-Computing eine Zukunft
Als Chief Software Architect von Microsoft war es das Privileg von Ray Ozzie, während seiner Grundsatzrede an der Entwicklerkonferenz PDC (Professional Developers Conference) in Los Angeles, die Cloud-Plattform Windows Azure der Redmonder zu präsentieren (Computerworld.ch berichtete ausführlich). Unsere USA-Korrespondentin, Elizabeth Montalbano, sprach nach der Präsentation mit Ozzie über die Pläne.
CW: Windows Azure erlaubt es Programmierern in Unternehmen, ihre Applikationen ins Web zu stellen. Gilt das jetzt auch für Microsofts Entwickler?
Ozzie: Ja, und dies schon seit längerem. Wir haben unsere internen Ressourcen betrachtet und die Trends beobachtet. Dabei kam heraus, dass unsere Systementwickler sich immer mehr mit Web-Services auseinandersetzten. Nach genauen Analysen der Situation kamen wir zum Schluss, dass hier eine neue Computing-Ebene ensteht, die es anzuzapfen gilt, und dass es eine Rolle gibt für diesen neuen Computer, diesen Computer im Himmel, diesen Computer in der Wolke.
CW: Wann war das?
Ozzie: Ich erinnere mich, das erste Dokument zu diesem Thema im Dezember 2005 verfasst zu haben und dass wir im folgenden Jahr ausgiebige Diskussionen geführt haben. Wir kamen zur Einsicht, dass es eine dritte Computing-Stufe geben muss. Dabei bleiben aber die erste Stufe, der Desktop-PC, und die zweiten Stufe, die Windows-Server, die das Unternehmen bedienen, bestehen.
Als dritte Ebene gesellt sich diesen beiden Stufen das Cloud-Computing hinzu, das das gesamte World Wide Web bedient.
Hierbei gehen wir einen Schritt weiter als Amazon. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe grossen Respekt vor Jeff Bezos und seiner Elastic Compute Cloud (EC2), sie dürfen durchaus ale Wegbereiter des Cloud-Computing gelten. Aber grundsätzlich haben sie ein Hosting-Modell und existierende Betriebssysteme genommen und diese in der Wolke platziert.
CW: Wenn wir Sie richtig verstehen, ist Windows Azure mehr, als Windows, das in die Cloud gestellt wird. Können Sie uns erklären inwiefern?
Ozzie: Ich werde es versuchen, am liebsten mit einer Analogie. Sagen wir, dass mein Kollege dort drüben (Ozzie deutet auf Microsoft-Mitarbeiter Richard Eckel) mir einen Tennisball zuwirft. Dann wirft er mir einen zeiten zu und einen dritten. Drei Bälle kann ich fangen und jonglieren. Ich lasse mich also - um einen Ausdruck aus der Computerindustrie zu benützen - skalieren. Nehmen wir aber an, er wirft mir 100 Bälle hin. Es gibt eine Grenze, bis zu der ich nicht weiter skalierbar bin und nicht nur keine weiteren Bälle mehr aufnehmen kann, sondern diejenigen, mit denen ich bereits jongliere, ebenfalls verliere. Wenn wir aber alle als Gruppe auftreten und uns beim Bälle fangen abwechseln sowie ständig neue Personen dieser Gruppe hinzufügen, können wir alle fangen, die er uns zuwirft. Unser System skaliert somit weiter. Doch irgendwann wird der Organisationsaufwand für all die Leute sehr gross und das System stösst an eine Grenze. Genau dasselbe ist mit Unternehmensanwendungen wie Notes und Exchange der Fall, sie wachsen ständig, bis es irgendwann nicht mehr geht.
CW: Wie lösen Sie das Problem?
Ozzie: Wir müssen somit ein andere Herangehensweise an den Bau von Software haben. Bestes Beispiel ist Hotmail. Diese Applikation oder dieser Webdienst wurde bereits mit der Absicht entworfen, Millionen von Anwender zu bedienen.
Um bei unserer Tennisball-Analogie zu bleiben: Wir müssen ein Programm schreiben, das nur einen einzigen Ball fangen und diesen in die Luft werfen kann. Ihm müssen viele ähnlich simple Applikationen beigesellt werden, die ebenfalls nur eine Aufgabe erledigen können. So lassen sich schlussendlich mehr geworfene Bälle verarbeiten, als wenn wir eine Software entwerfen, der wir mühsam das Jonglieren beibringen.
