Übersicht
04.12.2020, 15:40 Uhr

Rising Stars der Schweizer Start-up-Szene

Die Schweiz verfügt über ein vielfältiges Ökosystem von Jungunternehmen. Mit innovativen Lösungen bringen sie frischen Wind in die verschiedensten Industrien. Diese acht Vertreter könnten dereinst in die Elite der Schweizer Start-up-Szene vorstossen.
(Quelle: Averie Woodward / Unsplash )
Spricht man über Innovation, dann sind Start-ups zwangsläufig Teil der Diskussion. In der Schweiz sind in den letzten Jahren zahlreiche Jungunternehmen aus dem Boden geschossen, die sich inzwischen im hiesigen Ökosystem etabliert haben. Sie gleisten Partnerschaften auf und zogen Investoren aus dem In- und Ausland an. In wie viele Branchen sie frischen Wind bringen, das zeigte die diesjährige Liste der «Top 100 Swiss Startups» erneut eindrücklich. In einer landesweiten Stippvisite präsentiert Computerworld acht vielversprechende Jungfirmen, die man auf dem Radar behalten sollte.

Advertima

Unsere kleine Rundreise durch das Schweizer Start-up-Ökosystem startet in der Ostschweiz. Wer glaubt, dass dort alle Jungunternehmen sofort den Weg nach Zürich suchen, der irrt. Denn östlich der Limmatstadt entwickelte sich in den vergangenen Jahren ein Cluster mit interessanten Firmen. Ein Aushängeschild der Ostschweizer Start-up-Szene ist Advertima mit Sitz in St. Gallen. Die Firma wurde vor rund vier Jahren von Iman Nahvi gegründet und steht damit schon bald an der Schwelle zum Erwachsenwerden.
Iman Nahvi ist der Gründer und CEO des St. Galler Start-ups Advertima
Quelle: Advertima
Mit seiner Firma brachte Nahvi eine 3D-Computer-Vision-Plattform auf den Markt, die insbesondere Detailhändlern das Leben leichter machen soll. Dafür entwickelte man bei Advertima die «Human Data Layer». Hierbei setzt das Start-up auf Computer Vision, maschinelles Lernen und weitere KI-Technik, um in einem Ladengeschäft das menschliche Verhalten in Echtzeit zu interpretieren. Auf Basis der «Human Data Layer» bietet Advertima intelligente Lösungen für den Einzelhandel an – etwa um den autonomen Check-out zu ermöglichen oder um Kunden massgeschneiderte Werbung anzuzeigen.
Gerade im Bereich der KI-gestützten Digital-out-of-home-Werbung (DOOH) zählt das St. Galler Start-up zu den internationalen Technologieführern. Der Firmengründer Nahvi und sein Team konnten bereits elf Abholmärkte der Spar-Marke TopCC mit Smart Screens bestücken. Jüngst rüstete Advertima auch Spar-Märkte mit solchen aus.
Die Plattform der Ostschweizer findet also Anklang – auch bei Investoren: Diesen Sommer schloss das Start-up die Series-A-Finanzierungsrunde ab und nahm dabei 15 Millionen Euro ein. Damit soll diese nun weiterentwickelt werden. Und das geschieht nicht mehr nur in der Ostschweiz. Inzwischen verfügt das Start-up auch über Büros in Zürich, Berlin, Belgrad und London.

Cysec

Am anderen Ende der Schweiz – und zwar im Innovation Park der ETH Lausanne – arbeitet das Team von Cysec. Das Jungunternehmen, das unterdessen auch einen Sitz in Singapur hat, wurde 2018 von Patrick Trinkler und Yacine Felk gegründet und ist im Bereich der Cybersecurity tätig. Das Unternehmerduo entwickelte eine Sicherheitslösung, mit der sich kritische Daten bei der Speicherung (Data at Rest), der Übertragung (Data in Motion) und der Verarbeitung (Data in Use) absichern lassen sollen. Hierzu setzen Trinkler und Felk auf das Confidential Computing. Bei diesem Ansatz der Hardware-basierten Kryptografie macht man sich sogenannte Trusted Execution Environments (TEEs) zunutze. Daten werden dabei ausschliesslich in solchen sicheren Enklaven verarbeitet, die vom Rest des Systems abgeschirmt sind.
Die Lösung von Cysec nennt sich «Arca». Laut der Firma ermöglicht sie die sichere Verwaltung von Zugriffsschlüsseln, die Bereitstellung von Verschlüsselungs- und Entschlüsselungsfunktionen sowie digitale Signaturen und andere Authentifizierungsdienste, die auf kryptografischen Algorithmen basieren. Mit «Arca» schaffte es das Gründerduo dieses Jahr auf Platz 62 der «Top 100 Swiss Startups».

