Lesedauer 4 Min.

Digitaler Produktpass: Pflicht & Chance

Schweizer Firmen, die mit der EU wirtschaften, brauchen ab 2027 einen digitalen Produktpass. Lästige Pflicht? Keineswegs, sondern eher eine Chance.
Unternehmen müssen neue Wege gehen, um  ihre Lieferketten transparent und nachhaltig zu gestalten.
© (Quelle: Shutterstock/1135057244)

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind nicht nur Schlagworte, sondern geschäftskritische Faktoren. Mit der Ökodesign-Verordnung (Ecodesign for Sustainable Products Regulation, kurz ESPR) verpflichtet die Europäische Union Unternehmen ab 2027 dazu, den digitalen Produktpass (DPP) einzuführen. Ziel ist es, Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen und Nachhaltigkeitsstandards zu sichern. Für Schweizer Unternehmen, die mit der EU verflochten sind, stellt sich punkto Umsetzung nicht die Frage des «Ob», sondern des «Wie». Der DPP wird in verschiedenen Branchen relevant: Von der Automobil- über die Chemie- bis zur Elektronikindustrie müssen Unternehmen neue Wege gehen, um ihre Lieferketten transparent und nachhaltig zu gestalten. Dies bedeutet nicht nur eine Herausforderung für Compliance-Abteilungen, sondern auch eine strategische Chance für Unternehmen, wenn sie frühzeitig eine umfassende Produktdaten-Basis schaffen und rechtzeitig in eine DPP-Lösung investieren.

Ist der DPP für Schweizer Unternehmen von Relevanz?

Die Schweiz ist eng mit der EU verbunden – sei es durch Exporte, Zulieferbeziehungen oder gemeinsame Nachhaltigkeitsziele. Wer Produkte in die EU liefern will, muss ab 2027 einen DPP bereitstellen. Die wichtigsten Anforderungen im Überblick:

  • Umfassende Produktinformationen: Rohstoffe, Produktionsprozesse, CO2-Fussabdruck, Recyclingfähigkeit
  • Verpflichtende Datenverfügbarkeit: Unternehmen müssen gewährleisten, dass Informationen entlang der gesamten Lieferkette abrufbar sind
  • Einhaltung der ESPR: Ohne DPP droht der Verlust des Marktzugangs zur EU
Dabei geht es nicht nur um Dokumentation, sondern um eine digitale Transformation der Produktinformationen. Der DPP ermöglicht eine lückenlose Rückverfolgbarkeit, die nicht nur die Einhaltung von Vorschriften erleichtert, sondern auch den Produktionsprozess optimiert. Unternehmen können so Einsparpotenziale erkennen, effizienter mit Ressourcen umgehen und nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln.

Vom Pflichtprogramm zur Wettbewerbschance

Wer bereits jetzt die Herausforderung proaktiv angeht und vorausschauend die richtige Datenstrategie samt solider Datenplattform implementiert, kann die zahlreichen Vorteile des DPP strategisch für sein Unternehmen nutzen. Der DPP kann somit als Instrument zur Optimierung von Effizienz und Nachhaltigkeit fungieren. Folgende strategische Hebel bieten sich an:

1. Nachhaltigkeit als Markenvorteil: Transparente Daten schaffen Vertrauen. Kunden und Investoren bewerten nachhaltige Unternehmen positiver, was sich in einer stärkeren Marktposition niederschlägt.

2. Optimierte Prozesse und Ressourceneffizienz: Die durch den DPP geforderte detaillierte Datenerfassung hilft, Lieferketten zu optimieren, Abfall zu reduzieren und Materialkreisläufe effizienter zu gestalten.

3. Innovation durch digitale Infrastruktur: Der Aufbau einer soliden Datenplattform zur DPP-Verwaltung erleichtert nicht nur die Einhaltung von Vorschriften, sondern ermöglicht auch eine umfassendere Digitalisierung diverser Unternehmensprozesse.

4. Kreislaufwirtschaft vorantreiben: Unternehmen, die den DPP nutzen, haben mehr Wiederverwertungs- oder Recycling-Optionen – dies stellt nicht nur eine regulatorische Anforderung, sondern auch eine wirtschaftliche Chance dar.

5. Verbraucherverhalten aktiv beeinflussen: Ein gut implementierter DPP erlaubt es Unternehmen, ihre nachhaltigen Produkte gezielt zu vermarkten. Kunden treffen zunehmend Kaufentscheidungen auf Basis von Umweltverträglichkeit und Transparenz.

