Digitaler Wandel in der Schweiz
Prof. Dr. Matthias Stürmer, BFH
Matthias Stürmer bringt zu digitaler Nachhaltigkeit, Open Source Software, Künstliche Intelligenz u.a. reiche Erfahrungen aus Beratung, Forschung und Entwicklung mit und engagiert sich zudem in der Politik - ein nicht alltägliches Interview.
CW: Herr Stürmer, wir sind von der Menge und Bandbreite Ihrer Tätigkeiten beeindruckt und fragen uns, wie ein einziger Mensch so viele Forschungsthemen und rund 50 Mitarbeitende 7/24/365 managen kann. Wie läuft ein typischer Tag in Ihrem akademischen Leben ab?
Matthias Stürmer: Es ist so, dass ich aktuell etwas viel arbeite. Aber es macht mir halt einfach grosse Freude und es motiviert mich, dass ich an meiner heutigen Position doch recht viel bewirken kann in Themen, die ich seit vielen Jahren leidenschaftlich vorantreibe. Zudem habe ich ein tolles Team am Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule sowie in den verschiedenen Verbänden und Organisationen, sodass ich ja auch nicht alles selber operativ umsetzen muss.
Einen typischen Tag gibt es dabei nicht, dafür aber typische Aufgaben, um die ich mich kümmern muss: Einerseits Führungsaufgaben am Institut, also Gespräche mit meinen Fachgruppenleitenden und Dozierenden, mit meiner Chefin, dem Controlling und den anderen Institutsleitenden. Dann gibt es regelmässige Meetings zu unseren Forschungsprojekten, Vorbereitungen eigener Vorlesungen und Vorträge sowie auch das Schreiben neuer Publikationen und Anträge. Etwas Kommunikation über LinkedIn gehört auch dazu, und natürlich viel lesen, was in Praxispublikationen, wissenschaftlichen Journals oder an Konferenzen veröffentlicht wird.
Public Sector Transformation
Das Institut umfasst die Fachgruppen Data + Infrastructure, Public Sector Innovation, Public Procurement and Law sowie Digital Sustainability Lab.
Weitere Infos unter: www.bfh.ch/ipst
CW: Sie sind an der Berner Fachhochschule (BFH) für sechs Fachgebiete verantwortlich: Digitale Nachhaltigkeit, Digitale Souveränität, Open Source Software, Open Government Data, Digitalpolitik und Natural Language Processing (NLP). Wo liegen dabei Ihre Schwerpunkte?
Stürmer: Genau, das sind alles Themen, mit denen ich mich teilweise schon seit vielen Jahren beschäftige. Beispielsweise schrieb ich 2005, also vor bald 20 Jahren, meine Abschlussarbeit an der Uni Bern zum Thema Open Source Community Building – ein Thema, das heute aufgrund des EMBAG1 aktueller ist denn je. Eine Art Fortsetzung und Erweiterung bildet die digitale Nachhaltigkeit, welche das langfristige und frei verfügbare digitale Wissen im Fokus hat und so auch Open Source Software einbezieht. Etwas neuer ist der Bereich «Digitale Souveränität», welcher die Unabhängigkeit und Kontrollmöglichkeit der Digitaltechnologien betrifft. Dabei entstehen dann sehr rasch Fragen zur Digitalpolitik, ein neuartiges Feld auf dem politischen Parkett. Hier geht es um die künftige Rolle und Gestaltungsmöglichkeiten des Staates sowie alle Gesetze, die sich mit der Digitalisierung befassen.
Last but not least beschäftige ich mich auch mit dem Potenzial der Datenanalyse mittels Künstlicher Intelligenz (KI), konkret mit der maschinellen Verarbeitung rechtlicher Dokumenten sowie Ausschreibungsunterlagen. Dazu verwenden wir Natural Language Processing (NLP), auf Deutsch «Computerlinguistik», was heute dank riesiger Large Language Models (LLMs) eine neue Relevanz erhalten hat. Hier bestehen eindrückliche Open Source Modelle, die wir für die Forschung verwenden und auch eigene Sprachmodelle für die Rechtsterminologie veröffentlicht haben. Meine verschiedenen Forschungsbereiche hängen also alle irgendwie zusammen und sind verzahnt.
