Computerworld vor 30 Jahren 28.12.2020, 06:00 Uhr

Die Schweizer IT im Jahr 1990

Windows sollte in den 1990ern zur dominierenden Software werden. Computerworld Schweiz berichtete von den Vorboten. Und von Konkurrenten, die sich gegen den «Moloch Microsoft» aufstellen wollten.
Microsoft-Chef Bill Gates lancierte 1990 mit Windows 3.0 einen Bestseller
(Quelle: Computerworld )
Erstmals in der Schweizer Informatik wurden 1990 Preise für bemerkenswerte Leistungen vergeben. Verliehen wurden die EDV-Oscars von einem «Informatik Circle» aus Beratern, Fachjournalisten und IT-Unternehmern. Die Computerworld-Redaktoren zählten nicht zum Kreis der Auserwählten. Sie beschränkten sich dann auch auf eine knappe Berichterstattung über die Zeremonie, bei der fünf Preise verliehen wurden.
Den «Enter»-Oscar als Hauptpreis erhielt die Schweizer WordPerfect-Niederlassung für ihren vorbildlichen Support. Die damals marktführende Textverarbeitung lobpreiste der Schweizer Geschäftsführer François Schluchter in seiner Dankesrede als «beste Software der Welt». Der damals grösste Telekommunikationskonzern der Schweiz, die Solothurner Autophon, erhielt für seine digitale Telefon­anlage Ascotel BCS den «Page Up»-Oscar. Er stand für die beste Schweizer Informatik-Innovation. Der «Page Down»-Oscar wurde an die PTT vergeben für das elektronische Telefonbuch, da es nur einem «elitären» Kreis von anfangs 300 Abonnenten zugänglich war. Die Datenbank konnte nicht mehr parallele Zugriffe verarbeiten. Beschränkt war die Berichterstattung über Informatik auch in der «Neue Zürcher Zeitung», weshalb dem Traditionsblatt der «Esc»-Oscar zuerkannt wurde. Den negativen Hauptpreis, den «Crtl-Alt-Del»-Oscar, mussten sich die PTT gefallen lassen – quasi als Bestrafung für den stark subventionierten, aber wenig populären Videotex. Mitte Jahr zählte der millionenteure Dienst genau 50'062 Abonnenten.

Vorboten des Windows-Booms

An der Preisverleihung Anfang April 1990 ging Microsoft noch leer aus. Der Konzern sollte erst knapp zwei Monate später einen heissen Anwärter auf die Schweizer «EDV-Oscars» lancieren: Windows 3.0 wurde am 22. Mai 1990 veröffentlicht. Und bekam gleich massive Aufmerksamkeit von der Fachwelt. Computerworld publizierte im Laufe des Jahres fast 20 grosse Berichte über das neue Betriebssystem – oder streng genommen: die grafische Bedienoberfläche. Sie gefiel den Redaktoren und den Informatik-Verantwortlichen ebenfalls. In einer Umfrage der Beratungsfirma Robertson Stephens gaben beeindruckende 72 Prozent der CIOs an, Windows 3.0 auf bestehenden und neuen Computern installieren zu wollen, berichtete Computerworld.
Parallel mit dem Zuspruch der Anwender stieg die Bereitschaft der Software-Entwickler, Microsofts Lösung zu unterstützen. An der Messe «Comdex» im November 1990 kündigten die grossen Hersteller durch die Bank weg an, Windows-Versionen ihrer Programme vermarkten zu wollen. «Bei 40 Millionen DOS-Systemen auf der Welt gegenüber 4 Millio­nen Macintosh – wofür werden wir wohl entwickeln?», fragte Ashton-Tate-Präsident Bill Lyons am Rande der Messerhetorisch die Medien. Ashton Tates Datenbankprogramm dBase war während den 1980ern einer der meistverkauften Software-Titel – sowohl für DOS als auch für Mac. Unter anderem die Übernahme durch Borland 1991 verzögerte allerdings die Entwicklung der Windows-Version von dBase, womit die Software an Bedeutung verlor. In der Schweiz preschte die Obag Informatik aus Granges-Paccot vor mit einem Buchhaltungsprogramm für Windows: «Win Finance Plus» mit einem Preisschild von 4550 Franken war Ende 1990 bereits bei «mehreren» Firmen produktiv im Einsatz, berichtete Computerworld.
Der Support für die Anwender kam immer noch aus der Microsoft-Vertretung in München, gestand der frisch ernannte General Manager der schweizerischen Microsoft-Niederlassung, Peter A. C. Blum. Die Telefon-Hotline sollte aber soweit nötig und möglich «eingeschweizert» werden, sodass auch spezifisch schweizerische Probleme – etwa mit Tastaturtreibern – gelöst werden könnten, versprach Blum. Dem Problem der Software-Piraterie wollte er sich allerdings selbst annehmen, obwohl statistisch auf ein verkauftes Produkt in der Schweiz auch ein PC kam. So betonte Blum im Gespräch mit Computerworld dann auch, dass «niemand die Einzelkunden, die Textverarbeitungen füreinen Bekannten kopieren, behelligen wolle». Ihm und seinen Mitarbeitern ging es um Grossabnehmer: In diesem Zusammenhang erwähnte er eine Grossbank, bei der Raubkopien en masse entdeckt worden waren.


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