Erfolgsfaktoren für die Umsetzung

Folgende Aspekte sollten Unternehmen bei der Implementierung des DPP am Radar haben:

  • Klare Datenstrategie entwickeln: Ein unumgänglicher Schritt und häufig eine grosse Herausforderung. Unternehmen müssen frühzeitig definieren, welche Daten benötigt und wie diese erfasst und verwaltet werden.
  • Technologische Infrastruktur aufbauen: Moderne Cloud- und Blockchain-Technologien können eine sichere und effiziente Verwaltung der Produktdaten gewährleisten.
  • Branchen-Data-Spaces nutzen: Netzwerke wie Catena-X für die Automobilbranche oder Data Space 4.0 für die Industrie erleichtern den standardisierten Datenaustausch.
  • Interne Prozesse anpassen: Die Integration des DPP in bestehende Unternehmensprozesse erfordert ein Umdenken bei Compliance, IT und Supply Chain Management.
  • Mitarbeitende einbinden und schulen: Die Einführung des DPP betrifft nicht nur das Management, sondern alle Abteilungen – von der Produktion bis zum Vertrieb. Schulungen und Change Management sind essenziell.

Der digitale Produktpass ist nicht nur eine regulatorische Anforderung – er ist eine Chance, nachhaltiger, effizienter und wettbewerbsfähiger zu werden. Unternehmen, die jetzt handeln, setzen sich an die Spitze der Entwicklung, vermeiden spätere Engpässe und sichern sich langfristige Vorteile. Die Umstellung ist herausfordernd, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten. Wer frühzeitig in nachhaltige Prozesse und ein intelligentes Datenmanagement investiert, wird nicht nur den gesetzlichen Anforderungen gerecht, sondern auch Vertrauen bei Kunden und Partnern gewinnen. Die Zukunft gehört den Unternehmen, die Nachhaltigkeit als wirtschaftliche Chance begreifen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, aktiv zu werden und sich auf den DPP vorzubereiten. Die Anforderungen an Transparenz und Umweltfreundlichkeit werden weiter steigen. Wer sich heute vorbereitet, hat morgen einen entscheidenden Vorteil.

Sven Östlund

© Tietoevry

Der Autor

Sven Östlund

Als Market Lead Switzerland bei Tietoevry Create berät Sven Östlund Unternehmen aus Industrie, Finanzwirtschaft und Telekom zu Daten, KI, Software und Cloud. www.tietoevry.com/ch
Best Practice Firmenbeiträge Best Cases

Neueste Beiträge

«Zwischen KI-Vision und Prozessrealität» - Quotes & Thoughts
Mit Thomas Hottinger, Managing Director des SAP-Partners Innflow, habe ich mich über die neue Strategie des «Autonomous Enterprise» von SAP unterhalten. Im Gespräch erklärte er, weshalb Prozessreife und Datenqualität die entscheidenden Voraussetzungen für den erfolgreichen KI-Einsatz sind, welche Themen Schweizer Unternehmen aktuell beschäftigen und warum Cloud-Strategien nicht zwangsläufig im Widerspruch zu Datensouveränität stehen.
5 Minuten
ESTI – BenQ ruft GV31 Mini-Projektor zurück
In Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Starkstrominspektorat (ESTI) ruft BenQ den GV31 Mini-Projektor zurück. Der Akku kann überhitzen und dadurch ein Brandrisiko entstehen. Konsumenten können das Produkt an BenQ zurücksenden und erhalten einen Akkutausch oder ein Upgrade auf GV32.
2 Minuten
10. Jun 2026
Mitel holt Ben Macdonald an die Channel-Spitze
Der Kommunikationsspezialist Mitel hat Ben Macdonald zum Vice President Global Channel Go-to-Market ernannt. Der langjährige Channel-Manager soll die weltweite Partnerstrategie weiterentwickeln und das Wachstum im Partnergeschäft vorantreiben.
3 Minuten
10. Jun 2026

Das könnte Sie auch interessieren

Darum lohnt sich eine Weiterbildung - Karriere-Tipps
Ihre berufliche Karriere stockt? Sie fühlen sich unterfordert und auch finanziell soll es aufwärtsgehen? Dann verlieren Sie keine Zeit. Computerworld nennt fünf Gründe für eine Weiterbildung und zeigt, wie Sie erfolgreich durchstarten.
5 Minuten
25. Okt 2024
Stärkung der globalen Position der Schweiz im Bereich Bildung, Forschung und Innovation - Swissnex-Jahresbericht 2025
Swissnex ist das weltweite Schweizer Netzwerk für Bildung, Forschung und Innovation. Auch im Jahr 2025 hat es seine Mission mit weitreichenden Initiativen rund um den Globus fortgesetzt. Das Berichtsjahr war durch eine verstärkte Fokussierung auf künstliche Intelligenz (KI), planetare Diplomatie, Klimaresilienz und Quantentechnologien geprägt. 
4 Minuten
15. Apr 2026
Steuerfahnder führen Razzia bei Herweck durch
Bei der Herweck AG haben Behörden Geschäftsräume durchsucht. Hintergrund sind Ermittlungen wegen mutmasslichen Umsatzsteuerbetrugs bei Geschäftspartnern des Distributors. Herweck kooperiert nach eigenen Angaben mit den Behörden.
2 Minuten
14. Mai 2026