Vorhang auf für die neue KI-Arbeitswelt
Intelligent Work
Den Weg vom Druckerhersteller zum IT-Dienstleister hat Ricoh längst eingeschlagen. Am InnovationDay 2026 wurde jedoch deutlich, wie umfassend das Unternehmen diese Transformation inzwischen versteht. Es geht nicht mehr nur um Drucksysteme, Dokumente oder einzelne Cloud-Dienste. Ricoh will Menschen, Informationen, Prozesse und Technologien zu einer intelligenten Arbeitsumgebung verbinden. Die präsentierten Lösungen reichten von KI-gestützter Dokumentenverarbeitung über eine Schweizer Cloud bis zu Security Operations und digitalem Produktionsdruck. Das Spektrum ist breit. Gleichzeitig zeigt es, wie stark sich die Grenzen zwischen Arbeitsplatz, Geschäftsprozess, Infrastruktur und Sicherheit verschieben.
Vom Druckgeschäft zu Office Services
Die Geschäftszahlen unterstreichen diese Entwicklung. Ricoh erzielte im Geschäftsjahr 2025, das im März 2026 endete, nach eigenen Angaben einen weltweiten Umsatz von 13,1 Milliarden Franken. Der operative Gewinn stieg gegenüber dem Vorjahr um 42,1 Prozent auf 456,6 Millionen Franken. Besonders dynamisch entwickelte sich der Bereich Office Services. Dessen Umsatz wuchs global um 9,2 Prozent auf 5,08 Milliarden Franken. Damit steuerte er bereits 39 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Bei Ricoh Schweiz liegt der Anteil der Office Services einschliesslich LAKE Solutions inzwischen bei 40 Prozent.
Daniel Tschudi, CEO von Ricoh ALPS, ordnete diese Zahlen in die strategische Neuausrichtung ein. Ricoh konzentriert sein Angebot auf vier Bereiche: Workplace Experience, Prozessautomatisierung, Cloud und Cybersecurity sowie Print und Graphic Communications. Der klassische Druckbereich verschwindet damit nicht. Er wird vielmehr Teil eines deutlich umfassenderen Portfolios. Interessant ist, wie Ricoh die Strategie begründet: Die Technologie sei in vielen Unternehmen bereits vorhanden, doch Menschen, Prozesse und Unterstützung könnten mit der Geschwindigkeit des Wandels nicht Schritt halten. Damit trifft das Unternehmen einen wichtigen Punkt. Die nächste Software, ein weiteres KI-Werkzeug oder eine neue Cloud-Plattform lösen noch kein organisatorisches Problem. Entscheidend ist, ob daraus ein funktionierender Arbeitsprozess entsteht.
Barbara Fehr, Director Office Services & Strategic Planning bei Ricoh Schweiz, präsentierte Innovationen im Bereich Prozessautomatisierung und KI. Dazu gehören Intelligent Document Processing (IDP)-Lösungen sowie die neue RICOH DocuWare Swiss Cloud.
Vesna Gajic PhotographySchweizer Cloud für sensible Dokumente
Konkreter wurde dieser Ansatz bei der von Ricoh Schweiz, LAKE Solutions und DocuWare entwickelten «RICOH DocuWare Swiss Cloud». Die Lösung verbindet das Dokumentenmanagement von DocuWare mit der Cloud-Infrastruktur von LAKE Solutions. Datenhaltung, Betrieb und Support erfolgen nach Angaben der Unternehmen in der Schweiz. Das Angebot richtet sich insbesondere an Organisationen mit sensiblen Informationen, etwa im Gesundheitswesen, bei Finanzdienstleistern, Treuhändern und öffentlichen Verwaltungen. Dabei geht es nicht nur um die Ablage von Dokumenten. Intelligent Document Processing soll Dokumente automatisch trennen, klassifizieren und Informationen extrahieren. Auch handschriftliche Inhalte können erkannt werden. Hinzu kommt der KI-Assistent DocuWare Aura, der die Suche, Inhaltsanalyse und Entscheidungsfindung unterstützen soll. Wie gross der praktische Nutzen ausfällt, hängt allerdings von Datenqualität, Berechtigungen und der Einbindung in die Geschäftsprozesse ab. Gerade bei sensiblen Dokumenten genügt es nicht, KI-Funktionen einfach aufzuschalten. Die Schweizer Datenhaltung ist deshalb mehr als ein Verkaufsargument. Für regulierte Unternehmen kann sie die Beurteilung von Datenschutz, Compliance und Datenhoheit vereinfachen. Sie ersetzt aber keine klare Governance – weder für die Dokumente noch für die eingesetzten KI-Modelle.
