Der Historiker als Bankfilialleiter 19.02.2019, 19:35 Uhr

Denker wird Lenker

Einstmals als Exoten belächelt, sind Geisteswissenschaftler heute Leader in Wirtschaft, Gesellschaft und ­Verwaltung. Beispiele von Menschen, die sich entschieden haben, die akademische Laufbahn zugunsten einer Karriere in der Privatwirtschaft zu verlassen.
(Quelle: iStock/Bowie15 )
Anfang der 2000er-Jahre zeigte das Konjunktur­barometer steil nach oben, die Börsenkurse kannten nur eine Richtung und Finanzunternehmen verkündeten einen Rekordgewinn nach dem anderen. In diese Zeit fallen Ankündigungen, die verschiedene Grossunternehmen innerhalb weniger Monate fast identisch an die Medien schickten. Darin beschrieben sie neue Teams, die sie aufstellen wollten: Musiker, Architekten, Historiker oder Ethnologen wollten sie in einer Art internen Thinktanks zusammenbringen, um neue «Impulse» zu erhalten, frische Ansätze, andere Perspektiven. Viel mehr war allerdings meist nicht herauszufinden, es ging eben um «Perspektiven» oder die Unternehmenskultur. 

Gestern Historiker, heute Armeechef 

Musiker mit Architekten mit Historikern – war das ernst gemeint? Was wurde aus der Idee und welche Wege gingen die Geisteswissenschaftler? Die Computerworld-Redaktion hat bei verschiedenen Unternehmen nachgefragt. Was wurde aus den Thinktanks, diversifizierten Arbeitsgruppen, dem Wunsch nach branchenfremden Ideen? 
Entgegen dem Klischee sind Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft gar nicht so ungewöhnlich und selbst im Militär können sie sich bisweilen durchsetzen. Mit Philippe Rebord hat beispielsweise die Schweizer Armee seit zwei Jahren einen zum Chef. Der 62-jährige Lausanner hat vor dem Beginn seiner Militärkarriere die Fächer Geschichte, Geografie und Französisch an der Universität Lausanne studiert. Während er bei seiner Ernennung zum Chef der Armee in der Deutschschweiz noch unbekannt war, kannte man ihn in der Romandie bereits schon lange. Bundesrat Guy Parmelin schätzt ihn für seine ruhige, reflektierte Art, sagte er bei der Ernennung Rebords zu den Medien; Rebord sei ein guter Kommunikator. Eine Eigenschaft, die ihm abseits des Militärs auch in der Wirtschaft nützlich sein könnte. Schliesslich zählt just die Kommunikation zu einem der klassischen Felder der Privatwirtschaft, in denen Geisteswissenschaftler oft landen.

Gewappnet für die Digitalisierung 

Monika Rühl, Direktorin von Economiesuisse und studierte Romanistin, sagt: «Klassische Bereiche für Geisteswissenschaftler sind etwa Human Resources, Public Affairs, Corporate Social Responsibility oder auch interne Thinktanks, die gesellschaftlich forschen – alles mit Schnittstelle zu Politik und Gesellschaft.» Mit Geisteswissenschaften könne man sich durchaus bei Unternehmen bewerben, betont sie. Dabei würden grosse Unternehmen natürlich mehr Arbeitsmöglichkeiten anbieten können als kleine. Rühl wäre selber beinahe zur Credit Suisse gegangen, als sie 1992 nach dem Lizenziat ein Assessment bestanden und ein Angebot für die Personalabteilung bekommen hatte. Doch daraus wurde nichts. Rühl schlug einen anderen Weg ein und entschied sich für die Diplomatie. Sie ging zur Schweizerischen Mission bei der Europäischen Union – just in dem Jahr, in dem die Schweizer Bevölkerung den Beitritt zum Euro­päischen Wirtschaftsraum abgelehnt hatte. 
“Die Einbindung von Geisteswissenschaftlern ist oft eine Bereicherung für Unternehmen, denn das führt dazu, dass verschiedene Ansichten unterschiedlich ausdiskutiert werden„
Monika Rühl, Economiesuisse
Die Wirtschaft blieb damit von Anfang an wichtiges Thema in der Laufbahn von Rühl. Nach weiteren Stationen im Eidgenössichen Departement für auswärtige Angelegenheiten war sie während fünf Jahren im Staatsekretariat für Wirtschaft für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen verantwortlich und stieg schliesslich zur Generalsekretärin des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung auf, wo sie ein Team mit gut 100 Mit­arbeitenden führte, bevor sie vor fünf Jahren zu Economiesuisse wechselte. «Die Einbindung von Geisteswissenschaftlern ist oft eine Bereicherung», betont sie. «Denn das führt dazu, dass verschiedene Ansichten unterschiedlich ausdiskutiert werden.» Dass das auch zu Reibereien führe, sieht sie positiv. Rühl erinnert aber auch daran, dass zurzeit diskutiert wird, die Zahl der MINT-Studenten zu steigern. 
«Es braucht nicht mehr Geisteswissenschaftler, doch es braucht sie – wichtig ist eine gute Durchmischung.» Dies auch deshalb, weil wir zwar wüssten, dass die Digitalisierung die Anforderungen an Arbeitnehmende verändert, wir aber noch nicht genau wissen, welche Fähigkeiten in Zukunft gebraucht werden. Wichtig sei deshalb auch das lebenslange Lernen, sich den Herausforderungen zu stellen und sich on the Job oder daneben gezielt weiterzubilden.

