Die neue globale Mission bei Logitech
Nachgefragt bei Logitech
Seit April 2026 verantwortet Yalcin Yilmaz als Chief Commercial Officer die globale Vertriebs- und Marketingorganisation von Logitech. Seine Karriere im Unternehmen begann 2004 als Key Account Manager in der Schweiz. Nach mehr als zwei Jahrzehnten bei Logitech verbindet er heute eine globale Perspektive auf Märkte, Kunden und Partner.
Computerworld: Herr Yilmaz, Sie haben Ihre Karriere bei Logitech vor mehr als zwei Jahrzehnten in der Schweiz begonnen. Was sehen Sie heute aus der globalen CCO-Perspektive anders?
Yalcin Yilmaz: Am stärksten verändert hat sich für mich die Perspektive. In meinen ersten Monaten als CCO war es mir wichtig, vor Ort in Nordamerika, Europa und Asien Zeit mit Kunden, Partnern und unseren Teams zu verbringen und zuzuhören. Dabei ist eines sehr deutlich geworden: Die frühere Vorstellung, dass Trends in Nordamerika entstehen, nach Europa wandern und anschliessend Asien erreichen, beschreibt die Welt, in der wir heute agieren, nicht mehr. Inzwischen sehen wir wichtige Impulse auch in Asien entstehen, über Europa weiterziehen und Nordamerika erreichen. Social Commerce mit Formaten wie TikTok Shopping ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich neue Formen der Produktentdeckung und des Einkaufens über globale Märkte hinweg verbreiten können. Auch Gaming hat sich zu einer Community-getriebenen Kraft in Popkultur und Entertainment entwickelt: Menschen treffen sich in iCafés und eHotels, messen sich im Esports und verbinden sich über gemeinsame Erlebnisse – online wie vor Ort.
Im Consumer-Bereich verändern Digital, Social Media, E-Commerce und KI – einschliesslich Large Language Models – grundlegend, wie Menschen Marken entdecken und mit ihnen interagieren. Im B2B-Bereich haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre wiederum die Erwartungen daran verändert, wo und wie Arbeit stattfindet. Unternehmen denken heute ganzheitlicher über intelligente Arbeitsplätze, Zusammenarbeit und Employee Experience nach.
Auch Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Teil dieses Gesamtbilds. Für uns beginnt sie bereits am Design-Tisch – bei den Materialien, beim Energieverbrauch und beim gesamten Fussabdruck unserer Produkte. Heute werden 81 Prozent unserer Produkte mit recyceltem Kunststoff aus Post-Consumer-Material hergestellt. Darüber hinaus setzen wir auf CO₂‑ärmere Materialien wie Aluminium und Leiterplatten. Wir wollen so wachsen, dass wir Mehrwert für unsere Kunden schaffen und zugleich Verantwortung für Menschen und den Planeten übernehmen.
CW: Logitech wird international häufig als globale Technologiemarke wahrgenommen. Wie viel Schweiz steckt heute noch im Unternehmen?
Yilmaz: Unsere Schweizer Wurzeln sind weit mehr als ein historischer Verweis. Logitech wurde in der Schweiz gegründet, hat seinen Hauptsitz weiterhin in Lausanne und ist an der SIX Swiss Exchange kodiert. Diese Wurzeln prägen, wie wir über Qualität, Design und langfristige Verantwortung denken. Unser Standort im EPFL Innovation Park verbindet uns zudem eng mit Wissenschaft, Engineering, Unternehmertum und Talenten. Unsere eigentliche globale Stärke entsteht jedoch dadurch, dass wir diese Schweizer Verlässlichkeit und Ingenieurspräzision mit der Dynamik und Innovationskraft des Silicon Valley verbinden. Wenn diese beiden Wurzeln mit der Expertise unserer Entwicklungszentren auf der ganzen Welt zusammenkommen, entfaltet sich die eigentliche Stärke. Genau das bedeutet Swissness für mich bei Logitech: Präzision und Nähe zu den Usern, übersetzt in Innovation, die weltweit funktioniert.
CW: Welche konkrete Rolle spielt Lausanne innerhalb des globalen Logitech-Netzwerks?
Yilmaz: Lausanne vereint für uns etwas sehr Wertvolles: unsere Schweizer Wurzeln, globale Unternehmensführung und den Zugang zu einem starken Innovationsökosystem. Unser Standort im EPFL Innovation Park ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Er bringt uns in unmittelbare Nähe zu Wissenschaft, Engineering, Unternehmertum und Talenten. Dieses Umfeld fördert den Austausch über Disziplinen hinweg und eröffnet unterschiedliche Perspektiven. Gleichzeitig ist Logitech ein globales Innovationsunternehmen. Unsere eigentliche Stärke entsteht, wenn wir das, was in Lausanne geschieht, mit der Expertise unserer Teams und Entwicklungszentren weltweit verbinden. Innovation entsteht nur selten isoliert an einem einzigen Ort.
