Lesedauer 5 Min.

Digitalisierungstreiber E-ID

Die E-ID kommt, und mit ihr eine Vertrauensinfrastruktur, die viele Probleme der Digitalisierung lösen kann. Welche konkreten Möglichkeiten bieten sich für Organisationen sowie Nutzerinnen und Nutzer?
Jeder digitale Nachweis bietet neue Möglichkeiten der Prozessdigitalisierung.
© (Quelle: Adnovum AG)

Der aktuelle Stand der Digitalisierung ruft nicht nur positive Gefühle hervor. Einerseits gibt es klare Bestrebungen von öffentlichen Stellen und vom Privatsektor, mehr Dienstleistungen digital und einfach anzubieten. Andererseits können Nutzer bei der Vielzahl von Apps, Accounts, Passwörtern und Verfahren rasch eine Krise bekommen. Wichtige Dokumente gibt es teilweise immer noch per Post, andere als PDF per E-Mail. Für Organisationen aller Art ist es enorm herausfordernd, Daten digital nutzbar zu machen und zu verarbeiten.

Was überall fehlt, sind Daten, denen man vertrauen kann: Es braucht digitale Dokumente, die sich einfach und sicher austauschen lassen, deren Herkunft überprüfbar ist und die man selbst unter Kontrolle hat.

Schweizer E-ID mit neuem Konzept und Vertrauensinfrastruktur

Nun naht Besserung: Bald soll die Schweizer E-ID kommen, und damit auch eine «Vertrauensinfrastruktur», die das Potenzial hat, viele Probleme der Digitalisierung zu lösen.

Schon 2021 gab es einen ersten Anlauf für eine digitale Schweizer Identitätskarte. Damals sagten die Stimmberechtigten jedoch klar «nein» zum dazugehörigen E-ID-Gesetz. Der Grund war nicht eine negative Haltung zum digitalen Ausweis an sich, sondern zum damaligen Plan, die E-ID von privaten Firmen herausgeben und verwalten zu lassen.

Das Scheitern wurde als Chance erkannt und ein partizipativer Prozess in Gang gesetzt, der zu einem neuen, vielversprechenden E-ID-Konzept führte. Ende September wird ein zweites Mal über die E-ID abgestimmt, aber im Gegensatz zur «2021-Ausgabe» stehen nun praktisch alle wichtigen Organisationen, Vereine und Parteien hinter der E-ID. Inhaltliche Kritikpunkte sind noch vorhanden, aber im Vergleich zu den sich bietenden Chancen wenig überzeugend. Die Vorteile überwiegen klar.

Doch wie kann die E-ID die Digitalisierung vorantreiben? Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, was da genau gebaut wird.

Nutzer behalten die Kontrolle über ihre Daten

Zum einen kommt die E-ID als digitaler vom Staat ausgegebener Ausweis. Die E-ID werden Nutzer bei digitalen Angeboten der öffentlichen Verwaltung wie auch bei privaten Anbietern verwenden können, um sich zu identifizieren. Besonders hierbei ist, dass das datensparsam erfolgen kann. So ist es z. B. möglich, einen Alters- oder einen «Menschlichkeitsnachweis» zu erbringen, ohne andere Daten preisgegeben zu müssen. Eine Social-Media-Plattform kann dadurch abfragen, ob eine Nutzerin ein Mensch (und kein Bot) ist und auf «über-18-Jahre»-Inhalte zugreifen darf, ohne dass die Nutzerin weitere persönliche Angaben machen muss. Und auch der Bund selbst sieht – genau wie bei der analogen ID-Karte – nicht, wie und wo die E-ID verwendet wird.

Diese Möglichkeiten ergeben sich durch eine technische Umsetzung, die vom Prinzip der Self-Sovereign Identity (SSI), der selbstbestimmten Identität, geleitet ist. Dabei werden digitale Nachweise wie die E-ID direkt in einer digitalen Brieftasche (Wallet) auf dem Gerät des Nutzers abgelegt. Mit der Wallet können Nutzer die Informationen in den Nachweisen verwenden, während kryptografische Schlüssel auf einer öffentlich zugänglichen Datenbank als Gültigkeitsbeweis dienen. Durch SSI wird der Datenaustausch sicher und bleibt vollständig unter der Kontrolle der Nutzer.

Die E-ID ist ein Infrastrukturprojekt, denn mit ihr kommen SSI-basierte Werkzeuge zum Ausstellen, Abspeichern und Verifizieren digitaler Nachweise. Das Spannende daran: Diese Werkzeuge ermöglichen viel mehr als «nur» eine E-ID. Sie bieten die Möglichkeit, beliebige andere digitale Nachweise auszustellen und zu überprüfen.

Die Vertrauensinfrastruktur als Katalysator der Digitalisierung

Auf Basis dieser Vertrauensinfrastruktur sind weitere staatliche digitale Nachweise geplant, z. B. der Führerausweis oder die Wohnsitzbestätigung. Aber es können auch Ökosysteme digitaler Nachweise entstehen, bei denen private und öffentliche Organisationen ihre eigenen Nachweise ausstellen und die Nachweise anderer verwenden. So lassen sich z. B. Tickets, Bildungszertifikate, Mitarbeiterausweise, Nachweise über medizinische Untersuchungen und vieles mehr direkt an die Nutzer weitergeben.