CW: Beim Gespräch mit Anwendern ist uns aufgefallen, dass diese Windows Azure unter anderem deshalb willkommen heissen, weil Applikationen geschrieben werden können, die nicht mehr so sehr vom Desktop-Betriebssystem abhängig sind. Microsoft verdient aber nach wie vor einen grossen Teil seines Geldes mit Windows-Clients. Schneiden Sie sich da nicht ins eigene Fleisch?
Ozzie: Lassen Sie mich ein paar Dinge auseinanderhalten. Was wir heute gezeigt haben, ist der Computer im Himmel. Windows Azure hat dabei keine direkte Korrelation mit dem, was auf Ihrem PC oder auf sonstigen Geräten passiert.
Leute kaufen einen PC, weil sie die Form gut finden und weil sie die Applikationen mögen, die darauf laufen. Klar werden in Zukunfte Dienstleistungen aus der Cloud beigezogen werden. Aber der Entschluss, sich einen PC anzuschaffen, gründet sich in den Kosten und in den Funktionen, die dieser bietet. Windows 7, 8, 9 oder wie immer die künftigen Betriebssysteme heissen mögen, werden erfolgreich sein für uns, weil sie zusammen mit der künftigen Hardware das beste aus den Geräten herausholen werden. Dass der PC auch noch diese oder jene Dienstleistung im Web anzapfen wird, spielt bei der Anschaffung dann weniger eine Rolle.
CW: Derzeit wird Microsoft massiv von Google unter Druck gesetzt und zwar gleich von zwei Seiten. Die Firma bedrängt Sie in Sachen Webdiensten, aber auch mit neuen Desktop-Applikationen. Wie wehren Sie sich dagegen?
Ozzie: Ach was! Google ist doch erst der Anfang. Wir haben noch viel mehr Konkurrenten. Da ist SAP und Salesforce.com mit ihren Geschäftsapplikationen.
Ich bin ja erst seit etwas mehr als drei Jahren bei Microsoft. Ich habe aber etwas schätzen gelernt: Hier herrscht ein ausgeprägte und unverwüstliche Kultur des Sich-nicht-unterkriegen-lassens. Jedesmal wenn eine Schlacht zu schlagen ist, entwickelt sich diese Kultur weiter und lernt von dieser Schlacht. Kommt eine neue Herausforderung, paralysiert das die Leute überhaupt nicht. Sie sagen sich viel mehr: 'Ok, reissen wir das Segel wieder einmal herum und ändern unseren Kurs'.
Nehmen wir Open-Source. Zuerst dachten viele, Software ist jetzt nichts mehr wert. Aber Firmen mussten Open-Source mit unseren Systemen verbinden. Das hat sogar zu mehr Nachfrage auf unserer Seite geführt.
Daher habe ich auch keine Angst vor Google. Wenn wir unsere Kunden im Auge behalten, werden wir von der Konkurrenzsituation lernen und uns verbessern.
CW: In Windows 7 fehlen einige Applikationen. Sie werden künftig unter Windows Live als Service angeboten. Wird sich somit Windows zu einer Art Kontrollsystem entwickeln, das all diese Dienstleistungen organisiert und bereitstellt?
Ozzie: Das ist eine interessante Perspektive. Es wird aber eher so sein, dass es Anwendungen geben wird, die sich eher als Service anbieten, und solche die als Applikation auf dem PC besser aufgehoben sind. So haben wir Programme als Service ins Web gestellt, die dort sinnvoller sind wie Movie Maker und Photo Gallery.
Die Kernaufgabe des Betriebssystem wird dagegen bleiben, zwischen den mittlerweile sehr zahlreichen unterschiedlichen Rechnern - vom Smartphone bis zum Desktop-PC - und dem Endanwender zu vermitteln. Das OS wird weiterhin das Beste aus dem Gerät holen und daher auch seine Daseinsberechtigung beibehalten.
Zur Person

Ray Ozzie ist als Chief Software Architect bei Microsoft offiziell in die Fussstapfen des Gründers des Softwareriesen, Bill Gates, getreten. Mit Windows Azure, der Cloud-Computing-Plattform der Redmonder, ist er dabei, seine Vison von der Zukunft des Webs in die Tat umzusetzen. Dabei entlehnt Windows Azure übrigens Konzepte von Groove Networks, einer Firma, die Ozzie vor seiner Tätigkeit bei Microsoft gegründet hatte.

Aber schon vor diesem Start-up-Engagement galt Ozzie als IT-Koryphäe, ist er doch einer der Urväter der Groupware Lotus Notes.


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