Hoher Nutzen für die Wirtschaft 

Viele Berufsbilder könnten in den nächsten Jahren verschieden oder zumindest stark verändert werden. Der Grund ist die digitale Transformation von Geschäftsprozessen. Hiervon bislang unterdurchschnittlich betroffen sind insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaftler: Zwischenmenschliche Interaktionen und reflektiertes Denken sind Prozesse, die sich kaum so schnell, wie sich das einige im Silicon Valley vielleicht wünschen, werden automatisieren lassen. Weshalb speziell die Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft gebraucht werden, erörtert Markus Zürcher, Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften in Bern: «Globale Märkte erfordern sprachliche und kulturelle Kompetenzen. Zudem profitieren Bereiche wie Marketing und Branding von einem starken Storytelling. Das zieht sich in den Konsumgütern von der Schokolade bis zu den Uhren durch.» Zu diesem Bedarf beitragen würde auch das Wachstum in der Kreativwirtschaft und der sogenannten Experience Economy. 
Den Nutzen von Geisteswissenschaftlern für die Wirtschaft zu erklären, fällt ihm leicht. Als vor drei Jahren der SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz mit einer Interpellation forderte, die Zahl der Studierenden in den Geistes- und Sozial­wissenschaften zu halbieren, wurde die akademische Welt hellhörig. Die Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften entschied sich für den Gang in die Offensive und legte die Vorteile von Geisteswissenschaftlern in einer Broschüre mit dem Titel «It’s the humanities, stupid!» und auf einer Website dar. Auch hier wird die in den Geisteswissenschaften vermittelte Sozialkompetenz hervorgehoben und etwa Michael Eisner zitiert, vormaliger Geschäftsführer der Walt Disney Company und ehemaliger Student englischsprachiger Literatur und Theaterwissenschaften: «Literature gives you an appreciation of what makes people tick», auf Deutsch übersetzt: «Literatur gibt Ihnen ein Verständnis dafür, wie Leute ticken.» 
Christian Leumann, Rektor der Universität Bern, wehrte sich noch ein Jahr nach dem politischen Angriff in einem grossen Interview mit der Berner Tageszeitung «Der Bund» mit den Worten: «Ich möchte darauf hinweisen, dass unsere Abgänger der Geisteswissenschaften den Einstieg in die Arbeitswelt ähnlich rasch finden wie jene der Naturwissenschaften. Es gibt also keine ‹Horden› von Geisteswissenschaftlern, die sich mit Glaceverkauf knapp über Wasser halten, wie das da und dort verbreitet wird. Zudem glaube ich, dass Geisteswissenschaften wichtig sind, um Lösungen für die Probleme von heute und morgen zu finden.» Er dürfte Recht behalten. 

