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Wenn KI Gestalt annimmt und (sich) bewegt

Der erste Embodied AI Jam von SAP Schweiz in Biel brachte Künstliche Intelligenz in Bewegung. Maschinen mit vier Beinen, zwei Beinen und Rotoren transportierten, inspizierten und rapportierten. Kurz, sie erfüllten Aufgaben – intelligent und überraschend gut. Ein inspirierender Blick auf die nächste Automatisierungswelle.

Das  «Autonome Unternehmen» im Visier: Beim ersten Embodied AI Jam von SAP Schweiz in Biel wurde das Zusammenspiel von Robotern, KI und realen Geschäftsprozessen praktisch erprobt.

© Computerworld

Vom 25. bis 27. August 2026 trafen sich Kunden, Robotikhersteller, Systemintegratoren sowie Fachleute von SAP in der Swiss Smart Factory. Sie wollten nicht nur über die Verbindung von KI, Robotik und Geschäftssoftware sprechen, sondern diese unmittelbar ausprobieren. In kleinen Teams entstanden Anwendungen für die Lagerautomatisierung, die Inspektion von Anlagen und den Materialumschlag.

Was auf den ersten Blick wie ein Besuch im Maschinenraum vom Raumschiff Enterprise wirkte, hat mir als Ansatz sehr gut gefallen. Humanoide Roboter absolvierten lässig ihre Trainings und die Roboterhunde schienen sich in der Laborhalle wohlzufühlen. Der Anlass wirkte inspirierend, offen und angenehm experimentierfreudig. Nicht jede Idee musste bereits bis ins letzte Detail ausgereift sein. Entscheidend war, dass unterschiedliche Spezialisten zusammenkamen, ihre Erfahrungen einbrachten und gemeinsam herausfanden, was technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll sein könnte.

Aus Software wird Bewegung

Embodied AI, auch Physical AI genannt, bringt Künstliche Intelligenz in die physische Welt. Maschinen nehmen ihre Umgebung über Sensoren wahr, verarbeiten die gewonnenen Informationen und leiten daraus Handlungen ab. Die Bandbreite reicht von Drohnen und mobilen Robotern bis zu humanoiden Systemen. Für SAP liegt der entscheidende Schritt in der Verbindung dieser Maschinen mit betrieblichen Daten und Prozessen. Roboter sollen nicht einfach einen programmierten Handgriff wiederholen. Sie sollen den geschäftlichen Zusammenhang einer Aufgabe kennen.

Ein Roboter im Lager müsste dann nicht nur wissen, dass er eine Kiste von einem Ort zum anderen transportieren soll. Er erhält zugleich Informationen darüber, welches Material zu welchem Auftrag gehört, welche Lieferung Priorität besitzt und wie der Vorgang im ERP-System verbucht werden muss. Damit wird aus einer isolierten Maschine ein ausführender Teil des Geschäftsprozesses. Genau hier liegt aus meiner Sicht das eigentliche Potenzial von Embodied AI.

«SAP bewegt sich aus der reinen Software- und ERP-Welt heraus und näher an die physische Welt heran», erklärte Alexander Finger, CTO von SAP Schweiz, im Gespräch mit Computerworld. Embodied AI verbinde SAP-Geschäftsprozesse mit der realen Umgebung und gebe Robotern den notwendigen Geschäftskontext. «Wer sieht, wie ein Roboter durch echte SAP-Geschäftsprozesse gesteuert wird, versteht den Mehrwert sofort – besser als durch jeden Foliensatz.»

«SAP bewegt sich aus der reinen Software- und ERP-Welt heraus und näher an die physische Welt heran», so Alexander Finger, CTO von SAP Schweiz.

© Computerworld
Drei Tage statt wochenlanger Abstimmungen

Wie wichtig das direkte Erleben ist, zeigte sich beim Jam sehr deutlich. Eine Folie kann beschreiben, wie eine Drohne eine Anlage inspiziert. Wesentlich anschaulicher wird das Szenario, wenn die Drohne tatsächlich fliegt und die gewonnenen Informationen anschliessend in SAP Asset Performance Management einfliessen. Andere Teams untersuchten, wie humanoide Roboter Abläufe aus SAP Digital Manufacturing unterstützen könnten. Dabei ging es nicht um perfekte Serienlösungen. Die Teilnehmenden entwickelten erste Anwendungsideen, prüften technische Annahmen und skizzierten mögliche Architekturen.