CW: Wie spüren Sie neue Themen auf?
Stürmer: Wir sind relativ gut vernetzt in der ICT-Branche, Politik, Verwaltung sowie Zivilgesellschaft und Verbänden. Da sehen wir Themen frühzeitig, die relevant sind. Und dank unserer interdisziplinären Aufstellung von Informatik über Politikwissenschaften bis Juristerei können wir neue Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Manchmal kommen auch andere auf uns zu mit konkreten Anliegen, die wir dann vertieft im Rahmen von Auftragsforschung bearbeiten.
Dabei fragen wir uns: Was gibt es forschungsmässig bereits? Wo sind wir als Team? Wo könnten wir einsteigen? In meiner digitalen Artikelsammlung befinden sich rund 2'500 wissenschaftliche Publikationen und Forschungsresultate im Umfang von etwa 13 GB, die ich mit Zotero bequem managen und unterwegs oder in den Ferien lesen kann.
CW: Bei den Themen «Digitale Nachhaltigkeit, Digitale Souveränität» denken wir an den Praxisbezug. Was verbirgt sich hinter diesen grossen Begriffen? Und wer profitiert von Ihren Forschungen? Sind dies nur Ämter oder auch die Wirtschaft?
Stürmer: Digitale Nachhaltigkeit und digitale Souveränität sind heute sehr aktuell, denn sie betreffen die riesigen Herstellerabhängigkeiten von amerikanischen Grosskonzernen wie Microsoft, Google, Amazon, aber auch von europäischen IT-Firmen wie SAP. Sowohl Behörden als auch die Unternehmenswelt sind von diesen Tech-Firmen stark abhängig und leiden unter diesem so genannten «Vendor Lock-In». Jüngstes Beispiel ist Broadcom, die 2022 VMware für über 60 Mia. US$ gekauft haben. Dieser hohe Kaufpreis gründet auf der Abhängigkeit vieler VMware-Kunden, die nun vielfach höhere Lizenzpreise für proprietäre Produkte zahlen müssen.
Nun schauen sich viele Unternehmen und Verwaltung nach Alternativen um – und diese gibt es zum Glück auch, nämlich in der Open Source Welt z.B. Proxmox und OpenStack. Dies sind Software-Lösungen, für die verschiedene IT-Unternehmen Knowhow und Support liefern können, frei verfügbar sind und auch uneingeschränkt weiterentwickelt werden können. Dies sind alles Vorteile von digitaler Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität, zu denen wir regelmässig forschen und publizieren.
CW: Was kann die Politik zum digitalen Fortschritt der Schweiz beitragen? Wo mangelt es und welche Randbedingungen sind zu verbessern?
Stürmer: Die Politik kann einerseits sinnvolle Regulierungen vornehmen, um Innovationen zu fördern und gleichzeitig die Bevölkerung vor den negativen Auswirkungen des technologischen Wandels zu schützen. So passierte es beispielsweise vor einigen Jahren beim Datenschutz, der nun an die neuen Gegebenheiten des internationalen Datenverkehrs angepasst wurde. Spannend wird die Frage sein, was die Schweiz im Hinblick auf das neue EU KI-Gesetz unternehmen wird. Hier werden wir bis Ende dieses Jahres erste Überlegungen des Bundesrats vernehmen.
Andererseits investiert die Schweiz auch finanzielle Mittel zur Digitalisierung der Verwaltung, so beispielsweise auf Bundesebene über den Bereich «Digitale Transformation und IKT-Lenkung» der Bundeskanzlei und über die «Digitale Verwaltung Schweiz», die sich an die Kantone richtet. Hier bräuchte es noch wesentlich mehr Ressourcen. Und noch gar nicht entwickelt ist die Förderung offener Technologien und Standards. Hier unternimmt Deutschland mit dem «Zentrum für digitale Souveränität» (ZenDiS) und dem «Sovereign Tech Fund» wesentlich mehr für die Innovationsfähigkeit und digitale Resilienz.