Jeder dieser digitalen Nachweise bringt neue Möglichkeiten der Prozessdigitalisierung. Das Eröffnen eines Bankkontos braucht nur eine einzige Abfrage an eine Wallet, bei einer elektronischen Jobbewerbung können Bildungsnachweise gleich mitgeschickt werden, das Lösen einer Parkkarte oder der Zugang zum Fitnessstudio braucht keine eigene App mehr. Der Datenaustausch ist direkt und transparent: Die Nutzerin kann sofort sehen, welche Daten angefragt werden. Plattformen, die Nutzerdaten verwalten (und häufig für ihre Zwecke nutzen), werden mindestens teilweise überflüssig. Insbesondere in Bereichen mit kritischen und besonders schützenswerten Daten ergeben sich vielfältige neue, sichere und datensparsame Anwendungsmöglichkeiten.

Welche Herausforderungen sind noch zu lösen?

Der Weg in diese Zukunft birgt auch Herausforderungen, z. B. hinsichtlich der weiteren Technologiewahl, der Interoperabilität innerhalb der Schweiz und international, dem konsequenten Datenschutz durch intelligente technologische und gesetzliche Entscheide, der Inklusion benachteiligter oder digital weniger erfahrener Personen sowie der Adoption durch die breite Masse. All diese Herausforderungen sind bekannt und werden auf diversen Ebenen angegangen, um ein zukunftsfähiges Fundament im digitalen Zeitalter zu legen.

Aber was passiert, wenn das Schweizer Stimmvolk das E-ID-Gesetz erneut ablehnt? Die Technologie wird trotzdem kommen, sie ist weltweit auf dem Vormarsch. Jedoch wird es für die Schweiz ohne eigene Infrastruktur und einen staatlichen Identitätsnachweis schwieriger, ihre digitale Souveränität gegenüber den grossen Technologieunternehmen der Welt zu behaupten.

Bei all den Möglichkeiten ist es für Firmen und Organisationen an der Zeit, sich zu überlegen, welche Chancen die Vertrauensinfrastruktur bietet. Und die Nutzerinnen und Nutzer können sich auf eine digitale Zukunft mit mehr positiven Gefühlen und weniger digital induzierten Krisen freuen.

© Adnovum

Der Autor

Axel Schild befasst sich als Berater beim Software-Unter­nehmen Adnovum mit digitalen Heraus­forderungen. Da ihm Datenschutz sehr wichtig ist, liegt ihm die E-ID besonders am Herzen.
Best Practice Firmenbeiträge Best Cases

Neueste Beiträge

«Wir sind ein internationaler Anbieter mit einer lokalen Seele»
Der Schweizer Markt für IT-Dienstleistungen gilt als anspruchsvoll und stark umkämpft. Dennoch sieht die Var Group erhebliches Wachstumspotenzial. Im Interview erklären Massimo Fumagalli und Sladjana Timotijevic, weshalb sie auf lokale Verankerung statt auf reine Grösse setzen und welche Rolle weitere Akquisitionen bei der Expansion in der Schweiz spielen sollen.
5 Minuten
Kurze Newsletter-Sommerpause - In eigener Sache
Vom 27. Juli bis zum 9. August macht die Computerworld-Redaktion eine kurze Newsletter-Sommerpause. Sie bekommen in diesem Zeitraum keinen Newsletter. Den nächsten Newsletter erhalten Sie dann wieder am 10. August.
2 Minuten
26. Jul 2026
Emporia bringt das Smart.8 mit Display-Garantie
Mit dem Smart.8 bringt Emporia ein Smartphone für die ältere Generation, bei dem ein Schwerpunkt auf dem Schutz des Gehäuses und des Displays liegt, für das es auch eine besondere Garantie gibt.
3 Minuten
23. Jul 2026

Das könnte Sie auch interessieren

Darum lohnt sich eine Weiterbildung - Karriere-Tipps
Ihre berufliche Karriere stockt? Sie fühlen sich unterfordert und auch finanziell soll es aufwärtsgehen? Dann verlieren Sie keine Zeit. Computerworld nennt fünf Gründe für eine Weiterbildung und zeigt, wie Sie erfolgreich durchstarten.
5 Minuten
25. Okt 2024
«KI wird ein Treiber für Wachstum» - Interview Corinna Schumacher, ServiceNow
KI-Agenten übernehmen immer mehr Routineaufgaben. ServiceNow sieht darin keine Bedrohung für Mitarbeitende, sondern eine neue Arbeitsteilung, erklärt Corinna Schumacher im Interview.
7 Minuten
Streik abgewendet: Deutsche Telekom einigt sich mit Ver.di
Die Telekom und die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di haben sich auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Für die rund 60'000 Tarifbeschäftigten des Netzbetreibers gilt unter anderem bis Ende 2028 ein Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen.
3 Minuten
31. Mai 2026