Ausbildung & Karriere
26.02.2019, 11:30 Uhr

Neue Zertifizierung: SI-Professional startet

Die Verbände swissICT und Schweizer Informatik Gesellschaft haben das Joint Venture 3L Informatik gegründet. Ziel ist es, mit einer neuen Zertifizierung das lebenslange Lernen bei Fachkräften zu fördern und Transparenz in den Angebotsdschungel zu bringen.
Stephan Schmid will mit 3L dem Markt Hand bieten, den Fachkräftemangel zu beheben
(Quelle: swissICT )
Lehre, Höhere Fachschule, ETH oder Quereinstieg: Die Karrierewege im Bereich ICT sind zahlreich und für Personalverantwortliche nicht immer einfach nachzuvollziehen. Manche Zertifikate und Diplome sind wenig aussagekräftig oder die Kursinhalte sind überholt. Denn das technische Fachwissen in den ICT-Berufen ändert sich ständig. Die Verbände swissICT und Schweizer Informatik Gesellschaft wollen hier gegensteuern.
Über das Joint Venture 3L («LebensLanges Lernen») prüfen sie das Fachwissen von ICT-Fachkräften, ordnen deren Qualifikation sowie die Aktualität des Know-hows ein und zertifizieren dieses. Dadurch erhalten Fachkräfte eine Standortbestimmung und können ihren weiteren Karriere­weg besser planen. Und dieser führt über Weiterbildungen. Lebenslanges Lernen soll für Informatiker zur Selbst­verständlichkeit werden, wie 3L-Geschäftsführer Stephan Schmid erklärt. ICT ist die Branche, die sich am schnellsten wandelt, deshalb sollten Fachkräfte rund 10 Prozent ihrer jährlichen Arbeitszeit in Fortbildungen investieren.

Leistungsausweis im Reality-Check

Das 3L-System nutzt als Basis die Aufstellung «Berufe der ICT» (www.berufe-der-ict.ch) von swissICT. Auch Abschlüsse von Hochschulen und Specialist-Zertifikate, die von Herstellern gefordert werden, berücksichtigt das von 3L he­rausgegebene Zertifikat SI-Professional. Um dieses zu erhalten, durchlaufen Interessierte auf der Website von «Schweizer Informatik Professional» ein Selfassessment, das die individuellen beruflichen Stärken, Schwächen und Lücken aufzeigt. Schmid verweist auf das Beispiel des ICT-Architekten. Dieser umfasst neun Bereiche, die man kaum alle in der gleichen fachlichen Tiefe abdecken kann. Dafür lässt sich im 3L-System erfassen, welche der im Berufsbild beschriebenen Aufgaben im Rahmen der Tätigkeit beinhaltet sind und was man an Erfahrungen gesammelt hat.
Die Standortbestimmung verfügt über einen Degres­sionsfaktor. Dieser berücksichtigt, wie weit eine Aus- oder Weiterbildung zurückliegt. Je länger ein Kurs vergangen ist, desto weniger Punkte erzielt man im aktuellen Score. Technisches Wissen von vor 15 Jahren ist aufgrund des Technologiewandels womöglich überholt und heute kaum nützlich. Anders verhält es sich beim Methodenwissen, das meist längerfristig seine Gültigkeit behält. Entsprechend muss die SI-Zertifizierung spätestens alle drei Jahre erneuert werden. Für den CV-Check kann man sich bereits registrieren. Ab Mai startet das Angebot für Fachkräfte und kostet 190 Franken. Geld will das Konsortium damit aber keines verdienen, beteuert Schmid: «Als Joint Venture der beiden grössten ICT-Verbände des Landes arbeiten wir nicht gewinnorientiert, sondern orientieren uns am Wohl der Branche.» Auch wolle man nicht mit dem Zertifikatsangebot am Markt rivalisieren. Für Schmid lebt das Kursangebot auch von dessen Vielfalt. Vielmehr könne ein Selbstabgleich dazu führen, gezielt ergänzende Kursangebote auszuwählen, die einem helfen, Lücken im Leistungsportfolio zu schliessen. Auf diese Weise könnte 3L mit der SI-Zertifizierung am Ende sogar zum bedeutenden Helfer für Kursanbieter werden.

