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Die Kompetenzlücke

Viele Führungskräfte adressieren die grundlegenden Veränderungen der Wirtschaft mit Konzepten aus vordigitaler Zeit. Das wird zunehmend zum Problem.
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Reinhard Riedl beschäftigt sich mit digitalen Ökosystemen sowie der Rolle der Menschen im digitalen Wandel von Unternehmen und Märkten. Er ist ausserdem Herausgeber des Wissenschafts-Blogs «Societybyte» der Berner Fachhochschule. www.societybyte.swiss

© Riedl

Die BWL-Konzepte aus vordigitaler Zeit bleiben zwar in der digitalen Transformation wertvolle Bausteine der Unternehmensführung, sie bieten aber bei kritischen Punkten keine konkrete Hilfe: bei der Neugestaltung der Geschäftstätigkeit.

Stellen Sie sich vor, jemand will quantenmechanische Phänomene mit den mathematischen Methoden der klassischen Mechanik berechnen. Oder treffender noch: Ein Coach einer guten Profi-Fussballmannschaft setzt auf das Fussballverständnis der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Beide werden scheitern. So wie die Mathematik für den wissenschaftlichen Fortschritt in der Physik jeweils neue Methoden bereitstellte, erfindet das Fussballcoaching nicht nur ständig neue taktische Spielvarianten, sondern auch neue Trainingsmethoden, um das Umsetzen der taktischen Varianten zu erlernen.

Natürlich hat die BWL in den letzten 60 Jahren grosse Fortschritte gemacht – einige der im Laufe der Zeit entwickelten neuen Methoden, z.B. MBO, wurden sogar schon wieder verworfen, auch wenn sie in der Praxis noch präsent sind. Aber sie hinkte der Digitalisierung stets hinterher. Lange betrachtete man IT als «managbare» Ressource – und viele tun es heute noch – nun betrachtet man digitale Transformation als «Change». Ein Grund mag sein, dass der frühere Management-Guru Peter Drucker in seinen letzten Lebensjahren visionäre Konzepte für eine digitale Wirtschaft entwickelt hat, die bis heute nicht realisiert wurden. Deshalb hält man sich lieber zurück. Nun aber wird es Zeit, die bereits stattfindende digitale Transformation zu adressieren.

Es wird Zeit, die bereits stattfindende digitale Transformation zu gestalten.

Reinhard Riedl

Einerseits beschleunigen Unternehmen ihre Kerngeschäftsprozesse mit KI um bis zu einem Faktor 50, suchen aber noch danach, wie sie das für eine fundamentale Neugestaltung des Unternehmens nutzen können. Anderseits gibt es Unternehmen, welche noch nicht einmal angefangen haben, Infrastruktur für KI-Anwendungen zu bauen, obwohl sie nach den Massstäben der BWL exzellent geführt werden. Da stimmt offensichtlich irgendetwas nicht mehr.

Dazu kommt, dass dynamisch in die Champions League ihres Sektors strebende KMUs gerade neue Formen der Projektgestaltung entwickeln (müssen). Denn sie erleben, dass die vernünftige und systematische KI-Einführung organisatorisch ein viel grösseres Problem ist als technisch. Und es kommt dazu, dass viele Gewissheiten der internationalen und der nationalen Ordnung wanken. Etwa die Gewissheit, dass Schweizer Unternehmen jederzeit die beste Technologie kaufen können oder die Gewissheit, dass die landesinterne Souveränität der Kantone die Souveränität des ganzen Landes stärkt. Beides ist in Frage gestellt.

Wir bilden deshalb im Master Wirtschaftsinformatik (WI) Studierende dafür aus, die digitale Transformation strategisch zu gestalten. Viele sehen das als zu anspruchsvoll an. Aber ich erlebe zunehmend CEOs, die genau nach dieser Expertise suchen. Sie beginnen, sich mit ihrer Kompetenz-Lücke auseinanderzusetzen.

Gesellschaft CIO
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