Karriereservices bieten Starthilfe 

Dabei haperte es lange Zeit mit der Nähe der Berner Geistes- und Sozialwissenschaftler zur Wirtschaft. Als die Universität Bern vor etwas mehr als zehn Jahren die in­zwischen von einer Nachfolgeveranstaltung abgelösten Career Days einführte, war das Interesse zwar bei den Studierenden der Wirtschafts-, Sozial- und Naturwissenschaften gross, nicht aber bei den Geisteswissenschaftlern. «Das Interesse ist eher mässig», beschied eine Kommunikationsbeauftragte der «Handelszeitung.» An den Career Days trafen damals Studenten auf potenzielle Arbeitgeber, die mithilfe verschiedenster Workshops um das Interesse der Fachkräfte buhlten. Zusätzlich war im Zuge der Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2008 damals auch eine gute Berufsberatung gefragt, um die Studierenden auf das knapper werdende Angebot an Stellen vorzubereiten. 
Die Universität Bern reagierte darauf mit der Einführung der Career Services, einer Karrierehilfe für Studien­abgänger. Verglichen mit anderen Schweizer Hochschulen war sie relativ spät, doch die Einführung habe sich aus­bezahlt, sagt Caroline Schmid. Die Mitarbeiterin des Vizerektorats Entwicklung ist zuständig für den Career Service der Univer­sität. «Seit 2008 ist bei der Vorbereitung der Studierenden auf den Berufseinstieg viel passiert. So verfügt der Career Service heute über ein breites Angebot. Dazu gehören auch die Absolventenmesse (die Nachfolgerin der Career Days, Anm. d. Red.) und die Lange Nacht der Karriere, die bei der letzten Durchführung von rund 900 Studierenden besucht wurde.» Die Studierenden der Philosophisch-Historischen Fakultät sind gemäss der Hochschule über sämtliche regulären Veranstaltungen des Karriereförderers hinweg gemäss ihres Anteils an den insgesamt 17'000 immatrikulierten Studierenden der Uni gut durchschnittlich vertreten, nämlich mit 16 Prozent aller Teilnehmer.
 Zu den beliebtesten Dienstleistungen des Karriere­services zählten Ratschläge und allgemeine Tipps rund um Bewerbungen, Umgang mit sozialen Netzwerken inklusive. Die Beliebtheit lässt sich auch auf das Feedback der Teilnehmenden zurückführen, «dieses ist bei den Teilnehmenden, besonders auch bei den Phil.-His.-Studierenden, überaus positiv», sagt Caroline Schmid. 

Spagat zwischen den Welten 

Bleibt die Frage, wie ein Wechsel aus einer akademischen Laufbahn in die Wirtschaft aussieht. Einer, der sehr offen über seine eigenen Erfahrungen redet, ist Nikolaus Braun. Als der mit summa cum laude promovierte Historiker in den 1990er-Jahren ein Trainee-Programm der deutschen Commerzbank antrat, sprachen seine Professoren noch von «Talentverschwendung». Nach verschiedenen Praktika in den Bereichen Werbung und Marketing sei er da «so reingerutscht», sagt der heute 47-jährige Manager. Damals erwarteten seine Frau und er Nachwuchs, weshalb er eine Laufbahn suchte, die mit weniger Risiko verbunden war als die akademische. Eine, in der man nicht auf wenige Förderer angewiesen sei und besser planen könne. 
Also griff er zum Telefonbuch seines Wohnorts München und rief eine Reihe von Banken an. «Den persön­lichen Kontakt suchte ich, um zu verhindern, dass meine Bewerbung beim Personaler nicht gleich im Papierkorb landet», erklärt er rückblickend. «Dabei habe ich erst bei den Banken angerufen, bei denen ich mir die kleinsten Chancen ausgerechnet habe, und die Gelegenheit zum Üben genutzt.» Das war 1999, die Banken hätten unter einem gewissen Druck gestanden, weil sich die junge Elite lieber in die Internet-Blase einbrachte und die Banken nur noch die zweite Reihe hätten rekrutieren können, sagt Nikolaus Braun. Von der Commerzbank glaubte er zu wissen, dass sie gegenüber Quereinsteigern offener war als andere. Tatsächlich klappte es und nach eineinhalb Jahren als Trainee wurde aus dem Doktor der Filialleiter einer Bank. Auf einen Schlag war er für 4000 Kunden verantwortlich. «Not macht erfinderisch», witzelt er. Für seinen abrupten Wechsel habe es allerdings viel Neugierde, Offenheit für Neues und auch das nötige Glück gebraucht. Ein Fenster, das sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftat. «Ohne die nötige Offenheit tut man sich schwer», sagt Braun. Doch habe man diese Voraussetzungen, spiele der Hintergrund fast keine Rolle, konstatiert Braun. 
Leicht sei der Einstieg in die Finanzwelt dennoch nicht gewesen, die Kollegen fingen an zu tuscheln. «So weit ist es also schon gekommen», raunte eine Kollegin, als der studierte Historiker seine Stelle antrat. «An den Spagat zwischen akademischem Hintergrund und Finanzwelt habe ich mich nun 20 Jahre lang gewöhnt», sagt er. Hätten ihn seine akademischen Kollegen früher oft als Verräter ge­sehen, vertrage man sich heute wieder. Braun ist auch nicht mehr der Einzige, der umgesattelt hat. Ein ehemaliger Kommilitone leitet die Marketingagentur, mit der er heute zusammenarbeitet, und für ein Firmenjubiläum fand er einen Auftragshistoriker über eine Agentur, die ebenfalls ein ihm bekannter Akademiker aufgebaut hat. 