KI braucht Sicherheit und klare Regeln
Walter Borgia, CEO von LAKE Solutions, rückte die betriebliche Seite von KI und Cloud in den Mittelpunkt. Das Unternehmen bietet KI-Infrastruktur als Managed Service, Cloud-Dienst oder On-Premises-Lösung an. Zum Modell gehören neben der Technik auch Security, Compliance, Datenschutz, Betrieb und Wartung. Besonders praxisnah war die Verbindung von KI und Cybersecurity. LAKE Solutions skizzierte einen Weg von der Gap-Analyse über ein rund um die Uhr betriebenes Security Operations Center bis zur Incident Response. Zu den empfohlenen Massnahmen gehören eine vollständige Übersicht der IT-Ressourcen, die Erkennung von Schatten-IT und unkontrolliert eingesetzter KI, konsequente Mehrfaktor-Authentifizierung, privilegiertes Zugriffsmanagement und getestete Notfallpläne.
Das mag auf den ersten Blick wie ein klassischer Sicherheitskatalog wirken. Durch die schnelle Verbreitung generativer KI erhält er jedoch zusätzliche Dringlichkeit. Wenn Mitarbeitende Unternehmensdaten in nicht freigegebene Dienste eingeben oder Fachbereiche eigene KI-Lösungen aufbauen, entstehen neue Datenflüsse und Abhängigkeiten. Sichtbarkeit und Governance werden damit zur Voraussetzung für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz.
Walter Borgia, CEO Lake Solutions AG; zeigte auf, wie Unternehmen den steigenden Anforderungen an Datensicherheit, Cybersecurity und den verantwortungsvollen Einsatz von KI begegnen können.
Vesna Gajic PhotographyDruck bleibt Teil der Zukunft
Trotz der strategischen Verlagerung blieb auch das angestammte Druckgeschäft präsent. Ricoh sieht insbesondere im digitalen Produktionsdruck weiteres Potenzial. Steigende Papier- und Personalkosten, kleinere Auflagen sowie der Rückgang des Offsetdrucks erhöhen den Druck zur Automatisierung. Print on Demand ermöglicht es, kleinere und personalisierte Auflagen erst bei Bedarf herzustellen. Das kann Lagerbestände, Überproduktion und Ressourcenverbrauch reduzieren. Nach Angaben von Ricoh erreicht das Unternehmen in der Schweiz mit der Ricoh Pro C9500 bei High-End-Bogendrucksystemen einen Marktanteil von 66,7 Prozent. Im Mid-Range-Segment kommt die Pro C7500 auf 40 Prozent.
Fazit: Ricoh präsentierte keine einzelne Technologie, die alles verändert. Interessanter war das Zusammenspiel der verschiedenen Bausteine. KI, Cloud, Dokumentenmanagement, Arbeitsplatzlösungen und Cybersecurity wurden nicht als getrennte Welten behandelt. Ein breites Portfolio entfaltet erst dann Wirkung, wenn die einzelnen Komponenten sauber zusammenspielen und für den Kunden ein messbarer Nutzen entsteht. «Intelligent Work» darf deshalb nicht nur ein neues Etikett für bekannte IT-Dienste sein. Es muss sich in einfacheren Prozessen, besser geschützten Daten und tatsächlich produktiveren Arbeitsabläufen beweisen.