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Lesedauer 6 Min.

Kontrolle statt Komfort

Digitale Souveränität entwickelt sich von einer technischen Fragestellung zur strategischen Führungsaufgabe. Zwischen Cloud-Abhängigkeit, regulatorischen Vorgaben und geopolitischen Spannungen stehen Unternehmen vor grundlegenden Entscheidungen.

Digitale Souveränität gibt es nicht kostenlos. Sie verlangt Investitionen, Planung und oft auch den Verzicht auf maximale Bequemlichkeit.

© Shutterstock/Garun.Prdt

Lange Zeit dominierten bei IT-Entscheidungen Themen wie Effizienz, Skalierbarkeit und Innovation. Cloud-Plattformen versprachen Kostenvorteile, hohe Verfügbarkeit und Zugang zu modernsten Technologien. Für viele Unternehmen schien die Richtung klar: Daten und Anwendungen wanderten in die Cloud, während sich die interne IT zunehmend auf Steuerung und Integration konzentrierte.

Die neue Frage der Digitalisierung

Doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Geopolitische Spannungen, neue regulatorische Anforderungen und eine wachsende Konzentration im Technologiemarkt werfen Fragen auf, die noch vor wenigen Jahren kaum diskutiert wurden. Wer hat im Ernstfall Zugriff auf die eigenen Daten? Welchem Recht unterliegen diese Daten tatsächlich? Und wie abhängig ist ein Unternehmen von einzelnen Technologieanbietern? Was zunächst wie juristische oder technische Detailfragen erscheint, berührt heute den Kern unternehmerischer Handlungsfähigkeit. Daten gelten als die Kronjuwelen moderner Organisationen. Gleichzeitig lagern viele Unternehmen diese Informationen in Infrastrukturen aus, deren Kontrolle sie nur teilweise beeinflussen können. Entscheidend ist nicht der physische Speicherort, sondern die rechtliche Zugehörigkeit des Anbieters. Damit verschiebt sich die Diskussion von der Frage, wo Daten liegen, hin zur Frage, wer letztlich darüber bestimmen kann.

Nicht jede europäische oder schweizerische Lösung ist automatisch souverän.

Erwin Schnee
Souveränität als Verkaufsargument

Die Technologiebranche hat diese Entwicklung erkannt. Kaum ein Anbieter verzichtet heute auf Begriffe wie «digitale Souveränität», «Data Resilience» oder «Trusted Cloud». Was noch vor wenigen Jahren ein Nischenthema war, ist zu einem zentralen Marketingargument geworden. Grosse Cloud-Anbieter investieren in neue Rechenzentrumsstandorte innerhalb Europas und schaffen spezielle Compliance-Angebote Besonders für Unternehmen in regulierten Branchen sowie für Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen sind solche Angebote attraktiv. Die Möglichkeit, Daten innerhalb Europas oder sogar innerhalb eines einzelnen Landes zu speichern und zu verarbeiten, schafft Vertrauen und erleichtert die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Dennoch stellt sich die Frage: Reicht der Standort allein aus, um digitale Souveränität sicherzustellen? Die Antwort fällt differenziert aus. Lokale Rechenzentren können Risiken reduzieren und regulatorische Anforderungen unterstützen. Sie lösen jedoch nicht automatisch die Frage nach der rechtlichen Kontrolle. Solange Anbieter fremden Rechtsordnungen unterstehen, bleiben potenzielle Zugriffsmöglichkeiten bestehen.

Europas suche nach Alternativen

Parallel zur Diskussion um Datensouveränität wächst in Europa das Interesse an alternativen Betriebsmodellen. Lange Zeit galt die Dominanz der grossen Hyperscaler als alternativlos. Heute entstehen zunehmend Gegenentwürfe. Europäische und Schweizer Anbieter positionieren sich mit einem anderen Versprechen. Statt maximaler Skalierung stehen Transparenz, Nachvollziehbarkeit und rechtliche Verankerung im europäischen Umfeld im Vordergrund. Was früher als Nebenaspekt betrachtet wurde, entwickelt sich zum Differenzierungsmerkmal. Allerdings gilt auch hier: Nicht jede europäische oder schweizerische Lösung ist automatisch souverän. Entscheidend sind die konkreten Eigentumsverhältnisse, Betriebsmodelle, Vertragsstrukturen und technischen Kontrollmechanismen. Digitale Souveränität lässt sich nicht allein über geografische Herkunft definieren. Sie muss überprüfbar sein.

Wer seine Daten nicht kontrolliert, kontrolliert sein Unternehmen nicht. Und wer die Kontrolle verliert, trägt dennoch die Verantwortung.