Nach Angaben von SAP erreichten die Teams in drei konzentrierten Tagen Ergebnisse, für die unter normalen Projektbedingungen mehrere Wochen Abstimmung nötig gewesen wären. Das erscheint plausibel: Robotikhersteller, Integratoren, Prozessexperten und Kunden sassen nicht in getrennten Sitzungen, sondern arbeiteten gemeinsam an derselben Aufgabe. Finger zeigte sich besonders erfreut darüber, dass die Gespräche nach dem Anlass weitergeführt werden sollen. «Die Teams haben in kürzester Zeit konkrete Anwendungsfälle entwickelt – von der Lagerautomatisierung bis zur Anlageninspektion – und die Kunden wollten das Gespräch danach unbedingt weiterführen.»

Welche Partner bereits an Bord sind, wie das Physical AI Konzept von SAP aufgebaut ist und was es bereits an Tools  gibt, erklärte Adelya Fatykhova, Lead Architect Embodied AI, Physical AI and Robotics bei SAP.

© Computerworld
Mehr als ein neuer KI-Begriff

Physical AI und Embodied AI sind für mich weit mehr als die nächsten Schlagwörter im mittlerweile üppig bestückten KI-Vokabular. Die Entwicklung könnte zu einer neuen Stufe der Automatisierung führen. Generative KI verarbeitet bisher vor allem Texte, Bilder, Programmcode und Informationen. Embodied AI setzt Erkenntnisse in physische Handlungen um. Das eröffnet neue Möglichkeiten, verändert aber auch die Dimension möglicher Fehler. Eine unzutreffende Antwort eines Chatbots ist ärgerlich. Eine falsche Entscheidung eines Roboters kann Material beschädigen, die Produktion unterbrechen oder Menschen gefährden. Unternehmen müssen deshalb früh über Sicherheit, Datenqualität, Verantwortlichkeiten und kontrollierbare Entscheidungen nachdenken.

Auch der wirtschaftliche Nutzen muss stimmen. Ein spektakulärer Roboter allein verbessert noch keinen Prozess. Erst wenn Maschine, KI, Geschäftsdaten und bestehende Abläufe zuverlässig zusammenspielen, entsteht ein tragfähiger Anwendungsfall. Gerade deshalb fand ich den Embodied AI Jam zukunftsträchtig. Der Anlass machte nicht nur sichtbar, was mit Robotik und KI eines Tages möglich sein könnte. Er zeigte einen Weg, wie Unternehmen solche Ideen schon heute konkret untersuchen können: mit echten Maschinen, realen Prozessen und den richtigen Fachleuten an einem Ort.

Die Partnerschaft von SAP mit der Swiss Smart Factory in Biel bietet die Grundlage für praxisnahe Anwendungen und Einblicke in neue Technologien. Die SSF bietet dazu thematische Führungen an.

© Computerworld
Biel wird zum Experimentierfeld

SAP ordnet Physical AI seiner Strategie des «Autonomous Enterprise» zu. Embodied AI soll Teil der SAP Business AI Platform werden und damit in eine umfassendere Automatisierung von Geschäftsprozessen einfliessen. Ab Januar 2027 wird SAP Schweiz Mitglied der Swiss Smart Factory und erhält eine dauerhafte Präsenz in Biel. Weitere Embodied AI Jams und spezielle Einstiegsworkshops für Kunden sind geplant. Unternehmen sollen dort eigene Einsatzmöglichkeiten untersuchen und den erwarteten Geschäftsnutzen gemeinsam mit SAP und Partnern beurteilen können. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Denn die Zukunft von Embodied AI entscheidet sich nicht auf der Bühne und auch nicht im Werbevideo. Sie entscheidet sich dort, wo ein Roboter zuverlässig mit einem realen Geschäftsprozess verbunden wird und eine Aufgabe nachweislich besser, sicherer oder wirtschaftlicher erledigt. Der erste Jam in Biel hat dafür einen überzeugenden Vorgeschmack geliefert.

Physical AI SAP Schweiz Robotik
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