Mobilität der Zukunft
Swiss Transit Lab
Anschluss verpasst? Überfüllte Züge? Schlechte Verbindungen? Die Schweiz ist ein Land der Mobilität und will es bleiben. Dafür braucht es innovative Konzepte. Wohin die Reise geht, erklären Christine Mauelshagen und Dirk Apel von Swiss Transit Lab.
Computerworld: Wer ist Swiss Transit Lab? Was sind die Aufgaben, welche Ziele verfolgen Sie?
Christine Mauelshagen: Das Swiss Transit Lab (STL) ist eine 2019 gegründete Non-Profit Organisation. Das STL ist ein führendes Kompetenznetzwerk zur Entwicklung und Erprobung intelligenter Mobilitätslösungen. Für uns stehen Pilotprojekte, unter möglichst realen Bedingungen, im Zentrum. Mit diesen Projekten bringen wir Gesellschaft, Wirtschaft und insbesondere Technologieunternehmen, die öffentliche Hand sowie Forschung zusammen, um innovative Mobilitätskonzepte in die Praxis zu erproben. Konkret realisieren wir dies in Form von Machbarkeitsstudien und der Entwicklung sowie Umsetzung von Pilotprojekten im Themenfeld intelligente Mobilität.
CW: STL sorgt für Schlagzeilen, wie etwa in Schaffhausen und kürzlich im Furttal. Sind das nur Eintagsfliegen oder gibt es langfristige Pläne?
Dirk Apel: In über 6 Jahren Vereinsgeschichte hat das STL bereits 3 Projekte zum automatisierten Fahren auf die Strasse gebracht. Weitere Projekte wie OpenDoors, Akzeptanzstudien oder ALAUF zeigen, dass das STL langfristig die Zukunft der Mobilität prägen will. Unsere Projekte und die Erkenntnisse, die wir während der Umsetzung gewinnen, helfen uns dabei. Wir arbeiten praxisorientiert und Erproben neue Technologien und Mobilitätsangebote. Damit leben wir das Motto des Vereins «Gemeinsam Zukunft bewegen» und wollen die Lebensqualität der Menschen und ihre Mobilität verbessern. Dies geht über die Strassen hinaus und betrifft z.B. Fragen der Stadt- und Raumentwicklung, Cyber Security sowie des Betriebs und der Instandhaltung von Fahrzeugflotten.
CW: Welche konkreten Technologien oder Pilotprojekte testen Sie derzeit im öffentlichen Raum?
Mauelshagen: Aktuell arbeiten wir an drei Vorhaben – dem Pilotprojekt «iamo» im Furttal und weiteren Machbarkeitsstudien für intelligente Mobilitätsangebote.
iamo: Das STL, die Kantone Zürich und Aargau sowie die SBB testen mit dem Pilotprojekt «iamo – intelligente automatisierte Mobilität», wie selbstfahrende Fahrzeuge den öffentlichen Verkehr weiterentwickeln können. Gemeinsam mit der Bevölkerung in der Region möchten wir herausfinden, wie automatisierte Angebote künftig die öffentliche Mobilität verbessern können. Dazu zählt unter anderem auch, zu verstehen, welche Angebote attraktiv sind, was die Rahmenbedingungen für die Wirtschaftlichkeit sind und wie der Betrieb solcher Lösungen zukünftig im Kontext des öV zweckmässig gestaltet werden kann. Eingesetzt werden zunächst drei Personenwagen von Nissan (Ariya elektro), ausgestattet mit der Technologie zum automatisierten Fahren von WeRide. Zu einem späteren Zeitpunkt soll die Pilot-Flotte mit automatisierten Kleinbussen ergänzt werden.
Machbarkeitsstudien: Der Fokus des STL geht über das Pilotprojekt «iamo» hinaus. Gemeinsam mit Gemeinden und Städten sowie weiteren relevanten Stakeholdern möchten wir herausfinden, wie die Mobilität in einer bestimmten Region zukunftsfähig gestaltet werden kann. Dabei geht es uns insbesondere darum, unterschiedliche Bedürfnisse frühzeitig zu berücksichtigen und tragfähige Konzepte zu entwickeln, die wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Aspekte miteinander verbinden.
CW: Wie gelingt es, neue Lösungen aus der Testphase in den produktiven Betrieb zu überführen?
Apel: Innovationsprojekte wie sie das STL betreibt bedeuten ein Stückweit die Quadratur des Kreises. Auf der einen Seite sind höchste Dynamik und vernetztes Arbeiten gefordert sowie die Fähigkeit sich jederzeit auf neue Gegebenheiten einstellen zu können. Gleichzeitig wird ein hohes Mass an Struktur und Organisation benötigt, um allen Stakeholdern gerecht werden zu können. Hier kommt es vor allem auf das richtige Mindset an. Die Projektorganisation muss kontinuierlich angepasst und die Ergebnisentwicklung konsequent vorangetrieben werden, damit der produktive Betrieb starten kann. Dies ist nur möglich, wenn im Projekt erfahrene Experten am Werk sind. Die Projektmitarbeiter und die Mitglieder des STL sind alle in ihrem jeweiligen individuellen Fachgebiet Experten und gehören zu den Besten der Schweiz.
