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Auf die Mischung kommt es an

Die ICT-Branche hat alle Zutaten für eine erfolgreiche Zukunft. Doch KI, Cloud und Cybersecurity allein ergeben noch kein überzeugendes Rezept. Gefragt sind messbarer Nutzen, digitale Handlungsfähigkeit und Anbieter, die Verantwortung für das Ganze übernehmen.
© Shutterstock/monicafrunza

Schweizer Schokolade geniesst weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Nicht, weil hierzulande Kakao wächst, sondern weil aus importierten Rohstoffen durch Wissen, Präzision und Erfahrung etwas Eigenständiges entsteht. Für die Schweizer ICT-Branche ist das ein passendes Bild. Auch sie arbeitet mit Technologien, Plattformen und Komponenten, die grösstenteils anderswo entwickelt werden. Ihre Chance liegt deshalb nicht darin, jeden globalen Trend möglichst rasch zu kopieren. Sie liegt in der Fähigkeit, die richtigen Zutaten auszuwählen, intelligent zu verbinden und daraus Lösungen zu schaffen, die den hiesigen Anforderungen entsprechen.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn der Markt ist widersprüchlich geworden. Unternehmen wollen modernisieren, automatisieren und künstliche Intelligenz einsetzen. Gleichzeitig prüfen sie Investitionen genauer, verlangen einen rasch erkennbaren Mehrwert und scheuen langfristige Verpflichtungen. Geopolitische Spannungen, handelspolitische Unsicherheiten, steigende Kosten und neue Vorschriften verderben zwar nicht den Appetit auf Digitalisierung. Sie sorgen aber dafür, dass heute genauer auf die Zutatenliste geschaut wird.

Wachstum mit bitterer Note

Die Schweizer ICT-Branche bleibt robust. Der Swico ICT Index lag auch im zweiten Quartal 2026 mit 106,2 Punkten über der Wachstumsschwelle. Nach dem kräftigen Jahresauftakt hat die Dynamik jedoch spürbar nachgelassen. Steigende Kosten, intensiver Wettbewerb, Preisdruck und zögerlichere Kundenentscheide prägen das Geschäft. Wachstum ist weiterhin möglich, aber es verteilt sich nicht mehr automatisch auf alle Anbieter und Angebote. Damit verändert sich auch die Logik des Marktes. In den vergangenen Jahren genügte es vielerorts, Kapazitäten bereitzustellen, Migrationen zu begleiten oder neue Technologien in Aussicht zu stellen. Heute wollen Kunden wissen, welches Problem konkret gelöst wird, wie rasch sich eine Investition rechnet und wer die Verantwortung übernimmt, wenn mehrere Systeme, Anbieter und regulatorische Anforderungen zusammentreffen. Technologie bleibt wichtig. Sie ist aber kein Selbstzweck mehr und schon gar kein Freipass für offene Budgets.

Besonders deutlich zeigt sich das bei Projekten, die mit grosser Vision starten und als kleiner Pilot enden. Diese Zurückhaltung ist nicht grundsätzlich negativ. Sie zwingt Anbieter, genauer zuzuhören, sauberer zu priorisieren und Wirkung früher nachzuweisen. Problematisch wird sie erst, wenn Unternehmen nur noch kurzfristige Einzelmassnahmen finanzieren und dabei das Gesamtbild aus den Augen verlieren. Eine Digitalisierung in homöopathischen Dosen lindert vielleicht akute Beschwerden. Eine tragfähige Zukunftsarchitektur entsteht daraus noch nicht.

KI muss in die Produktion

Künstliche Intelligenz bleibt die prägende Technologie der kommenden Jahre. Doch die Phase der ersten Faszination ist vorbei. Kaum ein Unternehmen muss noch davon überzeugt werden, dass generative KI Texte zusammenfassen, Programmcode erzeugen oder Kundenanfragen beantworten kann. Die entscheidende Frage lautet nun: Wie wird aus eindrücklichen Demonstrationen ein verlässlicher Bestandteil des Geschäfts? Genau hier öffnet sich eine Lücke. In der Swiss IT Study 2026 geben erst 7,1 Prozent der befragten Unternehmen an, KI bereits skaliert einzusetzen. Viele befinden sich weiterhin in Versuchen oder einzelnen produktiven Anwendungen. Das ist weniger ein Technologieproblem als eine Frage der Daten, Prozesse und Verantwortung. Ein Sprachmodell allein kennt weder die Besonderheiten eines Schweizer Versicherers noch die Qualitätsanforderungen eines Industrieunternehmens. Erst wenn es mit geeigneten Daten, klaren Regeln und einem überprüfbaren Prozess verbunden wird, entsteht geschäftlicher Nutzen.

