Schweizer EDV-Markt schrumpft erstmals

«Publizitätsangst» geht um

Auszug aus einem IHA-Fragebogen: Konnte ein EDV-Leiter derartige Fragen überhaupt genau beantworten?
Quelle: Computerworld
Mit dem Phänomen der erstmals rückläufigen Investitionen in die EDV befassten sich 1992 noch mehr Marktforschungsfirmen. Sie kamen teils zu anderen Ergebnissen, wie Computerworld berichtete. So wurde den 1,3 Milliarden Franken für extern beschaffte Software aus der IHA-Studie eine Summe von 1,6 Milliarden Franken gegenübergestellt. Das Marktforschungsunternehmen IDC Schweiz wollte diese Zahl aufgrund einer Anbieterbefragung gewonnen haben. «Da IHA von 4300 ausgewerteten Fragebögen auf 304 000 Schweizer Betriebe hochrechnet, kann es hier und da zu Diskrepanzen kommen», versuchte sich Frank Flügel von IDC Schweiz in einer Erklärung gegenüber Computerworld. Die Verantwortlichen der Anbieterbefragung gestanden denn allerdings auch ein, dass «die Zahlen im Bereich Investitionen in Standard-Software mit einiger Vorsicht zu geniessen sind und eine Abweichung von plus/minus 15 Prozent möglich ist». Der einfache Grund: In vielen Schweizer Betrieben herrsche eine grosse «Publizitätsangst» zu Investitionen und Kosten.
Zudem bezweifelten die Kritiker der IHA-Untersuchung, dass in einer Firma ein EDV-Leiter über Investitionen und Einsatzort jeder Computergerätschaft genau Bescheid wisse. Hinzu kam, dass immer weniger Unternehmen und EDV-Leiter auskunftsbereit waren, weil sie sich durch die vielen mündlichen und schriftlichen Befragungen genervt fühlten. «Das mache ich nicht mehr mit, weil ich keine Zeit habe, stundenlang Fragebögen auszufüllen oder am Telefon Fragen zu beantworten», meinte beispielsweise Jacqueline Fendt, EDV-Chefin beim Handelshaus Sieber Hegner, auf Anfrage von Computerworld. IHA-Experte Franz Kohler gestand, dass tatsächlich «immer mehr Überzeugungsarbeit» zu leisten sei.
Für diese zusätzlichen Bemühungen mussten sich auch die Marktforscher an die eigene Nase fassen. Denn vonseiten der Umfrageteilnehmer wurde Kritik auch an den Fragebögen laut. Karl Abril, Marktanalyst bei Siemens, erläuterte: «Neben falschen Fragestellungen ist die Art der Fragestellung in den Umfragebögen manchmal naiv. Einiges ist einfach nicht machbar.» Beispielsweise sei es schwierig zu sagen, welche Umsätze in den einzelnen Marktsegmenten erzielt wurden. Aber auch die befragten EDV-Verantwortlichen stöhnten: «Einige Fragen einer ETH-Studie über den Bedarf an Wirtschaftsinformatikern waren missverständlich formuliert», kritisierte Fendt von Sieber Hegner. Die Studienleitung bei IBM Schweiz erklärte auf Anfrage, dass man mit Fragebögen unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe. Völlig daneben sei keine Studie, doch hätte die «Fragestellung manchmal geschickter» sein können, gestanden die Marktforscher.

Statistik-Tricks der Hersteller

Unklare Definitionen konnten – insbesondere bei Herstellerbefragungen – zu groben Fehlangaben führen. Denn die Unternehmen nutzten sie zu ihrem eigenen Vorteil. «Wenn man die Absatzzahlen aller Hersteller über PCs, Terminals, Workstations und andere Endgeräte addiert», höhnte Siemens-Mann Abril, «dann kommt man zu völlig unrealistischen Stückzahlen.» Felix Zimmermann, Chef von Tandon Schweiz, wusste von einem Mitarbeiter, dass dessen frühere Firma die Zahl der verkauften Systeme für das «Weissbuch» von Informatikberater Robert Weiss regelmässig verdoppelte.
Dagegen bestritt IDC-Marktforscher Marcel Meili, dass von den Anwendern oder Anbietern grundsätzlich falsche Zahlen genannt wurden. Doch genaue Daten gaben viele auch nicht heraus. «Wir beantworten die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, soweit es unsere Geschäftsgrundsätze erlauben», erklärte ein Pressesprecher von IBM Schweiz. Der «Weissbuch»-Herausgeber Weiss erfuhr laut eigener Aussage «eine Reihe von IBM-PC-Zahlen» durch ein vertrauliches Gespräch mit einem IBM-Vertreter, sodass er sich die gesuchten Zahlen letztendlich «durch Kombination ausrechnen» konnte.
Hinter manchen veröffentlichten Zahlen steckte auch eine ganze Menge Marketing – das galt besonders für Herstellerangaben. Nach Expertenmeinungen seien die Zahlen von Microsoft und IBM über eingesetzte Windows- beziehungsweise OS/2-Kopien nicht selten übertrieben gewesen. Mit diesen Propagandazahlen sollte hauptsächlich die Entwicklung von Windows- und OS/2-Applikationen forciert werden. Im Fall von Microsoft ist diese Rechnung offenbar ganz gut aufgegangen.



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