Fraude: Das beschreibt es sehr gut. Als neuer CEO sehe ich dieses Potenzial aus der neutralen Sicht eines Aussenstehenden. Dadurch ist es für mich einfacher, Bestehendes zu hinterfragen und Veränderungen anzustossen, als für jemanden, der schon länger dabei ist. Deshalb ja: Meine Rolle ist es, zu konsolidieren, zu innovieren und zu koordinieren. Es gibt so viele grossartige Ideen in unserem Unternehmen, welche wir nicht alle gleichzeitig umsetzen können. Daher ist es auch meine Aufgabe, diese Innovationsflut in geordnete Bahnen zu lenken.
CW: Prägt dieses Lenken und Entscheiden auch Ihren Führungsstil? Beim Rundgang durch die Logistik ist mir aufgefallen, wie straff diese mittels Rapporte und Notfallplänen durchorganisiert ist. Das erinnert fast ein bisschen ans Militär.
Fraude: (lacht) Nein, das ist gar nicht mein Führungsprinzip. Wir müssen dabei klar unterscheiden zwischen den Logistikprozessen einerseits und anderen Abteilunge wie IT oder Marketing. Logistik ist wie eine Maschine, bei welcher die besagten Zahnräder exakt ineinandergreifen müssen, damit sie reibungslos läuft. Wenn etwas in der Logistik passiert, muss man sofort reagieren und schon vorher festlegen, wer was wann und wo zu tun hat. Würde man dies auf das ganze Unternehmen anwenden wollen, käme es wahrscheinlich zum Stillstand. Und was meine Rolle als Führungskraft betrifft, wäre es völlig vermessen, wenn ich behaupten würde, ich wüsste alles und erst noch besser. Bei Brack Alltron haben wir ausgezeichnete Mitarbeitende, welche sich im Detail mit allen Prozessen auskennen. Abgesehen davon ist es auch nicht meine Aufgabe, die Abläufe neu zu definieren, sondern dem gesamten Ecosystem unserer Firma neuen Schwung zu verleihen, Prioritäten zu setzen und eine klare Richtung vorzugeben. Ich versuche, die richtigen Leute zusammenzubringen und den Handlungsraum zu definieren, daher sehe ich mich eher als Coach und Enabler.
CW: Bei Brack Alltron weht ein frischer Wind. Wie ist das Echo auf diese Veränderungen?
Fraude: Wir sind im Moment mitten in diesem Veränderungsprozess, daher kann ich noch kein abschliessendes Urteil abgeben. Ich spüre aber sehr viel Motivation. Allen ist klar, warum wir das machen und wohin die Reise geht. Vieles war schon vorhanden oder wenigstens angedacht, bevor ich zum Unternehmen gestossen bin. Ich sorge lediglich dafür, dass die Dinge noch stärker ins Rollen gebracht werden. Es ist also nicht so, dass da jemand von aussen gekommen ist und alles umkrempelt. Das ist, was ich intern auch wahrnehme. Natürlich haben alle Veränderungen auch negative Seiten, aber insgesamt ist die Stimmung gut. Die Mitarbeitenden schätzen den neu eingeschlagenen Weg sehr.
CW: Mit welchen Erwartungen werdet ihr seitens Endkunden im B2C-Markt konfrontiert?
Fraude: Ein grosses Thema ist «One-Stop-Shop». Also ein Ort, wo E-Commerce affine Menschen, einen grossen Teil ihres Lebensbedarfs abdecken können. Wir können schon heute sehr viele Produkte liefern, stellen uns aber immer wieder die Frage, wie weit wir unser Sortiment ausbauen wollen. Da sind wir noch in einer Findungsphase mit dem Ziel, in Zukunft ein «One-Stop-Shop» zu werden. Wichtig dabei ist unser Credo, alles aus unserer eigenen Logistik zu liefern im Unterschied zu anderen Anbietern, welche als Plattformen oder Marktplätze fungieren. Bei uns wird alles aus Willisau geliefert und ist am nächsten Tag beim Kunden. Das bedeutet wiederum, dass wir uns gut überlegen müssen, welche Produkte nehmen wir ans Lager. Die Endkunden erwarten schon heute von uns ein grosses Sortiment, günstige Preise und schnelle Lieferung. Zusätzlich geht der Trend vermehrt in Richtung Content, Gamification und Loyalty. Diese drei Bereiche bilden die Basis für die künftige Hyperpersonalization oder Customization. Die Kunden wollen die passenden Produkte mit einem personifizierten, spannenden Einkaufserlebnis, bei dem sie immer wieder profitieren können. Wir lassen uns dabei auch von anderen Anbietern inspirieren, z.B. aus USA oder China, ohne diese kopieren zu wollen. Wir bleiben wir, wollen uns aber auch laufend verbessern. Bei all diesen Überlegungen spielen Daten eine wichtige Rolle.