Für die Anbieter bedeutet das: Der nächste Wettbewerb wird nicht über das grösste Modell oder die spektakulärste Demo entschieden. Gefragt sind Branchenwissen, Integrationsfähigkeit und ein realistisches Verständnis dafür, wo Automatisierung sinnvoll ist – und wo der Mensch entscheiden muss. Agentische Systeme, die Aufgaben selbstständig planen und ausführen, erhöhen diesen Anspruch zusätzlich. Wer einem digitalen Agenten Handlungsspielraum gibt, braucht nicht weniger Kontrolle, sondern bessere Leitplanken, Protokollierung und Eskalationswege. 

«Die Zukunft der ICT entscheidet sich nicht an möglichst vielen Zutaten, sondern an ihrer richtigen Mischung.»

Christian Bühlmann

KI wird damit vom Softwareprodukt zur Organisationsaufgabe. Sie verändert Abläufe, Rollen, Führungsverantwortung und mitunter ganze Geschäftsmodelle. Anbieter, die nur Lizenzen verkaufen, greifen zu kurz. Erfolgreich werden jene sein, die gemeinsam mit ihren Kunden Prozesse neu denken, Ergebnisse messen und Mitarbeitende befähigen. Der wertvollste KI-Berater ist künftig nicht derjenige, der am häufigsten «AI» sagt, sondern derjenige, der auch sagen kann, wann sie nichts bringt.

Daten bestimmen die Qualität

Ohne brauchbare Daten bleibt selbst die leistungsfähigste KI eine glänzende Verpackung mit enttäuschendem Inhalt. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Daten gesammelt, aber nicht ausreichend geklärt, wem sie gehören, wie aktuell sie sind und für welche Zwecke sie verwendet werden dürfen. Unterschiedliche Formate, isolierte Systeme und fehlende Verantwortlichkeiten bremsen nun die Skalierung. Die Datenfrage wird deshalb zum Prüfstein der digitalen Reife. Es reicht nicht, einen Data Lake anzulegen oder Informationen in eine neue Cloud zu verschieben. Daten müssen verständlich, auffindbar, geschützt und im richtigen Kontext nutzbar sein. Dazu braucht es technische Plattformen, aber ebenso verbindliche Regeln und Zuständigkeiten. Data Governance darf nicht als Aufräumprojekt verstanden werden, das man nach der eigentlichen Transformation erledigt. Sie ist deren Voraussetzung.

Hier liegt eine besondere Chance für Schweizer Anbieter. Viele Kunden suchen keinen weiteren universellen Datenbaukasten, sondern Unterstützung bei der Verbindung von Technologie, Fachprozess und Regulierung. Wer die Sprache des Geschäfts versteht und gleichzeitig weiss, wie Datenarchitekturen funktionieren, wird wertvoller als ein reiner Produktspezialist. Aus Daten entsteht nicht automatisch Wert. Wert entsteht, wenn bessere Entscheidungen, schnellere Abläufe oder neue Leistungen daraus folgen.