Erwin Schnee
Politik und Technologie im Clinch

Besonders sichtbar wird die Debatte im öffentlichen Sektor. Dort treffen technologische Anforderungen unmittelbar auf politische Verantwortung. Aktuelle Diskussionen rund um den Einsatz internationaler Softwarelösungen im Gesundheitswesen oder von Kollaborationsplattformen in Verwaltungen zeigen exemplarisch, wie grundlegend sich die Bewertung von IT-Projekten verändert hat. Neben Funktionalität und Kosten spielen heute Fragen nach Kontrolle, Abhängigkeit und langfristiger Handlungsfähigkeit eine immer wichtigere Rolle. Befürworter solcher Lösungen verweisen auf technische Schutzmassnahmen, Verschlüsselung und vertragliche Garantien. Kritiker stellen dagegen die Frage, ob diese Massnahmen ausreichen, um die tatsächliche Kontrolle über Daten sicherzustellen. Hinzu kommt ein psychologischer Faktor. Viele marktführende Lösungen gelten faktisch als Standard. Wer sich für sie entscheidet, profitiert von grosser Verbreitung, umfassenden Ökosystemen und hoher Kompatibilität. Gleichzeitig entstehen jedoch Abhängigkeiten, die sich später nur schwer wieder auflösen lassen. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr, ob eine Lösung technisch funktioniert. Sie lautet vielmehr: Wie viel Kontrolle ist eine Organisation bereit abzugeben, um technologisch nicht ins Hintertreffen zu geraten? Digitale Souveränität gibt es nicht kostenlos. Sie verlangt Investitionen, Planung und oft auch den Verzicht auf maximale Bequemlichkeit. Viele Unternehmen haben über Jahre erhebliche Summen in bestehende Plattformen investiert. Prozesse, Anwendungen und Know-how sind eng mit bestimmten Anbietern verknüpft. Ein vollständiger Wechsel wäre in vielen Fällen wirtschaftlich und organisatorisch kaum realistisch. Deshalb führt der Weg zur Souveränität selten über radikale Brüche. Erfolgreicher ist meist ein schrittweises Vorgehen: Abhängigkeiten identifizieren, Risiken bewerten und bei neuen Projekten bewusst Alternativen prüfen. Souveränität bedeutet nicht zwangsläufig, auf internationale Anbieter zu verzichten. Vielmehr geht es darum, strategische Wahlmöglichkeiten zu erhalten und die eigene Handlungsfähigkeit langfristig abzusichern.

Beim diesjährigen «IT-Autonomy»-Event waren europäische Alternativen gefragt.

© Computerworld
Datensouveränität ist Chefsache

Wer digitale Souveränität ausschliesslich als IT-Thema betrachtet, greift zu kurz. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Geschäftsprozessen wird die Kontrolle über Daten zu einer Frage der Unternehmensführung. Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen tragen Verantwortung für Risiken, die sich aus Technologieentscheidungen ergeben. Diese Verantwortung lässt sich nicht vollständig an externe Dienstleister delegieren. Dennoch zeigt die Praxis, dass viele Führungsgremien das Thema noch unterschätzen. Häufig wird davon ausgegangen, dass die Einhaltung regulatorischer Vorgaben automatisch ausreichende Kontrolle bedeutet. Doch Compliance und Souveränität sind nicht identisch. Wer nicht beantworten kann, wer im Krisenfall Zugriff auf die eigenen Daten hat, unter welchem Recht diese Daten stehen oder wie ein Wechsel des Anbieters möglich wäre, verfügt nur über begrenzte Kontrolle.

Europas Chance liegt im Vertrauen

Europa wird die grossen Hyperscaler kaum über ­Skalierung oder Funktionsumfang schlagen können. Die Stärke europäischer Anbieter liegt an ­anderer Stelle. Während internationale Plattformen vor allem auf Komfort und Ökosysteme setzen, ­können europäische Anbieter mit Transparenz, klaren Rechtsrahmen und nachvollziehbaren Betriebsmodellen punkten. Der Wettbewerb der Zukunft könnte deshalb weniger über Funktionen als über Vertrauen entschieden werden. Nicht die grösste Plattform wird automatisch die beste Lösung sein, sondern jene, die Kontrolle und Handlungsfähigkeit langfristig sicherstellt. Aus der Diskussion um Datensouveränität entwickelt sich zunehmend ein ­weitergehendes Konzept: IT-Autonomy. Dabei geht es nicht nur darum, Systeme zu nutzen, sondern sie zu verstehen, zu kontrollieren und bei Bedarf ­ersetzen zu können.

Digitale Souveränität entsteht nicht durch Marketing, sondern durch überprüfbare technische, organi-satorische und recht­liche Mass­nahmen.

Erwin Schnee
Die Kontrolle entscheidet

Die Debatte um digitale Souveränität wird oft auf Datenschutz, Cloud-Standorte oder Compliance reduziert. Tatsächlich reicht sie deutlich weiter. Im Kern geht es um eine einzige Frage: Wer hat im Ernstfall die Kontrolle? Die Antwort darauf entscheidet über die digitale Handlungsfähigkeit von Unternehmen, Behörden und kritischen Infrastrukturen. Sie bestimmt, wie flexibel Organisationen auf regulatorische Veränderungen, geopolitische Entwicklungen oder Marktverschiebungen reagieren können. Digitale Souveränität ist deshalb weder ein Zukunftsthema noch ein Marketingbegriff. Sie ist eine strategische Voraussetzung für langfristige Unabhängigkeit. Oder anders formuliert: Wer seine Daten nicht kontrolliert, kontrolliert sein Unternehmen nicht. Und wer die Kontrolle verliert, trägt dennoch die Verantwortung.

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Erwin Schnee
Founder der ICB Infosec Community Builder GmbH
Cloud & Infrastruktur Digitalisierung
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