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Lesedauer 4 Min.

Wenn die Banking-App zum Mobilfunkshop wird

Die Neobank Revolut steigt in Deutschland in den Mobilfunkvertrieb ein und bietet ihren Kunden 120 GB für 14,99 Euro monatlich. Netzbetreiber Telefónica und Technologiepartner 1Global ermöglichen das Angebot im Hintergrund. Das Modell zeigt, wie branchenfremde Plattformen zu neuen Wettbewerbern im Mobilfunkmarkt werden.
Jörg Kablitz (links), Chief Partner & Wholesale Officer, und Viviane Fenke, Director Strategy, Analysis & Special Project bei Telefónica Deutschland

Jörg Kablitz (links), Chief Partner & Wholesale Officer, und Viviane Fenke, Director Strategy, Analysis & Special Project bei Telefónica Deutschland. Der Netzbetreiber will über Kooperationen mit digitalen Plattformen neue Kundengruppen erschliessen

© o2 Telefónica

Für einen neuen Mobilfunkvertrag müssen Kunden längst keinen Handyshop mehr besuchen. Inzwischen genügt sogar die Banking-App: Die britische Neobank Revolut bietet ihren mehr als drei Millionen Kunden in Deutschland jetzt einen eigenen Mobilfunktarif an. Möglich macht das eine Kooperation mit dem Technologieanbieter 1Global und Telefónica Deutschland. Das Besondere ist weniger der Tarif selbst als das dahinterstehende Vertriebsmodell.

Unter dem Namen Revolut Mobile können Kunden ihren Mobilfunkvertrag direkt über die Banking-App abschliessen und aktivieren. Auch die Verwaltung des Vertrags erfolgt dort. Für Revolut ist Mobilfunk damit ein zusätzlicher Dienst neben Bankkonto, Zahlungsverkehr und Wertpapierhandel. Die Neobank kann ihre bestehende Kundenbasis ansprechen, ohne dafür eigene Mobilfunkshops oder ein Händlernetz aufbauen zu müssen. Das Angebot wird schrittweise für die Kunden freigeschaltet.

120 GB für 14,99 Euro – danach 2 Mbit/s

Der monatlich kündbare Tarif kostet 14,99 Euro und umfasst eine Flatrate für Telefonate und SMS innerhalb Deutschlands. Beim mobilen Internet sind 120 GB Datenvolumen mit Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s enthalten. Ist das Kontingent aufgebraucht, wird die Geschwindigkeit auf 2 Mbit/s reduziert. Anders als bei vielen Tarifen mit deutlich stärkerer Drosselung bleiben damit beispielsweise Messenger, Musikstreaming und einfache Internetanwendungen weiterhin nutzbar, wenn auch mit Einschränkungen.

Zum Leistungsumfang gehören ausserdem 40 GB Datenvolumen für das EU-Roaming sowie ein Messaging-Pass, der die Nutzung unterstützter Messenger-Dienste in mehr als 140 Ländern ermöglicht. Hinzu kommen digitale Zusatzleistungen, darunter NordVPN. Die Aktivierung erfolgt über eine eSIM, auch die Mitnahme einer bestehenden Rufnummer ist möglich.

Für Revolut-Kunden ist der Mobilfunkvertrag damit ein weiterer Dienst innerhalb der Banking-App. Vertragsinformationen, Datenverbrauch und Abrechnung lassen sich dort verwalten.

1Global übernimmt die Mobilfunkdienstleistung

Hinter dem Angebot steht ein Geschäftsmodell mit klar verteilten Rollen. Revolut übernimmt die Vermarktung und den direkten Zugang zu den Kunden. 1GLOBAL stellt die Mobilfunkplattform bereit und ist der vertragliche Anbieter der Mobilfunkdienstleistung. Telefónica Deutschland liefert die Netzinfrastruktur.

In den Vertragsbedingungen weist Revolut darauf hin, dass Kunden ihren Mobilfunkvertrag mit der 1Global Germany Operations GmbH abschliessen. Revolut selbst handelt als Vermittler und übernimmt bestimmte administrative Aufgaben. Die Rechnungsstellung erfolgt ebenfalls durch 1Global.

Damit kann Revolut Mobilfunkleistungen unter seiner Marke vertreiben, ohne selbst ein Netz betreiben oder die dafür notwendige technische Infrastruktur aufbauen zu müssen. Die Neobank konzentriert sich auf die Kundenbeziehung, während spezialisierte Partner die eigentliche Mobilfunkleistung erbringen.

Telefónica setzt auf neue Wholesale-Modelle

Für Telefónica Deutschland ist die Zusammenarbeit ein Beispiel dafür, wie sich das Geschäft mit Partnerunternehmen verändert. Während klassische Wholesale-Modelle vor allem auf Mobilfunkmarken und Wiederverkäufer ausgerichtet waren, können inzwischen auch Unternehmen aus anderen Branchen Mobilfunkleistungen in ihre eigenen digitalen Angebote integrieren.

«Unsere Partnerschaft mit Revolut und 1Global markiert ein neues Kapitel für den deutschen Mobilfunkmarkt», erklärt Jörg Kablitz, Chief Partner & Wholesale Officer bei Telefónica Deutschland. Die Zusammenarbeit zeige, wie sich das Wholesale-Geschäft von klassischen Partnerschaften hin zur Plattformökonomie entwickle.

Für den Netzbetreiber eröffnet das die Möglichkeit, zusätzliche Kunden über Partner zu erreichen, die bereits über eine grosse Nutzerbasis verfügen. Revolut wiederum kann seine bestehende Kundenbeziehung um einen regelmässig genutzten Dienst erweitern.

Das Konzept ist nicht auf Revolut beschränkt. Auch die Neobank N26 ist bereits mit einem Mobilfunkangebot auf dem deutschen Markt vertreten und arbeitet dafür ebenfalls mit 1GLOBAL zusammen. Die Netzleistung kommt dort allerdings von Vodafone.

Neue Konkurrenz für klassische Vertriebskanäle?

Der Einstieg von Revolut zeigt, dass Mobilfunkangebote zunehmend auch ausserhalb der etablierten Vertriebskanäle vermarktet werden. Digitale Plattformen mit einer grossen Kundenbasis können Tarife direkt in ihre Anwendungen integrieren und ihren Nutzern zusätzliche Verträge anbieten, ohne dafür eigene Shops oder ein Händlernetz zu benötigen.

Für den stationären Fachhandel entsteht dadurch ein weiterer Wettbewerber um Mobilfunkkunden. Allerdings richtet sich das Angebot zunächst an Revolut-Kunden und setzt ein eSIM-fähiges Smartphone voraus. Eine Vermarktung über unabhängige Fachhändler ist nicht vorgesehen.

Offen bleibt zudem, welche wirtschaftliche Rolle der Mobilfunktarif langfristig für Revolut spielen soll. Neben direkten Einnahmen könnte das Angebot auch dazu dienen, die Nutzung der Banking-App zu erhöhen und Kunden enger an die Plattform zu binden. Konkrete Angaben zu den erwarteten Kundenzahlen oder zur Wirtschaftlichkeit des Angebots machen die beteiligten Unternehmen bislang nicht.

Wie viele Revolut-Kunden tatsächlich zum Mobilfunkangebot wechseln werden, ist daher noch nicht absehbar. Die Kooperation zeigt jedoch, dass sich das Wholesale-Geschäft zunehmend für Anbieter öffnet, deren eigentliches Kerngeschäft ausserhalb der Telekommunikationsbranche liegt.

Banking Telekommunikation
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