CW: Ist dieses Umfeld auch ein Vorteil im internationalen Wettbewerb um Talente?
Yilmaz: Absolut, aber grossartige Talente zu gewinnen, ist nur ein Teil der Aufgabe. Ich bin ein Verfechter davon, komplementäre Teams aufzubauen, die gemeinsam gewinnen. Starke Teams bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Perspektiven, die sich konstruktiv herausfordern und gegenseitig besser machen. Unser Young Professionals Program ist dafür ein gutes Beispiel. Junge Kollegen bringen viel neue Energie und eine andere Perspektive auf Social Media, E-Commerce und KI mit – und darauf, wie die nächste Generation recherchiert, kommuniziert und einkauft. Sie lernen von erfahrenen Kollegen, die unsere Kunden, Vertriebskanäle und Märkte sehr gut kennen. Gleichzeitig lernen wir genauso viel von ihnen. Für eine kommerzielle Organisation ist dieser Austausch enorm wertvoll, denn unser Go-to-Market muss sich gemeinsam mit den Menschen weiterentwickeln, die wir erreichen wollen.
CW: Sie wollen das B2B-Geschäft von Logitech weiter stärken. Was bedeutet das konkret?
Yilmaz: Unser Anspruch ist es, Workplace-Technologie intelligenter, einfacher, sicherer und nachhaltiger zu machen. Geschäftskunden suchen nicht einfach nach einem weiteren isolierten Gerät. Sie wollen Lösungen, die die Erfahrung für Mitarbeitende verbessern und sich gleichzeitig für die IT einfach bereitstellen, verwalten und skalieren lassen. Ich beschreibe unsere Rolle manchmal als eine Art Innenarchitekt des modernen Büros. Nicht, weil wir entscheiden, wie die Möbel aussehen sollen, sondern weil wir Menschen, Räume und Technologie ganzheitlich zusammendenken. Das beginnt am individuellen Arbeitsplatz, setzt sich in Meetingräumen fort und reicht bis zur Verbindung zwischen Menschen im Büro, zu Hause oder unterwegs. Und das gilt längst nicht nur für klassische Unternehmensbüros – wo wir bereits 71 Prozent der Fortune-500-Unternehmen erreichen –, sondern zunehmend auch für wichtige Wachstumsbereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und öffentlichen Sektor. Auch dort werden intuitive Set-ups und zuverlässige Videokollaboration immer wichtiger. Welche Arbeit findet in einem Raum statt? Wer muss sich mit wem verbinden? Wie sollte sich die Umgebung anpassen? Und wie kann Technologie all das ermöglichen, ohne zusätzliche Komplexität zu schaffen? Gleichzeitig muss ein Büro Menschen einen guten Grund bieten, zusammenzukommen. Wenn Technologie zuverlässig funktioniert, kann der Arbeitsplatz zu einem Ort werden, an dem Menschen gemeinsam arbeiten, Ideen austauschen und Beziehungen aufbauen – und gleichzeitig nahtlos mit Kollegen verbunden bleiben, die im Homeoffice oder an einem anderen Ort arbeiten. Diese Erfahrung wirkt sich nicht nur auf Produktivität aus, sondern auch darauf, wie Menschen das Unternehmen erleben, für das sie arbeiten. Genau darin sehen wir unsere Rolle: Wir helfen Kunden, die Zukunft der Arbeit zu gestalten, indem wir Menschen, Räume und Technologie zusammenbringen.
CW: Viele Unternehmen denken die Rolle des Büros gerade neu. Welchen Mehrwert muss ein Büro heute bieten?
Yilmaz: Nach vielen Besuchen bei Kunden in den vergangenen Jahren bleibt für mich vor allem eine Erkenntnis: Den einen Arbeitsplatz für alle gibt es nicht. Genau deshalb verbringen wir so viel Zeit direkt bei unseren Kunden vor Ort. Wir wollen zuhören, unmittelbares Feedback erhalten und Lösungen gemeinsam entwickeln, anstatt sie aus der Distanz zu entwerfen. Die besten Arbeitsumgebungen, die ich sehe, haben eines gemeinsam: Sie beginnen bei der Employee Experience. Die Magie entsteht, wenn Menschen zusammenkommen – um etwas zu schaffen, Probleme zu lösen, voneinander zu lernen oder Beziehungen aufzubauen. Technologie sollte diese Momente einfacher machen und gleichzeitig die Menschen im Raum nahtlos mit Kollegen verbinden, die nicht vor Ort sind. Unsere aktuelle deutsche Workplace-Studie zeigt, wie unterschiedlich die Arbeitsrealität bereits heute aussieht: 42 Prozent der befragten Büroarbeitenden arbeiten derzeit überhaupt nicht im Homeoffice, während 33 Prozent normalerweise ein bis zwei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiten. Für Unternehmen bedeutet das, Büro, Homeoffice und flexible Arbeitsmodelle als ein zusammenhängendes System zu betrachten. Die beste Technologie sollte Menschen nicht vorschreiben, wie sie arbeiten. Sie sollte die Art und Weise unterstützen, wie sie tatsächlich arbeiten.