CW: Welche Daten entstehen in Ihren Testumgebungen, wie werden sie genutzt?
Apel: Bei unseren Projekten entsteht naturgemäss eine grosse Menge an Daten, die sicher verarbeitet und gespeichert werden müssen. Die Einhaltung der Schweizer Datenschutznormen ist von Anfang an ein wichtiger Bestandteil eines Projekts, zu dem sich alle involvierten Partner verpflichten. Um jederzeit die Hoheit über die Daten zu haben, setzen wir eigene Cloud Services ein, bei welchen die Daten in der Schweiz gespeichert werden. Engmaschig und wiederkehrend prüfen wir laufend die Datensicherheit sowohl aus Sicht Datenschutz als auch Cybersecurity und setzen hierbei auf renommierte und höchst erfahrene Schweizer Partner.
Swiss Transit Lab: Technologie soll Lösungen ermöglichen und Mehrwert schaffen.
Swiss Transit LabCW: Können Sie ein Beispiel nennen, das einen messbaren Mehrwert für Fahrgäste gebracht hat?
Apel: Durch unsere Projekte verändert sich z.B. das Kundenerlebnis spürbar, insbesondere beim automatisierten Fahren. Für viele wirkt dieses neue Angebot zunächst noch wie Science-Fiction, zumindest bis etwa zwei Minuten nach Fahrtbeginn. Dann setzt das Aha-Erlebnis ein: Die vermeintliche Achterbahnfahrt entpuppt sich als ruhiger, entspannter Trip von A nach B. Man muss es selbst erfahren haben. Hinzu kommt eine deutlich verbesserte Mobilität im öffentlichen Verkehr – mit dem Ziel, nicht mehr Fahrzeuge, sondern langfristig sogar weniger Verkehr zu erzeugen. Wenn Mobilitätsangebote sich an die individuellen Bedürfnisse orientieren, einfach und schnell verfügbar sind, wird eine neue Mobilität für alle erreicht.
CW: Welche Rolle spielen Partnerorganisationen wie Start-ups, Hochschulen oder Anbieter?
Mauelshagen: Mit unserer Community decken wir dabei ein breites Themenspektrum ab – von der Beschaffung der Fahrzeuge, Technologie und notwendigen Infrastrukturen über IT, Datenschutz und Cybersecurity, Einführung und Kommunikation neuer Technologien bis hin zu Fragen der Verkehrs- und Raumplanung ab. Unsere Projekte organisieren rein bedarfsorientiert, d.h. wir arbeiten agil und stark rollenbasiert. Unsere Projektorganisationen passen wir fortlaufend an – Reorganisation ist bei uns positiv konnotiert und im Team gelebte Realität. Der Einbezug aller relevanten Stakeholder und deren Bedürfnisse ist ein wichtiger Bestandteil unserer Projektorganisation. Neben dem Aufzeigen der reinen Machbarkeit verfolgen unsere Projekte auch immer konkrete Ziele wie bspw. die Überprüfung von Business Cases, der Akzeptanz der Bevölkerung oder dem Einfluss auf den Verkehr.
CW: Was bräuchte es, um Innovationen schneller zu skalieren?
Apel: Die Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Stellen ist hervorragend; wir erleben sie als vorausschauend und ausgesprochen kooperativ. Die Schweiz hat mit der Verordnung zum Automatisierten Fahren eine der fortschrittlichsten Gesetzgebungen in Europa. Unsere Projekte sowie andere Pilotprojekte zeigen, dass die Schweiz zu einem Hub für automatisierten Fahren und Vorreiter in Europa wird. Eine Herausforderung ist die Finanzierung solcher Projekte. Im Vergleich zum europäischen Ausland sind die Förderinstrumente für Innovation in der Schweiz relativ begrenzt und legen ihren Schwerpunkt stark auf die Einbindung von Hochschulen.
CW: Wie geht es weiter mit dem STL?
Mauelshagen: Das Swiss Transit Lab entwickelt keine Technologien oder Produkte, sondern fungiert als Plattform und Community. Wir bringen die relevanten Partner, Regulierungsbehörden und die öffentliche Hand zusammen, um Innovationsprojekte zu realisieren. Ziel ist es, die Schweiz als Innovationstreiber zu stärken und interessierten Parteien die Möglichkeit zu geben, Innovationen sicher und zielgerichtet zu prüfen und umzusetzen. Dabei stellen wir das Netzwerk bereit, das einzelnen Akteuren häufig fehlt. Das automatisierte Fahren wird das Swiss Transit Lab auch in den kommenden Jahren prägen. Aktuell liegt der Fokus auf Strassenverkehr und Personenmobilität, doch wir sehen grosses Potenzial auch auf Wasser- und Luftwegen sowie im Güterverkehr. Themen wie KI werden künftig noch stärker im Fokus stehen. Dabei geht es jedoch nicht um den Einsatz der Technologie an sich, sondern immer um einen klaren, konkreten Zweck: Technologie soll Lösungen ermöglichen und Mehrwert schaffen.
v.l.n.r. Christine Mauelshagen und Dirk Apel
Swiss Transit LabZu den Personen
Christine Mauelshagen, Vorstand Swiss Transit Lab
Dirk Apel, Vizepräsident Swiss Transit Lab