Interview zur Open Source Studie 2018 20.06.2018, 16:30 Uhr

«Open Source hat grosses Potenzial bei CRM, ERP und Cloud Storage»

Unternehmen setzen zunehmend auf quelloffene Software. Dennoch gibt es noch Luft nach oben. Was dafür getan werden muss, erklären die Verfasser der Studie, Carole Gauch und Matthias Stürmer von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern.
Carole Gauch (Bereichsleiterin Projekte und Beratung) und Matthias Stürmer (Leiter) von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern
(Quelle: Universität Bern )
Wie relevant ist Open Source Software in der Schweiz? Diese Frage stand am Anfang der Umfrage für die Open Source Studie 2018 (Computerworld berichtete). Im Auftrag der Branchenverbände swissICT und CH Open hat die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern dieses Jahr bei den Mitgliedern von swissICT und den Behörden nachgefragt.
Die Resultate der Open Source Studie 2018 zeigen: Unternehmen setzen zunehmend auf quelloffene Software. Von den 243 Antwortenden gaben rund 60 Prozent (59,7 %) an, die Bedeutung von Open Source Software habe in den letzten drei Jahren eher oder sogar stark zugenommen. Jeder dritte Studienteilnehmer (32,5 %) meinte, dass die Relevanz gleich geblieben sei. 7 Prozent waren der Meinung, dass sie abgenommen habe. Im Interview mit Computerworld erklären die Verfasser der Studie, Carole Gauch und Matthias Stürmer von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit, wo es noch harzt und was es zu einem richtigen Open-Source-Boom braucht.
Computerworld: Was hat Sie am meisten überrascht an den diesjährigen Studien­ergebnissen?
Carole Gauch: Uns hat erstaunt, dass mit 60 Prozent eine klare Mehrheit der befragten Unternehmen und Behörden angibt, die Relevanz von Open Source Software habe in den vergangenen drei Jahren stark oder eher zugenommen. Gegenteiliger Meinung sind nur 7 Prozent der Befragten. Trotz der mittlerweile 20-jährigen Geschichte von Open Source Software hat deren Bedeutung in der letzten Zeit nochmal deutlich zugenommen. Diese Tendenz bestätigt sich auch bei der Frage nach dem Einsatz von Open Source Software: Im Durchschnitt hat die Nutzung von Open Source Software über alle Bereiche um 7,2 Prozentpunkte zugenommen – fast ein doppelt so hohes Wachstum wie in der vorherigen Messperiode.
CW: In welchen drei Bereichen ergaben sich die stärksten Veränderungen?
Gauch: Am deutlichsten zugenommen hat der Einsatz von Open-Source-Desktop-Anwendungen und Open-Source-Cloud-Lösungen. Desktop-Programme wie Firefox, 7-Zip, Gimp oder LibreOffice werden aktuell von 56,3 Prozent der Befragten genutzt. Im Vergleich zu 2015 entspricht das einer Zunahme von 27,3 Prozentpunkten. Bei den Cloud-Anwendungen verzeichnen wir einen Anstieg von 22,4 Prozentpunkten auf 55,9 Prozent. Dieses Wachstum ist sicher der hohen Popularität von Docker zu verdanken. Diese breit abgestützte Lösung für die Virtualisierung von Applikationen wird heute schon von sehr vielen Firmen und Behörden eingesetzt, wie die Open Source Studie aufzeigt.
CW: Welches sind die Gründe für die geringe Verbreitung von Open-Source- Lösungen im ERP-Umfeld?
Matthias Stürmer: Ich denke, dies hat verschiedene Gründe: Einerseits gibt es eine Vielzahl proprietärer ERP-Lösungen, die ausgereift und vielfach erprobt sind. Andererseits spielt bei ERP-Systemen auch die Kompetenz und Auswahl von Integratoren eine wichtige Rolle. Wenn ein lokaler ERP-Dienstleister kundenorientiert und einigermassen zahlbar ist, dann ist die Lizenzierungsart wohl nicht sehr relevant, denn der grosse Aufwand fällt sowieso bei der Einführung und Konfiguration an.
CW: Was braucht es für einen Open-Source-Boom im ERP- und CRM-Bereich?
Stürmer: Gute Frage! Der Bedarf an Open-Source-Business-Lösungen wäre vorhanden, wie unsere Umfrage zeigt. Wichtig wäre es nun, dass Dienstleister auf dem Markt sind, die für die bekannten Open-Source-Plattformen Support anbieten und auch dafür Werbung machen. Für das Open-Source-ERP Odoo gibt es mit Camptocamp schon eine sehr kompetente Schweizer Firma. Für Open-Source-CRM-Lösungen wie Vtiger, CiviCRM oder SuiteCRM kenne ich leider keine grössere Firmen, die hierzulande Unterstützung anbieten. Aber vielleicht motiviert unsere Studie ja Start-ups oder etablierte Anbieter, dass quelloffene CRM-Produkte künftig auch in der Schweiz promotet werden!
CW: Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Wo sehen Sie für die nächsten Jahre das grösste Potenzial für den Einsatz quelloffener Software-Anwen­dungen?
Gauch: Laut unserer Studie besteht das grösste Potenzial aktuell in den Bereichen CRM, ERP und Cloud Storage, da dort die Nachfrage am höchsten ist. Mehr als 20 Prozent der befragten Unternehmen und Behörden gaben an, dass in diesen Bereichen Bedarf nach einer Open-Source-Lösung bestehe, der Einsatz einer solchen Anwendung aktuell aber nicht geplant sei.
CW: Welche Schwächen von Open Source müssen dafür in der Zukunft zuerst angegangen werden?
Stürmer: Als wichtigsten Hinderungsgrund beim Einsatz von Open Source Software werden aktuell fehlende Funktionalitäten an­gegeben (71,4 %). Fast ebenso häufig genannt wird zudem, dass es keine passende Open-Source-Lösung gäbe (68,9 %). Bei dieser Aussage ist zudem erwähnenswert, dass ein relativ hoher Anteil von 6,6 Prozent der Befragten die Antwortoption «weiss nicht» wählte, was darauf schliessen lässt, dass rund um das Angebot verfügbarer Open-Source-Lösungen noch Aufklärungsbedarf besteht. Diesen beiden Hinderungsgründen könnte man also mit entsprechenden op­timierten Angeboten und zusätzlicher Aufklärung ent­gegentreten.
CW: Gibt es noch weitere Schwellen, die überwunden werden müssten?
Stürmer: An zweiter und dritter Stelle der Hinderungsgründe beim Einsatz von Open Source stehen dieses Jahr die Angst vor Sicherheitslücken bei Open Source Software (69,4 %) sowie die unsichere Zukunft von Open-Source-Projekten (69,4 %), die man wahrnimmt. Diese Herausforderungen können Open-Source-Dienstleister adressieren, indem sie Wartung und Support anbieten. Mittels Service Level Agreements (SLAs) oder Subscriptions garantieren Anbieter, dass sie fortlaufend Security-Patches liefern oder diese gleich in das produktive System integrieren. Ausserdem umfassen Wartungsleistungen typischerweise auch langfristige Support-Garantien für bestimmte Versionen von Open-Source-Produkten


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