CW: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz (KI) dabei, die nächste Generation der Arbeitswelt zu gestalten?
Yilmaz: KI verändert, wie Menschen mit Technologie interagieren. Für uns steht dabei aber weiterhin der Mensch im Zentrum. Wir fragen nicht zuerst, wo wir noch eine weitere KI-Funktion hinzufügen können. Wir fragen: Was wollen Menschen erreichen? Wo erzeugt Technologie heute Reibung? Und wie können wir diese Erfahrung einfacher und nützlicher machen? Ich bin überzeugt, dass Kreativität nichts kostet. Besonders spannend wird es dort, wo menschliche Kreativität und KI sich ergänzen. Menschen bringen Vorstellungskraft, Kontext und Urteilsvermögen ein, KI kann ihnen helfen, Ideen schneller weiterzuentwickeln und umzusetzen. Richtig eingesetzt, erweitert diese Kombination die Möglichkeiten des Menschen. Logitech ist die Schnittstelle zwischen Menschen und der digitalen Welt. Unsere Kameras, Mikrofone, Mäuse, Tastaturen und Headsets können zu Augen, Ohren und Händen werden, über die User mit KI interagieren. Wir sind ein designorientiertes, softwaregestütztes Hardware-Unternehmen: Die Hardware schafft die physische Verbindung, während Software dafür sorgt, dass diese Erfahrung mit der Zeit intelligenter und nützlicher wird. Das zeigt sich bereits heute in unserem gesamten Portfolio. In der Videokollaboration kann KI Sprechende erkennen und Teilnehmende intelligent ins Bild setzen, sodass Menschen, die remote teilnehmen, dem Gespräch natürlicher folgen können. Im Audiobereich kann intelligente Verarbeitung störende Hintergrundgeräusche reduzieren. Am persönlichen Arbeitsplatz wiederum kann Software helfen, Workflows und Shortcuts individuell anzupassen und den Zugang zu digitalen und KI-Tools zu vereinfachen, die Menschen täglich nutzen. Entscheidend ist: Ein grosser Teil dieser Intelligenz läuft über Edge AI direkt auf dem Gerät – etwa bei intelligentem Kamera-Framing oder der Geräuschunterdrückung. Daten werden damit lokal verarbeitet, was schnelle und datenschutzorientierte Abläufe ermöglicht. Für Unternehmen basiert die Einführung von KI letztlich auf Vertrauen. Deshalb berücksichtigen wir Datenschutzkontrollen, Sicherheit und Wahlfreiheit für User von Anfang an im Produktdesign. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit Partnern wie Microsoft, Google und Zoom zusammen und verbinden unsere Hardware und Software mit den Plattformen, die unsere Kunden bereits nutzen. Für uns geht es bei KI letztlich darum, Menschen dabei zu helfen, intelligenter zu arbeiten, sich besser zu verbinden und natürlicher mit Technologie zu interagieren.
CW: Ihre ersten 180 Tage als CCO liegen hinter Ihnen. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders im Gedächtnis geblieben?
Yilmaz: Sie sind unglaublich schnell vergangen. Ich kenne das Unternehmen, unsere Kultur und viele unserer Kunden und Partner sehr gut. Aber die globale CCO-Perspektive verändert die Fragen, die man stellt. Für mich beginnt alles mit Customer Centricity. Wir müssen unsere Kunden konsequent im Blick behalten, zuhören und verstehen, was sie wirklich brauchen. Innovation ist für mich dann relevant, wenn sie genau dort ansetzt und echten Mehrwert schafft. So treiben wir Wachstum voran und erfüllen gleichzeitig unseren Anspruch, menschliches Potenzial in Work and Play zu erweitern.
Zur Person
Yalcin Yilmaz
Als Chief Commercial Officer von Logitech verantwortet Yalcin Yilmaz seit April 2026 die globale Vertriebs- und Marketingorganisation von Logitech. Der Basler stiess 2004 als Key Account Manager zum Unternehmen und leitete zuletzt das Geschäft in Europa und Teilen des asiatisch-pazifischen Raums.