22.12.2010, 06:00 Uhr

Clever standardisieren

Standardisierung hilft immer dann, wenn sie Kosten spart, ohne individuelle Wünsche zu vernachlässigen. Der Fokus auf Prozesse und Produktion ist dabei auf lange Sicht erfolgversprechender als eine reine Normung der Komponenten.
Der Autor ist Head of Computing Services and Solutions bei T-Systems Schweiz Wo stünde unsere Gesellschaft ohne allgemeingültige Standards? Wenn beispielsweise in jedem Haus Steckdosen mal mit vier runden und mal mit drei eckigen Löchern installiert wären? Nicht alles lässt sich jedoch so einfach standardisieren wie Steckdosen. Fertighäuser haben sich zum Beispiel erst durchgesetzt, nachdem auch individuelle Wünsche erfüllt werden konnten. Das Geheimnis liegt in der Standardisierung der Produktion und Prozesse, nicht der Komponenten. Flexible Produktionsmittel und eine modulare Gestaltung der Prozesse erlauben es heute, auch «standardmässig» Fenster nach Mass zu fertigen. So ist es auch im Rechenzentrum: Ziel ist nicht die Standardisierung der Produkte, sondern der Produktion, Abläufe und Prozesse. Standardkomponenten werden nur dort eingesetzt, wo sie elementar sind und in grosser Zahl vorkommen. T-Systems nennt diese «Standard Delivery Element» (SDE). Dazu zählen dynamische Platt­formen, LAN-Ports oder Serverleistungen.
Kosten und Ressourcen sparen Standardisierte Prozesse sind die Voraussetzung dafür, dass hochklassige Serviceleistungen auch für kleinere Unternehmen erschwinglich bleiben. Homogene ICT-Prozesse sind einfacher, transparenter und damit auch fehlertoleranter als eine individuelle Konfiguration. Sind die eingesetzten Komponenten defekt, werden sie nicht repariert, sondern aus einem Pool standardisierter Ersatzkomponenten ausgetauscht. Es leuchtet ein, dass ein riesiges Portfolio von zig Servermodellen mit unterschiedlichsten Software-Versionen ungleich schwerer zu bedienen ist als ein einheitlicher Gerätepark. Die  Standardisierung führt daher auch zu einer homogenen Ausbildung im Support, höherer Produktivität, kürzerer Durchlaufzeit von Incidents und dadurch höherer Kundenzufriedenheit. Das schützt die Geschäftsprozesse der mit dem Rechenzentrum verbundenen Unternehmen nachhaltig. Ein angenehmer Nebeneffekt für die immer noch händeringend gesuchten Rechenzentrumsmitar­beitenden sind klare Karrierepfade, die ihnen dabei helfen, sich und ihre Aufgabe ganzheitlich zu sehen. Standardisierung auf zwei Ebenen
Basis ist die Hardware mit entsprechenden Betriebssystemen und Applikationssets. Hier gestaltet der Rechenzentrumsbetreiber einen Standardwarenkorb und eine klare Technology Roadmap. Beides vereinfacht die Beschaffung von Ersatzkomponenten und den rechtzeitigen Umstieg auf neue Versionen mit noch besseren Skalierungseffekten – sprich ökonomisch positiven Auswirkungen bei steigender Userzahl. Die zweite Ebene betrifft die Shared Services: So sind etwa die Dynamic Services for SAP oder for Exchange auf derselben technischen Basis aufgebaut, einer Kombination aus standardisiertem Storage und VMware-Technologie. Der Einsatz von Network attached Storage (NAS) reduziert den Administrationsaufwand im Vergleich zur komplexen SAN-Technologie und kann auch grössere Distanzen überbrücken. Auf der dritten, aktuell am häufigsten standardisierten Ebene geht es um wiederkehrende Prozesse über alle Kunden hinweg, beispielsweise Start-up, Run-down oder Transformation.Durch standardisierte Prozesse und den Einsatz von Templates lassen sich im Vergleich zum herkömmlichen Rechenzentrum Einsparungen von bis zu 60 Prozent erzielen. Unter starkem Preisdruck stehende Outsourcing-Anbieter können gar nicht anders; bei ihnen ist die Steigerung der Effizienz Teil ihres Geschäfts­modells, die dem Kunden in Form von tieferen Kosten, erhöhter Flexibilität und Qualität zugute kommt. Anstatt mehreren Wochen Vorlaufzeit für eine neue SAP-Lösung genügen auf der Dynamic-Computing-Plattform zum Beispiel einige Stunden.

