Wenn das Management die Digitalisierung bremst

Wer übernimmt die Aufklärung?

Wer übernimmt die Aufklärung?

Wer aber soll nun die Aufklärungsarbeit zu digitalen Innovationen und die Einleitung der entsprechenden Projekte übernehmen? Ausser Frage steht wohl, dass die digitale Transformation vom CEO selbst verantwortet werden sollte. «Ich bin der Überzeugung, dass der CEO in diesen Fragen vorweg gehen muss. Digitalisierung muss aufgrund ihrer strategischen Relevanz Chefsache sein», so Alexander Wink von Korn Ferry. Didier Bonnet stimmt ihm zu: «Es liegt hauptsächlich in der Verantwortung des CEOs, sicherzustellen, dass der Vorstand sich sowohl den Herausforderungen als auch den Chancen, die die digitale Transformation für das vorhandene Geschäft bringt, bewusst ist.»
Sicher besteht die Aufgabe eines CEOs nicht darin, sich möglichst tief mit den innovativen Technologien auseinanderzusetzen, diese in digitale Projekte im eigenen Unternehmen umzusetzen und deren Chancen dem Vorstand zu präsentieren. Alexander Wink formuliert es so: «Dazu muss das Top-Management auf das Know-how seiner Bereichs- und Abteilungsleiter zurückgreifen, die tiefer in den Details stecken.» Als Beispiel führt der Korn-Ferry-Experte die Funktion eines Chief Digital Officers (CDO) an, die eine zentrale Stelle bilde, dieses Wissen bündele und als Schnittstelle zum Vorstand fungiere. Alexander Buschek sieht es etwas anders: «Einen CDO zu engagieren ist ja bereits ein Zeichen für ein gewisses Verständnis.» Dieser solle eine intensive und umfassende Auseinandersetzung mit der Digitalisierung oder der digitalen Transformation leisten. Der Chief Information Officer (CIO) hat allerdings aus seiner Sicht die besten Möglichkeiten, den Vorstand zu überzeugen. Jörg Kasten dazu: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der CIO am häufigsten mit dieser Thematik beschäftigt ist.» Die meisten Experten sind sich einig, dass diese Aufgabe eigentlich mehr als nur eine Rolle erfordert: «Im schlimmsten Fall kann die digitale Innovation für das Unternehmen zum Kampf ums Überleben führen», warnt Carsten Sørensen von der London School of Economics. «Im besten Fall kann sie jedoch zu einer Transformation des Unternehmens führen, in deren Folge Märkte effektiver adressiert oder ganz neu erschlossen werden.» Sørensen zufolge ist eine solche Transformation zu wichtig, um nur eine Funktion mit dieser Aufgabe zu beauftragen. Didier Bonnet von Capgemini ist ebenfalls davon überzeugt, dass es von zentraler Bedeutung ist, den Vorstand mit Unterstützung aller relevanten Führungskräfte wie CDO, CIO, CMO und so weiter mit der digitalen Strategie des Geschäfts und den wichtigsten Initiativen dieser Strategie vertraut zu machen. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Michael Piekarzewitz von der Weidmüller Gruppe: «Ob CDO, CIO oder CTO – die Rollen der einzelnen Ressorts überlappen sich, deshalb sind alle drei ins Boot zu holen.» Er ist überzeugt, dass es die zunehmende Digitalisierung auch in der Industrie und bei den Vorständen abzubilden gilt. «Deshalb hat die Geschäftsführung für unser Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie erarbeitet und mit einem entsprechenden Leiter besetzt», berichtet Piekarzewitz. «Das Thema Digitalisierung wird bei MULTIVAC seit über einem Jahr im Rahmen eines Lenkungskreises gestaltet», erklärt Marius Grathwohl, «dem neben den Vertretern der unterschiedlichen Geschäftsbereiche auch unser Chief Technical Officer und unser Chief Financial Officer angehören. So ist die Geschäftsführung nicht nur hinsichtlich der digitalen Agenda immer aktuell informiert, sondern kann auch unmittelbar Einfluss auf Definition und Umsetzung der Digitalstrategie nehmen.» Im Endeffekt komme es weniger auf den Titel an, glaubt Dan Miklovic von LNS Research, sondern darauf, wie viel Einfluss diese Person auf den Vorstand ausübt. Tom Fowler erläutert: «Viele hochleistungsfähige Führungskräfte leisten, im funktionalen Sinn, einen erstaunlichen Job, sind aber weniger versiert darin, andere Menschen zu schulen oder aufzuklären.» Deshalb könne es je nach Unternehmen sinnvoller sein, die Person, die für die erforderlichen digitalen Funktionen zuständig ist, mit der Person, die über die notwendige soziale und pädagogische Kompetenz verfügt, zusammenzubringen. «Sonst kann es passieren, dass der Vorstand einem vorgetragenen Standpunkt entweder nicht zustimmt oder – noch schlimmer – ihn gar nicht versteht», warnt Polar-Präsident Fowler.

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