Delvitech und Dotphoton

Delvitech

Jahrgang 2018 hat auch Delvitech. Mit seinem Gründerteam spezialisierte sich das in Mendrisio ansässige Jungunternehmen auf den Bereich der automatischen optischen Inspektion (Automated Optical Inspection, AOI). Eingesetzt werden die Delvitech-Systeme im Herstellungsprozess von Leiterplatten für den Elektronikmarkt. Die Grundlage bildet dabei eine spezielle Software, die auf künstliche Intelligenz und 3D-Prüfungstechnologien zurückgreift. Ent­wickelt wurde diese von Delvitech in Zusammenarbeit mit der Universität der Italienischen Schweiz (USI).
Roberto Gatti, der CEO von Delvitech, hat es nun auf den asiatischen Markt abgesehen. Beim Unternehmen will man «in grossem Umfang» in Bangalore investieren, dem indischen Silicon Valley. Dazu beitragen soll auch ein Investment von Credit Suisse Entrepreneur Capital. Der Risiko­kapitalarm der Grossbank beteiligte sich im Sommer mit dem Risikokapitalfonds TiVenture sowie Privatanlegern an einer Finanzierungsrunde des Tessiner Tech-Start-ups.

Dotphoton

Nein, in der Innerschweiz dreht sich nicht alles nur um Kryptowährungen und Blockchains. Beispiel gefällig? Das Zuger Start-up Dotphoton hat sich einem bekannten Problem der Fotografie angenommen: grosse Bilddateien. In der Praxis muss man oft die Wahl treffen zwischen hochaufgelösten Fotos, die viel Speicherplatz brauchen, und kleinen Dateien mit dementsprechend schlechter Bildqualität. Hierzu entwickelten die CEO Eugenia Balysheva und ihr Mitgründer Bruno Sanguinetti eine Software, die Bilder verlustfrei komprimieren kann – laut Balysheva um den Faktor 10.
Die Software wird vor allem in der Biotech-Branche eingesetzt, aber etwa auch bei PCO Imaging, einem deutschen Hersteller von wissenschaftlichen High-End-Kamerasystemen. Im Januar konnten die Zuger zudem eine Partnerschaft mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) schliessen. Nun soll die Dotphoton-Software so weiterentwickelt werden, dass sie künftig bei optischen ESA-Missionen eingesetzt werden kann.

Eyeware und Holo One

Eyeware

Martigny hat sich einen Namen gemacht für Projekte rund um das Thema KI. Dafür verantwortlich ist das Forschungsinstitut Idiap. Ein Spin-off des renommierten Zentrums ist Eyeware. Das Start-up wurde im Jahr 2016 von Kenneth Funes, Serban Mogos, Bastjan Prenaj und Jean-Marc Odobez gegründet. Gemeinsam brachten sie mit «GazeSense» eine 3D-Eye-Tracking-Software auf den Markt, die analysiert, wohin eine Person blickt. Die gesammelten Daten sollen dabei die Aufmerksamkeitssensorik in 3D ermöglichen. Der Clou: Dafür braucht man lediglich eine handelsübliche Kamera mit Tiefenerkennung – empfohlen werden etwa Sensoren von Orbecc oder Intel. So will Eyeware spezielle Tracking Devices überflüssig machen. Attraktiv ist die Lösung etwa für die Fahrerüberwachung, die Analyse von Konsumentenverhalten oder auch fürs Gaming.
Bei den «Top 100 Swiss Startups» machte Eyeware heuer einen grossen Sprung nach vorn auf Rang 17 (2019: Rang 50). Im August konnten die Walliser als Teil der Schweizer Start-up-Nationalmannschaft ihre Lösung zudem dem US-Botschafter Edward McMullen sowie Investoren, Unternehmen und Staatsvertretern aus den USA präsentieren.