Genügend Spielraum lassen Standardisierung hat – wie alles im Leben – aber noch ein andere Seite der Medaille. Viele Unternehmen fürchten, sie müssten sich dem Standard anpassen, während sich früher die IT an ihre Eigenheiten angepasst hatte. Genau deshalb ist es wichtig, sich einen Anbieter auszusuchen, der die Standardisierung so weit getrieben hat, dass die einzelnen Module als Ganzes immer noch genügend Spielraum für individuelle Konfiguration ermöglichen. Dabei gilt die altbekannte 80/20-Faustregel: 80 Prozent der im Rechenzentrum anfallenden Aufgaben sind wiederkehrende Tätigkeiten. Sind diese gelöst, bleibt genügend Zeit für Flexibilität und Extrawünsche. Das lässt sich auf Angebote wie Infrastructure as a Service übertragen. Hier wird ein für alle Kunden des Rechenzentrums identischer Unterbau mit individuellen Appliances oder ganzen Systemen bestückt. Dual-Vendor-Strategie Eine andere Kritik an standardisierten Rechenzentren greift ebenfalls zu kurz: Die angebliche Abhängigkeit von einem Hersteller lässt sich durch eine konsequente Dual-Vendor-Strategie verhindern – ermöglicht gerade durch die Standardisierung im Rechenzentrum. Wichtig ist, die Standardisierung dort zu begrenzen, wo sie für den Kunden keinen Mehrwert bringt. Das klassische Beispiel sind dedizierte Systeme, die einem spezifischen Zweck dienen und einen einzigen geschäftskritischen Prozess unterstützen. Dies wird auch in Zukunft kein standardisiertes System sein; beruhigend für Unternehmer und Manager, denen die IT-Abteilung bisher jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hat – manchmal auch einen Wunsch zu viel. Normen und Standardisierungsinitiativen Der Weg zum effizienten Rechenzentrum beginnt mit einer Bestandsaufnahme aller Assets. So werden Standardisierungsblocker enttarnt. Wichtig ist zum Beispiel, die Laufzeit der Server einzuberechnen, um eine schleichende Heterogenisierung des Rechenzentrums zu verhindern. Ist die Infrastruktur vereinheitlicht, können die Verantwortlichen einen Schritt weiter gehen und den Sprung zur standardisierten Bereitstellung von Servern bzw. Modulen wagen. Dabei soll für den Kunden nicht mehr die Technologie im Vordergrund stehen, sondern die konkreten Anfor­derungen des Business.
Ein modernes, homogenes Rechenzentrum folgt verschiedenen Standards und Zertifizierungen, etwa ISO 270001:2005 und ISO 9001:2000. Je nach Geschäftsmodell muss die genutzte Infrastruktur auch die Richtlinien der SOX-Compliance mit spezifischen SAS 70 Reports Type II erfüllen. T-Systems engagiert sich in verschiedenen Gremien zum Thema: gemeinsam mit Intel etwa im Bereich der Standardisierung und Effi­zienzsteigerung im Datacenter 2020 (www.datacenter2010.de), zum Thema Storage in der SNIA (www.snia.org) und im Open Cloud Manifesto (www.opencloud manifesto.org). Im Bereich Sicherheit gelten interne Standards. So werden alle Windows- und Unix-Systeme regelmässigen Audits unterzogen.

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