«Die Summe der Abhängigkeiten»
Kommando Cyber
Cyberraum und digitale Infrastrukturen sind längst integraler Bestandteil moderner Sicherheitspolitik. Mit dem Kommando Cyber hat die Armee eine Organisation zum Schutz ihrer eigenen Systeme geschaffen, die genau hier ansetzt: beim Schutz kritischer Systeme, beim Aufbau robuster Kommunikations- und Führungsstrukturen und bei der Fähigkeit, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Im Interview erklärt Luca Antoniolli, Chef Einsatz IKT, wo heutige Verwundbarkeiten liegen, weshalb digitale Souveränität mehr als ein politisches Schlagwort ist und welche Lehren sich aus aktuellen Konflikten ziehen lassen – auch für Wirtschaft und Verwaltung.
Computerworld: Herr Antoniolli, das Kommando Cyber ist noch eine relativ junge Organisation. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Auftrag Ihrer Einheit im Alltag – und was im Krisenfall?
Luca Antoniolli: Ein zentraler Auftrag des Kommando Cyber ist, die digitale und elektromagnetische Handlungsfähigkeit der Armee sicherzustellen. Dazu gehört einerseits der Schutz der eigenen Systeme, Netze, Daten und Infrastrukturen. Andererseits schaffen wir die Grundlage dafür, dass die Armee einen modernen Nachrichten-, Führungs- und Wirkungsverbund aufbauen und wirksam betreiben kann. Im Alltag bedeutet das, dass wir die digitalen Grundlagen bereitstellen, schützen und laufend weiterentwickeln, auf die eine moderne Armee angewiesen ist: belastbare Kommunikation, sichere Datenverarbeitung, ein aktuelles Lagebild, geschützte Netze und die Fähigkeit, Bedrohungen im Cyber- und elektromagnetischen Raum frühzeitig zu erkennen, einzuordnen und darauf zu reagieren.
In einer Krise oder in der Verteidigung geht es nicht nur um Schutz und Durchhaltefähigkeit, sondern auch darum, unter hohem Druck schnell zu adaptieren, neue Lösungen zu entwickeln und die eigene Führungs- und Wirkungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Gerade im Krieg ist die Innovationskraft oft nicht kleiner, sondern grösser. Sie muss dann aber unter härteren Bedingungen funktionieren.
Kurz gesagt: Im Alltag bauen und entwickeln wir die Basis. Im Ernstfall muss sie sich bewähren und rasch auf Veränderungen reagieren können.
Ein zweiter zentraler Auftrag unseres Kommandos ist die Leistungserbringung im Rahmen der elektronischen Kriegführung der Armee und die Informationsbeschaffung über sicherheitspolitisch relevante Vorgänge im Ausland zugunsten des Nachrichtendienstes des Bundes oder des Militärischen Nachrichtendienstes. Bei der elektronischen Kriegführung geht es unter anderem darum, im Einsatzfall gegenerische Funknetze zu erkennen und mit Funkstörern zu bekämpfen. Der Gegner soll seine Funkverbdindungen nicht mehr nutzen können, was seine Führung erschwert und verlangsamt. Die Informationsbeschaffung über das Ausland erfolgt auf Grundlage des Nachrichtendienstgesetztes oder des Miltärgesetzes. Dazu nutzt das Kommando Cyber im Auftrag der beiden Nachrichtendienste technische Sensoren, wie beispielsweise die Funkaufklärung. Wie wir hier konkret arbeiten und vorgehen, gehört zu den gut gehüteten Geheimnissen unseres Kommandos.
CW: Moderne Armeen sind stark digital vernetzt. Wo sehen Sie heute die grössten Verwundbarkeiten militärischer Systeme im Cyberraum? Welche Beispiele gibt es aus aktuellen internationalen Konflikten?
Antoniolli: Die grösste Verwundbarkeit moderner militärischer Systeme liegt nicht in einem einzelnen Gerät oder einer einzelnen Anwendung, sondern in der Summe ihrer Abhängigkeiten. Je digitaler, vernetzter und datengetriebener Streitkräfte werden, desto grösser wird auch ihre Angriffsfläche.
Besonders kritisch wird es dort, wo Sensorik, Kommunikation, Datenverarbeitung, Führung und Wirkung eng miteinander verflochten sind. Gelingt es einem Gegner, diese Kette zu stören, zu manipulieren oder punktuell zu lähmen, geht nicht nur IT verloren. Man verliert Zeit, Übersicht über die Lage und trifft im schlimmsten Fall falsche Entscheidungen.
Hinzu kommen Abhängigkeiten von ziviler Telekommunikation, Energieversorgung, Satellitennavigation, Herstellern, Softwarelieferanten und internationalen Lieferketten. Abhängigkeiten sind nicht per se falsch. Problematisch werden sie dort, wo sie nicht bewusst, risikoorientiert und mit Alternativen gesteuert werden.
Aktuelle Konflikte zeigen sehr deutlich, dass Cyberoperationen längst integraler Bestandteil moderner Kriegführung sind. Sie begleiten klassische Operationen nicht einfach, sondern bereiten sie vor, unterstützen sie oder verstärken ihre Wirkung. Und was immer noch unterschätzt wird: Dazu gehört auch der Informationsraum. Desinformation und gezielte Einflussnahme auf Meinungen, Wahrnehmungen und gesellschaftliche Stimmungen sind heute ein realer Teil moderner Konfliktführung – oft zeitlich einem physischen Angriff weit vorgelagert.