«KI-Agenten denken, aber Menschen lenken»
Interview mit Kathy Pham
Computerworld (CW): Welche konkreten KI-Anwendungsfälle bieten aus Sicht von Workday derzeit den grössten Mehrwert für Unternehmen?
Kathy Pham: Ich würde sagen, die grössten Mehrwerte durch KI sehen wir derzeit in der Talentoptimierung und internen Mobilität – zwei Bereiche, in denen wir besonders viel Erfahrung haben. Es geht dabei um die zentrale Frage: Wenn Unternehmen gute Mitarbeitende bereits haben – wie können sie diese halten? Und wie können sie ihre Weiterentwicklung gezielt fördern? In unseren Lösungen analysieren wir kontinuierlich die Fähigkeiten der Mitarbeitenden und gleichen sie mit den aktuellen Anforderungen im Unternehmen ab. Unsere KI schlägt daraufhin passende interne Rollen vor, die Mitarbeitende übernehmen könnten – und bringt diese Vorschläge proaktiv zur Anzeige. Diese Funktionen für Talententwicklung und Mobilität werden besonders stark nachgefragt. Ein weiterer Impuls kam durch unsere Übernahme von HiredScore, einer auf Recruiting spezialisierten Plattform. Auch dort steht im Fokus, verdeckte Talente sichtbar zu machen – also Personen, die hervorragend auf eine Position passen, aber im klassischen Auswahlprozess vielleicht übersehen würden. Gerade im Bereich Mitarbeiterbindung ist das ein besonders wertvoller Anwendungsfall für KI.
CW: Ich denke, dass diese Themen auch in Schweizer Unternehmen und Organisationen ganz oben auf der IT-Agenda stehen.
Pham: Bestimmt, die Themen sind länderübergreifend. Bei Workday verstehen wir uns nicht nur als Experten für Workforce oder den Arbeitsplatz – wir betrachten die Arbeit an sich. Wir kennen alle Bausteine, die dafür notwendig sind: von der Auswahl der richtigen Talente über die Gehaltsabrechnung bis hin zur ganzheitlichen Gestaltung von Arbeitsprozessen. Wenn man das grosse Ganze betrachtet, stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann man bestehende Mitarbeitende optimal einsetzen? Oft liegt der Fokus darauf, neue Leute einzustellen, aber mindestens genauso wichtig ist es, vorhandene Ressourcen bestmöglich zu nutzen.
CW: Wie stellt Workday sicher, dass seine KI-Systeme transparent und ethisch einwandfrei funktionieren – insbesondere im Hinblick auf die aktuelle Debatte über algorithmische Voreingenommenheit, so genannte Biases?
Pham: Das beginnt bei uns ganz am Anfang – schon bei der Planung neuer KI-Funktionen stellen wir uns die entscheidenden Fragen: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat diese Technologie? Wo könnten unbewusste Vorurteile (Biases) entstehen? Bei uns gibt es kein Gespräch über Recruiting oder KI ohne gleichzeitig über Verantwortung, Ethik und Fairness zu sprechen. Das ist nicht etwas, das man einmalig diskutiert und dann abhakt – es ist ein laufender Prozess. Deshalb haben wir einen «Responsible AI Council», in dem Führungskräfte aus dem gesamten Unternehmen vertreten sind: der CTO, die Leitung für Diversity, Equity & Inclusion, die Produktverantwortlichen, unser CEO, die Rechtsabteilung – und auch ich nehme regelmässig teil. Jeder neue Anwendungsfall wird dort in einer ersten ethischen Prüfung diskutiert: Wo liegen technische Grenzen? Welche gesellschaftlichen Risiken sind denkbar?
Darüber hinaus haben wir sogenannte «Responsible AI Champions» in allen Produktteams. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die sowohl technisches als auch gesellschaftliches Verständnis mitbringen. Sie sind von Anfang an eingebunden – nicht erst am Ende des Entwicklungsprozesses. Wenn z. B. eine Lösung für den US-Markt gedacht ist, weisen sie darauf hin: Hey, wisst ihr, dass Lebensläufe in Japan ganz anders aufgebaut sind als in den USA? – und wir berücksichtigen das sofort, um Verzerrungen bei der Bewertung zu vermeiden. Diese Champions bringen auch kontinuierlich neue Forschungsergebnisse, gesetzliche Vorgaben oder Risikoanalysen in die Teams ein. So stellen wir sicher, dass Ethik und Transparenz nicht nachträglich ergänzt, sondern von Anfang an mitgedacht werden.