Gastbeitrag 22.05.2019, 13:00 Uhr

Keine Angst vor KI(?)

In Literatur und Film werden mitunter dystopische Szenarien einer von künstlicher Intelligenz beherrschten Welt ausgemalt. Welchen Einfluss wird KI auf den Schweizer Arbeitsmarkt haben?
(Quelle: Shutterstock/sdecoret )
Die Furcht, dass Maschinen menschliche Arbeitsplätze ersetzen, existiert schon seit dem Beginn der industriellen Revolution. Das Phänomen zieht sich weiter durch die Entwicklung der industriellen Produktion. Das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts war auch in der Schweiz durch einen Strukturwandel geprägt, der im industriellen Sektor viele Arbeitsplätze kostete. Neben der Auslagerung von Arbeit in Billiglohnländer waren auch Automatisierungsbestrebungen in der Produktion ursächlich dafür. Aktuell treten vermehrt Befürchtungen auf, die künstliche Intelligenz könnte zu ähnlichen oder noch gravierenderen
Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen.

Eine neue Dimension?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, von Automatisierung waren immer repetitive Tätigkeiten betroffen. Das beginnt beim Weben einfacher Stoffe und reicht bis zum Überprüfen von Zahlungstransaktionen in der Finanzindustrie. Auch wenn die Aufgaben immer komplexer wurden – man denke etwa an Stoffmuster –, letztlich wurden bisher immer nur vormals manuelle Tätigkeiten automatisiert.
Können Maschinen nun dank KI auch «Kopfarbeit» übernehmen? Die Antwort ist ein Klares: «Es kommt darauf an.» Und zwar darauf, ob es sich um repetitive oder kreative Geistesanstrengungen handelt. Im ersten Fall kann die künstliche Intelligenz durchaus Menschen ersetzen und Aufgaben in atemberaubender Geschwindigkeit lösen, zu denen Menschen entweder gar nicht in der Lage wären oder die sie extrem viel Zeit kosten würden. Geht es darum, kreativ zu sein und in Gedanken etwas Neues zu erschaffen, sind der künstlichen Intelligenz klare Grenzen gesetzt.
Man könnte nun einwenden: «Aber künstliche Intelligenz kann schon Bilder malen!» Nun, das geschieht tatsächlich, doch im Grunde liegt auch dahinter ein repetitiver Prozess verborgen. Solche Programme wurden beispielsweise von ihren Entwicklern mit einer grossen Menge Rembrandt-Porträts «gefüttert». Daraus lernten sie dann den spezifischen Stil des Meisters und waren anschliessend in der Lage, täuschend echte Porträts von Personen anzufertigen, die nie existiert haben. Auch ein solches Programm tut also letztlich nur das, was ihm von Menschenhand aufgetragen wurde, und repliziert. Eine wirkliche eigene Kreativleistung ist nicht zu erkennen. Wird künstliche Intelligenz also keine tatsächlichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben und eine Spielerei bleiben? So einfach ist es natürlich nicht.

Künstler und Handwerker sind sicher

Es gibt eine ganze Reihe nicht manueller repetitiver Aufgaben, die sich aber mit bisherigen Systemen noch nicht automatisieren lassen. Darin liegen tatsächlich Anwendungen für künstliche Intelligenz. Beispielsweise gibt es Situationen, in denen Texte aus den immer gleichen Bausteinen zusammengesetzt und mit neuen Informationen angereichert werden müssen, wie bei Börsennachrichten. Das kann KI bereits übernehmen, doch die wirkliche Domäne der KI liegt im Bereich Datenanalyse.
Insbesondere in einem Land, das sieben Jahre in Folge von der Cornell University, der World Intellectual Property Organization (WIPO) und Insead zum innovativsten Land der Welt gewählt wurde, sollte man sich damit beschäftigen. Eine Auswertung zu lokalen Start-ups des Investmenthauses Asgard und der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt, dass die Schweiz zu den Pionieren im Einsatz von KI zählt und somit ein erhebliches Marktpotential aufweist. Auch Google investiert in seinen Standort in Zürich und holt weitere KI-Spezialisten an Bord. Daneben haben sich verschiedene Forschungseinrichtungen wie die ETH Zürich, das IDSIA in Lugano oder die EPF in Lausanne zu wichtigen Zentren in der KI-Forschung entwickelt. Die Versicherungsgesellschaft Bâloise hat beispielsweise im Rahmen einer Partnerschaft mit Veezoo einen KI-gestützten virtuellen Assistenten für ein effektiveres Customer Relationship Management und Vertriebsstrukturen programmiert.
Dieses Beispiel verdeutlicht noch einmal, dass die Stärken der künstlichen Intelligenz in der massenhaften Datenauswertung liegen. Seien es Transaktionsdaten im Finanzsektor, Sensordaten in autonomen Autos oder in der «Landwirtschaft 4.0». Überall dort jedoch, wo Kreativität, Einfühlungsvermögen, Improvisationstalent etc. gefragt sind, steht die KI (zumindest in absehbarer Zeit) auf verlorenem Posten. So werden Künstler, Psychologen, Pädagogen und die meisten Handwerker in nächster Zeit, wenn überhaupt, höchstens durch KI unterstützt.

Autor(in) Oliver Ebel


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