«Die Schweiz bietet Raum für Innovation»
Christine Antlanger-Winter
Die Schweiz ist für Google mehr als ein Entwicklungsstandort. Google baut Zürich zum globalen KI-Hub aus. Am Limmatstandort entstehen Bausteine von Gemini, YouTube und Maps – in enger Kooperation mit ETH und EPFL.
Computerworld: Die Schweiz ist für Google einer der wichtigsten Entwicklungsstandorte weltweit. Wie hat sich die Bedeutung des Standorts in den letzten Jahren verändert?
Christine Antlanger-Winter: Nach über 20 Jahren in Zürich sind wir in der Limmatstadt stark verankert. Die Bedeutung unseres Zürcher Standorts hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich gesteigert. Zürich ist heute für uns ein wichtiger Hub für die Erforschung und Entwicklung von KI-Technologien, einschliesslich grosser Sprachmodelle und KI-Anwendungen wie Gemini.
Mit der noch stärkeren Fokussierung auf Künstliche Intelligenz umfasst unser Standort zahlreiche Teams, die an unseren KI-gestützten Produkten und Plattformen wie Gemini mitarbeiten – unter anderem bei unserer KI-Forschungseinheit Google DeepMind, aber auch in vielen weiteren Produktbereichen treiben wir Innovationen in zentralen Produkten wie der Google Suche, YouTube, Google Maps, Google Cloud und weiteren voran. Dies ist wesentlich den herausragenden Talenten aus dem In- und Ausland, sowie unserem engen Partnernetzwerk in Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft zu verdanken. Der Standort ist somit heute mehr als ein F&E Hub innerhalb von Google, er hat sich zu einer Art strategischen Knotenpunkt entwickelt, der praktisch alle Kernbereiche des Unternehmens abdeckt und die Zukunftstechnologien des Konzerns massgeblich mitgestaltet.
Und so sind wir selbstverständlich auch stolz darauf, dass wir über die letzten Jahre zusammen mit unseren Partnern zum KI-Standort Schweiz aktiv beitragen konnten. Gerade die Region Zürich hat sich mittlerweile zum globalen Zentrum für technologische Spitzenleistungen und KI-Technologien entwickelt, das lokale Ökosystem bietet der Schweiz grosses Potenzial auch zukünftig eine globale Spitzenposition zu belegen. Ich sehe aber auch, dass die KI-Adoption in Unternehmen hierzulande weiter stark gefördert werden sollte, sodass die Wertschöpfung neuer Technologien voll ausgeschöpft werden kann. Eine Studie von Implement Consulting von 2024 hat aufgezeigt, dass der Einsatz von generativer KI das jährliche Bruttoinlandsprodukt der Schweiz innerhalb der nächsten zehn Jahre um 80 bis 85 Milliarden Franken steigern kann. Zurücklehnen und sich auf vergangenen Innovationen auszuruhen, wäre sicher keine gute Idee, sodass die Führungsrolle im Bereich der Künstlichen Intelligenz längerfristig beibehalten werden kann.
CW: Welche gemeinsamen Projekte mit ETH und EPFL prägen derzeit die Innovationsagenda von Google?
Antlanger-Winter: Wir pflegen einen engen und positiven Austausch mit zahlreichen Hochschulen in der Schweiz. Sowohl mit den zwei führenden technischen Hochschulen, wie auch mit weiteren. Und die Innovationsagenda von Google in der Schweiz auch mit den beiden renommierten Hochschulen ETH Zürich und EPF in Lausanne verknüpft. Alle Parteien profitieren vom Austausch gerade in Forschungsprojekten. Gerade hier in der Schweiz, wo die Wege kurz sind und man sich im Allgemeinen rasch kennt, hat sich die Zusammenarbeit unter Forschungs-Partnern in Akademia und in Unternehmen bewährt, so konnte der F&E-Standort und das Tech-Ökosystem als Ganzes vorangebracht. Das ist ein Asset, welches nicht viele andere Standorte so bieten können. Auch die internationale Vernetzung und das Renommee der beiden Weltklasse-Universitäten spielt eine wichtige Rolle. Gerade mit den beiden führenden Hochschulen der Schweiz ist der Austausch sehr bereichernd. Beispielsweise ist die Partnerschaft mit dem ETH AI Center sehr positiv. Das AI Center bringt die besten Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, so kann an grossen Herausforderungen wie Klimawandel, Weltgesundheit und demografischem Wandel zusammengearbeitet werden. Wir als Google beteiligen uns mitunter an der Finanzierung von Stipendien für Post-Docs und Studierende, welche von Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen sowie von Fachleuten bei uns im Unternehmen betreut werden, so wird ein umfassender Ansatz gewährleistet. Die Zusammenarbeit ist sehr positiv und wird auch im 2026 weitergeführt.
Als aktuelles Beispiel der Zusammenarbeit mit der ETH kann ich den Bereich Augmented Reality nennen. Im vergangenen Mai durfte ich bei der Eröffnung einer neuen Zusammenarbeit an der ETH in der Augmented Reality-Forschung mitwirken. Das «ETH Augmented Reality Research Lab» (ETHAR) ist eine Forschungsinitiative der ETH Zürich mit dem einzigartigen Fokus auf Weiterentwicklung des AR-Feldes, mit dedizierter Förderung der interdisziplinären Forschung in den Bereichen Computergrafik, Computer Vision, Mensch-Computer-Interaktion. Das ETHAR konnte als unabhängiges Lab dank der finanziellen Unterstützung von Google ins Leben gerufen werden, und es können so jährlich 10-15 Projekte im Hub realisiert werden, bei denen eng mit den Forschenden der ETH Zürich zusammengearbeitet wird. Ich bin schon sehr gespannt, was für spannende Innovationen demnächst aus dem ETHAR hervorgehen werden.
CW: KI ist derzeit die treibende Kraft in Gesellschaft und Wirtschaft. Wie positioniert sich Google Schweiz in der Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien?
Antlanger-Winter: Unser lokales Motto bei Google Schweiz lautet «Gemeinsam erfinden» – Innovationen werden gemeinsam über viele Google Teams hinweg vorangetrieben, aber eben auch zusammen mit externen Partnern, wie etwa in Forschungskooperationen mit der ETH oder EPFL. Wir sehen uns somit in einer gewissen Doppelrolle: Als globaler Google Research- und Engineering Hub, aber auch als lokaler Enabler.
Mit rund 5000 Google Mitarbeitenden und als globaler Forschungs- und Entwicklungs-Hub sind wir im Gesamtunternehmen ein bedeutender Faktor – der Zürcher Standort trägt massgeblich zu Googles Innovationen weltweit bei – wesentliche Komponenten unserer modernsten KI-Modelle – einschliesslich Gemini – und der zugrundeliegenden Infrastruktur werden hier an der Europaallee und im Hürlimann-Areal mitentwickelt. Wenn Nutzerinnen oder Nutzer weltweit Google Gemini oder die Google Suche nutzen oder intelligente KI-gestützte Funktionen in YouTube und Google Maps anwenden, dann steckt da auch häufig ein Stück «Zürich-based Engineering» drin.