Wie ein Spitzensportler 

An seiner neuen Berufswelt schätzte Nikolaus Braun vor allem den Kontakt zu den Kunden und die Quantifizierbarkeit des Erfolgs: Dieser sei direkt in Euro messbar. «Das empfinde ich als Vorteil gegenüber der akademischen Welt, in der man Höchstleistungen erbringen kann und am Ende dennoch Beziehungen über den eigenen Erfolg entscheiden.» Dass ein Historiker plötzlich Chef war, hatte auch Auswirkungen auf die Unternehmenskultur in der Bankfiliale an der Münchner Hohenzollernstrasse. Nikolaus Braun setzte die Beratung der Kunden über die unmittelbaren Gewinnziele. «Wir gingen netter um mit Kunden und liessen uns nicht von Margen leiten. Ich messe lieber in Jahresergebnissen als in kurzfristigen Verkaufszahlen», resümiert Braun. Dass seine Filiale trotzdem erfolgreich war, führt er darauf zurück, dass die «relativ faire Beratung» zu vielen Neuabschlüssen geführt habe. 
Doch als die Industrie zunehmend überhitzte und auf die grosse Wirtschaftskrise zusteuerte, wurde der Druck immer grösser, die Abschlussziele seien immer wieder deutlich erhöht worden. Just als die Commerzbank Nikolaus Braun zum Leiter einer Vertriebsregion befördern wollte, Vorzimmer und Dienstwagen inklusive, entschied er sich nach nicht ganz zehn Jahren im Unternehmen, der Commerzbank den Rücken zu kehren. In der Branche als «Nestbeschmutzer» beschimpft, wechselte er zu einem Start-up, das Anlageberatung auf Honorarbasis und frei von Provi­sionen anbietet, und baute für das Jungunternehmen eine Filiale auf. «So kann ich in den Spiegel schauen», sagt Braun zu seinem weiteren Werdegang. Mittlerweile hat er sich zusammen mit einem Kollegen selbstständig gemacht, um nach einem ähnlichen Geschäftsmodell zu arbeiten. 
Seine Vergangenheit als Historiker prägt ihn und seine tägliche Arbeit bis heute. «Im Umgang mit den Kunden sehe ich mich als Geschichtenerzähler, als einer, der ak­tuelle Entwicklungen übersetzt und verständlich macht», erzählt er. Mit seinem Unternehmen Neunundvierzig An­lageberatung empfängt er seine Kundschaft heute in einem kleinen Büro statt in der grossen Filiale. Das gefalle ihm deutlich besser als die Welt der Konzernbanken. Dort erzählt er im Beratungsgespräch dann auch mal eine Anekdote aus dem irischen Bürgerkrieg oder erklärt die Beweggründe junger Männer, die einen Heldentod sterben wollen. Er sieht sich heute als «Ex-Historiker», als einer der mal sehr gut war, aber lange kein Training mehr hatte – «wie ein Spitzensportler». 
Die vorgestellten Persönlichkeiten zeigen deutlich: Geisteswissenschaften sind längst keine Exotenfächer mehr, die auf eine Karriere im «Elfenbeinturm» vorbereiten. Wer Geschichte, Philosophie oder Kunst studiert hat, hat gelernt zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und Erfahrungen vergangener Generationen bei der Planung betrieblicher Abläufe zu berücksichtigen. Eigenschaften, die Unternehmen für ihre digitale Transformation in Zukunft benötigen.

Bildergalerie
Einstmals als Exoten belächelt, sind Geisteswissenschaftler heute Leader in Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung. Computerworld stellt drei Persönlichkeiten im Kurzportrait vor.



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