Jeder hat Chancen am Markt

Die SI-Professional-Zertifizierung soll künftig Fachkräfte schon früh in ihrer Karriere begleiten. Drei Jahre nach der Berufsausbildung respektive ab dem Level Höhere Fachschule oder nach einem dreijährigen Bachelorstudium, aufbauend auf einer Berufslehre. Das liegt auch daran, dass insbesondere im Umfeld der Software- und umfangreicher IT-Projekte Arbeitgeber tiefgehendes Fachwissen einfordern. Bei 3L begreift man das SI-Zertifikat als wichtiges Instrument, um dem Mangel an Fachkräften zu begegnen. Diesen wird ein Spiegel vorgehalten. Bei jemandem mit einer langen und eher linearen Karriere entspricht dann das Bild vielleicht nicht seiner Selbstwahrnehmung. Hier will 3L Unterstützung bei der Karriereplanung bieten. «Egal, wie sich ein Informatiker entwickelt hat, er hat Chancen am Markt», betont Schmid. Damit für jeden sichtbar wird, wo er/sie steht, zeigt eine Grafik auf einen Blick die persön­liche Entwicklungskurve und wo man aktuell steht. Anhand einer geplanten Prognosefunktion lässt sich aufzeigen, ab wann die Kurve vielleicht den Bogen nach unten nehmen wird und welche Massnahmen dagegen wirken können.

Transparenz für HR-Verantwortliche

Fachkräfte könnten für HR-Verantwortliche künftig leichter zu identifizieren sein. Für Recruiter könnte die Ein­ordnung von Leistungsausweisen auf Basis von SI-Professional einfacher werden. Etwa, indem sie nach Know-how auf einer benötigten Stufe Ausschau halten, anstatt sich anhand von Zertifikaten und CVs zu orientieren, die unterschiedlich aufgebaut und in verschiedenen Sprachen verfasst sind. «Wir wollen dem Markt Hand bieten, den Fachkräftemangel zu beheben», nennt Schmid als ein Ziel. Hierfür agiert 3L nach eigenen Angaben als neutrale Instanz, die auf Basis unabhängiger Parameter die Inhalte von CVs normalisiert und aufzeigt, wo die Bewerber herausstechen, wie Schmid erklärt. Dadurch kann man erkennen, mit welchen Qualifikationen jemand am Markt auftritt und welche Qualitäten man von ihm erwarten kann.
Zudem sieht man bei 3L auch neue Möglichkeiten, externe Projektmitarbeiter und ausländische Fachkräfte mit in der Schweiz noch wenig bekannten Zertifikaten besser einzuordnen. Letztlich müsse dies aber der Markt entscheiden und einfordern. Vielleicht würden einige Firmen feststellen, dass der Fachkräftemangel geringer ist als angenommen, zeigt sich Schmid optimistisch. Seine Hoffnung kommt nicht von ungefähr. Im Gesamtbeirat von 3L sind neben Verbands­experten von swissICT, SI, VIW und ICT-Berufsbildung Schweiz auch Fachleute namhafter Hochschulen und IT- Unternehmen vertreten, welche die Zertifizierung mit- und weiterentwickeln. Das komme an. Sowohl von IT-Firmen, Informatikern als auch von Stellenvermittlern habe man positives Feedback erhalten, resümiert Schmid.
Erklärung
3L – LebensLanges Lernen
3L zertifiziert Schweizer Informatik-Professionals. Hierfür wird das CV nach definierten Regeln anhand eines Punktesystems ausgewertet. Interessenten durchlaufen dabei ein mehrstufiges Assessment, bestehend aus einem Multiple-Choice-Test, der Methoden- und aktuelles Fachwissen aus verschiedenen ICT-Bereichen abfragt, ergänzt mit einem allgemeinen Intelligenztest. Dieser wird als Eintrittshürde verstanden, die der Kandidat einmalig positiv absolvieren muss. In einem weiteren Teil werden die CV-Daten hinsichtlich Aus- und Weiterbildungen sowie beruflicher Tätigkeit im ICT-Umfeld analysiert und nach einem vorgegebenen Raster bewertet. Erworbene Punkte verfallen im Lauf der Zeit, können aber durch Punkte für neue Erfahrungen ausgeglichen werden.


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