Patrick Naef über CIOs 02.09.2020, 06:34 Uhr

«IT ist Teil jedes Geschäftsprozesses»

Schon vor Corona zeichnete sich ab, dass die IT an Bedeutung gewinnt. Damit wandelt sich auch die Rolle des CIOs. Er muss die IT zum Bestandteil jedes Geschäftsprozesses machen, sagt Patrick Naef im Interview.
Heute ist Patrick Naef unter anderem als Personalberater bei Boyden Switzerland tätig
(Quelle: Emirates)
Wenn die IT zum Kerngeschäft aller Wirtschaftsbetriebe wird, muss der IT-Leiter zum CEO befördert werden. Während der erste Teil der Aussage je länger, je mehr die Realität widerspiegelt, findet die Beförderung des CIOs nur in Einzelfällen statt. Die IT-Leiter werkeln vielmehr weiterhin im «Maschinenraum» und sorgen dafür, dass der (Cloud-)Betrieb läuft. Der Digitalisierungsberater Patrick Naef erklärt im Interview, wie sich CIOs für die neue Unternehmensrealität besser aufstellen können – und müssen.
Computerworld: Sie waren selbst lange Jahre als CIO von internationalen Konzernen tätig. In Zeiten der Digitalisierung dürfte die Rolle des CIOs an Bedeutung gewinnen.
Patrick Naef: Davon ist auszugehen. Allerdings würde ich zunächst einen Unterschied machen wollen zwischen der Digitalisierung und der digitalen Transformation.
Unter Digitalisierung verstehe ich, wenn Unternehmen die modernste Technologien zur Automatisierung ihrer etablierten Geschäftsprozesse und Märkte einsetzen. Hingegen ist die digitale Transformation, wenn ein Unternehmen die Technologie einsetzt, um neue Geschäftsmodelle oder Märkte zu erforschen, seine Kernprozesse technologiebasiert neu gestaltet und/oder neue Produkte und Dienstleistungen unter Verwendung von IT entwickelt.
CW: Welche Gemeinsamkeit gibt es?
Naef: Für beide gilt: Technologie ist mittlerweile zu einem integralen und strategischen Bestandteil des Unternehmens geworden. Damit kann sie nicht mehr als reine Support-Funktion behandelt werden, die an einen CIO delegiert wird. Und er kann sich nicht mehr hauptsächlich auf den Betrieb des Backoffices konzentrieren. Technologie hat sich inzwischen zu einer wichtigen strategischen Komponente des Unternehmens entwickelt. Deshalb wird der IT-Verantwortliche im Unternehmen – nehmen wir an, dies ist immer noch der CIO – eine veränderte und viel strategischere Rolle spielen müssen als in der Vergangenheit. Einige der «traditionellen» Methoden, wie die IT innerhalb eines Unternehmens gemanagt wird, werden sich drastisch verändern müssen. Was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, muss nicht unbedingt auch für die Zukunft das Richtige sein.
Zur Person
Patrick Naef
war von 2006 bis 2018 der Konzern-CIO der Fluggesellschaft Emirates in Dubai. 2011 wurde er von den Lesern des deutschen Magazins «CIO» zum «CIO der Dekade» gewählt. Zuvor amtete der Schweizer als CIO bei SIG sowie Swissair und hatte Führungspositionen bei der Zurich Versicherung, HP und Bank Julius Bär inne. Heute begleitet Naef Organisationen bei der Digitalisierung, unterstützt Geschäftsleitungen bei IT-Themen und coacht IT-Führungskräfte und Start-ups. Er ist unter anderem Managing Partner bei der Beratungsfirma Boyden in Zürich.

Handlungsfelder des modernen CIO

CW: Wo sehen Sie Handlungsfelder für den CIO?
Naef: Ich sehe eine ganze Reihe von Faktoren, die die zukünftige Rolle von CIOs stark beeinflussen werden. Es sind folgende:
  • Die IT ist nicht mehr nur eine Support-Funktion, sondern wird zu einem strategischen Asset und Kern des Unternehmens – quasi vom Kostentreiber zum Mehrwert.
  • Die Prozess- und Produkt-IT werden konvergieren.
  • Die Hardware wird obsolet, alles wird zur Software, respektive zu Software-definierten Produkten. Eine Dematerialisierung findet statt.
  • Technologie-getriebene Innovation muss raus aus dem geheimen Labor. Sie muss vielmehr mit einem Ökosystem von verschiedenen Teilnehmern (Start-ups, Venture-Capital-Firmen, Universitäten, Hackern, Open-Source-Community etc.) offen betrieben werden. Hier gilt der Sharing-Gedanke: Je mehr ich teile, desto mehr profitiert das Netzwerk oder Ökosystem.
  • Jede Führungskraft muss zu einem digitalen Leader werden. Dann stellt sich die Frage: Wer braucht noch einen Chief Digital Officer?
  • Die Zeiten der zentralisierten IT-Organisationen sind vorbei. Die «Shadow-IT» wird das neue Normal – und zum Tagesgeschäft für den CIO.
  • Digitale Natives steigen ins Berufsleben ein. Anstatt Hierarchien regieren Netzwerke.
  • Kürzere Markteinführungszyklen: Alles muss agil werden.
  • Die Kontrolle über die Beschaffung der IT geht zunehmend zu den Anwendern über.
  • Die Make-or-Buy-Diskussion kommt wieder auf dem Tisch – insbesondere bei Software.
  • Technologie wird zum Thema für den Verwaltungsrat
  • Die Cyber-Bedrohungen werden zunehmen.
CW: Das ist jetzt ganz schön viel Diskussionsstoff…
Naef: Stimmt. Und ich nenne hier nur einige der wichtigsten Veränderungen.
Allerdings sind die «traditionellen» CIOs noch gut beraten, wenn sie über die Auswirkungen der oben skizzierten Faktoren sorgfältig nachdenken, um in ihren Unternehmen relevant zu bleiben. Meiner Meinung nach besteht der einzige Weg für etablierte CIOs, in ihrer Rolle zu überleben, darin, sich selbst drastisch zu «disrupten» und neu zu erfinden.
Interview-Serie
Die künftige Rolle des CIO
Im Interview äussert Patrick Naef prägnant seine Meinung über aktuelle und künftige Herausforderungen der IT. In einer Artikelserie skizziert er für Computerworld die künftige Rolle des CIO. Die Beiträge zu Themen wie Digital Leadership, den Mehrwert von IT, Open Innovation und die Virtualisierung des Geschäfts werden in regelmässigen Abständen auf www.computerworld.ch zu lesen sein.


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