Holo One

Vom Unterwallis springen wir direkt in die Nordwestschweiz, ins aargauische Lenzburg. Dort ist das Start-up Holo One zu Hause, das eine Mixed-Reality-Plattform für den Enterprise-Einsatz entwickelte. Mit der Lösung namens «Sphere» haben die beiden Gründer Sven Brunner und Dominik Trost Grosses vor. Sie wollen die Plattform zum betrieblichen Standard für Mixed Reality machen – analog zur Office-Suite von Microsoft. Dazu deckt «Sphere» alle häufigen Anwendungsfälle der Technologie ab wie die Fernwartung, die digitale Kollaboration oder die Prozessunterstützung. Auch kann man mit «Sphere» Modelle zu ihrer echten Grösse erweitern und so von allen Winkeln begutachten. Unterstützt werden gängige Headsets von Lenovo, Microsoft und MagicLeap.
Brunner und Trost sind mit Holo One allerdings längst weit über Lenzburg hinausgewachsen. Seit der Gründung im Herbst 2016 eröffnete das Jungunternehmen zweizusätzliche Standorte – einen im kalifornischen Santa Clara und einen im chinesischen Chongqing.

Leva und Turicode

Leva

Ab gehts in die Bundesstadt! Wer dort auf der Suche nach Tech-Start-ups ist, der wird im Osten von Bern fündig – im Bernapark, auf dem Areal der ehemaligen Kartonfabrik Deisswil. Dort richtete sich auch Cosimo Donati ein, der Gründer von Leva. Mit seinem Team hat er es auf die Venture-Capital-Industrie abgesehen und die Risikokapital­geber gleich zu seinen Kunden gemacht.
Das Start-up entwickelte für Investoren das «Venture Syndicate». Es soll ihnen ermöglichen, sich zu einer Gruppe zusammenzuschlies­sen, damit sie ein Projekt mit anderen Investoren unterstützen können. So sollen auch Kleinanleger mit etwas bescheidenerem Kapital die Möglichkeit erhalten, wie professionelle Anleger in Venture Capital und vielversprechende Unternehmen zu investieren. Die Verwaltung im Hintergrund wird dabei automatisch über die Plattform des Berner Start-ups abgewickelt.
Philippe Teissonnière, Cosimo Donati und Alexander di Chiara vom Team des Berner Start-ups Leva
Quelle: Leva
Inzwischen setzen auch namhafte Venture-Capital-Gesellschaften auf die Leva-Plattform – unter ihnen etwa Backbone Ventures, Deeptech Ventures oder Tugboat. Bei ihnen kommt die Lösung nicht nur zur Abwicklung von Deals zum Einsatz, sondern etwa auch, um die Investorenbasis zu managen. Dank des «Venture Syndicate» sollen sie mit nur wenigen Klicks und ohne Lizenzen rechtskonform einen fondsähnlichen Investorenpool aufsetzen können.
Aus der Sicht von Donati ist es in der Investorenszene Zeit für Innovationen: «Die Venture-Capital-Branche hat in den letzten 30 Jahren kaum Innovationen erfahren. Es ist Zeit, einer neuen Generation von Investoren die Werkzeuge zu geben, die sie benötigen, um die Gewinner von morgen zu finanzieren», zeigt sich der Gründer überzeugt.

Turicode

Auf unserer kurzen Reise durch die Schweizer Start-up-Szene fehlt nun noch die Region Zürich. Da stoppen wir ausnahmsweise nicht in der Limmatstadt, sondern düsen direkt weiter nach Winterthur. Im dortigen Technopark arbeitet das Team von Turicode. Das Start-up hat unstrukturierten Daten den Kampf angesagt und eine neuartige Lösung entwickelt, die Unternehmen bei der Digitalisierung dokumentenintensiver Geschäftsprozesse helfen soll. Die Software von Turicode nennt sich «MINT.extract». Sie liest auf Basis von Machine und Deep Learning Dokumente wie PDFs, Scans und E-Mails. Beim Start-up können Kunden die Lösung als Software as a Service beziehen.
Im September schloss Turicode eine Seed-Finanzierung über 2,2 Millionen Franken ab. Daran beteiligten sich die Swiss Startup Group, SeedX, BackBone Venture, Gentian Investments sowie Business Angels. Die Geldspritze will man beim Start-up nutzen, um das Wachstum zu beschleunigen und international zu expandieren. Schliesslich willTuricode mit seiner Lösung zu einem Marktführer auf dem Gebiet der Dokumentenverarbeitung avancieren.



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