Souveränität wird zum Beschaffungskriterium

Digitale Souveränität ist in kurzer Zeit vom politischen Schlagwort zur praktischen Managementfrage geworden. Der Bundesrat beschreibt sie als Kontroll- und Handlungsfähigkeit im digitalen Raum. Für Unternehmen lässt sich das noch konkreter übersetzen: Können wir auf unsere Daten zugreifen, Systeme weiterbetreiben, Anbieter wechseln und Entscheidungen selbst treffen, wenn sich politische, rechtliche oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern? Die Antwort muss nicht in einer vollständig autarken Schweizer IT liegen. Das wäre angesichts globaler Lieferketten, Plattformen und Innovationsnetzwerke weder realistisch noch sinnvoll. Souveränität bedeutet vielmehr, Abhängigkeiten zu kennen und bewusst zu gestalten. Eine Public Cloud kann Teil einer souveränen Architektur sein, wenn Datenklassen, Schlüsselmanagement, Betriebsmodelle und Ausstiegsmöglichkeiten geklärt sind. Umgekehrt ist ein Schweizer Rechenzentrum allein noch keine Garantie für Souveränität, wenn Software, Support oder Kontrollrechte vollständig von einem einzelnen ausländischen Anbieter abhängen.

Wie wichtig dieses Thema für den Markt geworden ist, zeigt die Swiss IT Study: Für 89,5 Prozent der Befragten spielt der Standort der Daten eine wichtige Rolle. Daraus entsteht ein wachsendes Geschäftsfeld für hybride Architekturen, lokale Cloud-Angebote, Open Source, vertrauenswürdige Datenräume und Managed Services mit klar geregelten Zuständigkeiten. Schweizer Anbieter sollten dabei nicht versuchen, die Hyperscaler zu kopieren. Ihre Stärke liegt darin, Wahlfreiheit, Transparenz und Nähe in ein funktionierendes Betriebsmodell zu übersetzen. 

Viel Wissen, grosse Kunst, exzellente Qualität – aber was wollen die Kunden wirklich?

© Shutterstock/SvetlanaSF
Security wird zur Wiederstandsfähigkeit

Cybersecurity bleibt ein Wachstumsmarkt, aber auch hier verschiebt sich der Bedarf. Noch ein weiteres Werkzeug schützt kein Unternehmen, wenn Warnmeldungen liegen bleiben, Zuständigkeiten unklar sind oder im Ernstfall niemand weiss, welche Systeme zuerst wiederhergestellt werden müssen. Die zunehmende Zahl spezialisierter Lösungen hat die Sicherheit nicht automatisch übersichtlicher gemacht. Mancherorts ist ein komplexes Geflecht entstanden, das viel meldet, aber zu wenig entscheidet.

Gefragt ist deshalb nicht nur Schutz, sondern Widerstandsfähigkeit. Unternehmen müssen Angriffe erkennen, Auswirkungen begrenzen, den Betrieb wiederherstellen und aus Vorfällen lernen können. Dazu gehören technische Massnahmen wie Zero Trust, Identitätsschutz, Segmentierung und sichere Backups. Ebenso wichtig sind getestete Notfallpläne, klare Entscheidungswege und eine realistische Kenntnis der eigenen Lieferkette. Auch künstliche Intelligenz verändert das Kräfteverhältnis. Sie hilft Angreifern, glaubwürdigere Täuschungen zu erstellen und Schwachstellen schneller auszunutzen. Gleichzeitig unterstützt sie Verteidiger bei Analyse, Priorisierung und Reaktion. Der Vorteil entsteht jedoch nicht durch KI allein, sondern durch deren Einbettung in ein funktionierendes Sicherheitsmodell. Automatisiertes Chaos bleibt Chaos – es bewegt sich nur schneller.

Für Kunden wird damit die Frage wichtiger, wer im Ereignisfall tatsächlich handelt. Möglichst viele Spezialisten zu engagieren, ist keine gute Strategie, um das Gesamtziel zu erreichen. Gefragt sind Anbieter, die Schnittstellen beherrschen, Verantwortung verbindlich regeln und im entscheidenden Moment nicht zuerst den Vertrag eines anderen Partners konsultieren. Vertrauen entsteht nicht durch ein umfangreiches Portfolio, sondern durch nachweisbare Handlungsfähigkeit.

Kunden kaufen keine Zutatenliste

Die Gespräche der vergangenen Monate zeigen ein klares Muster: Kunden suchen Orientierung. Sie werden mit neuen Plattformen, Abkürzungen und Versprechen überhäuft, während ihre personellen und finanziellen Spielräume enger werden. Was ihnen fehlt, ist selten eine weitere Produktpräsentation.

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