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Der Spagat zwischen Verfügbarkeit und Kapitalbindung

Inventory Planning ist eine Kernfunktion moderner Supply Chains – und gleichzeitig eine der komplexesten. Für grössere, international tätige Unternehmen entscheidet die Qualität der Bestandsplanung direkt über Lieferfähigkeit, Kostenstruktur und letztlich auch über die Wettbewerbsfähigkeit. Zwischen steigenden Kundenerwartungen, volatilen Märkten und global verzweigten Lieferketten wird Inventory Planning zunehmend zu einer strategischen Disziplin.

Im Zentrum des Inventory Planning steht ein klassischer Zielkonflikt: Einerseits soll eine hohe Lieferfähigkeit sichergestellt werden, andererseits gilt es, Bestände und damit gebundenes Kapital möglichst gering zu halten.

© KI-generiertes Symbolbild
Vom operativen Thema zur strategischen Funktion

Während Bestandsplanung früher häufig als operative Aufgabe verstanden wurde, hat sich ihre Rolle deutlich verändert. Heute ist sie eng mit übergeordneten Unternehmenszielen verknüpft – etwa mit Wachstumsstrategien, Serviceversprechen oder Effizienzprogrammen. Grund dafür ist die zunehmende Vernetzung innerhalb der Supply Chain. Nachfrage, Produktion, Beschaffung und Distribution lassen sich nicht mehr isoliert betrachten. Inventory Planning fungiert dabei als verbindendes Element, das unterschiedliche Planungsdimensionen zusammenführt und ausbalanciert.

Komplexität durch globale Lieferketten

Mit der Internationalisierung steigen auch die Anforderungen an die Planung. Unterschiedliche Märkte, längere Transportwege, variierende Lieferzeiten und regionale Besonderheiten müssen gleichzeitig berücksichtigt werden. Zudem nehmen externe Einflussfaktoren zu: geopolitische Spannungen, schwankende Rohstoffpreise oder kurzfristige Nachfrageänderungen. Diese Dynamik erschwert die Prognosefähigkeit und erhöht den Bedarf an flexiblen Planungsmodellen. Unternehmen sind daher gefordert, ihre Planungssysteme so auszurichten, dass sie Unsicherheiten nicht eliminieren, sondern strukturiert handhabbar machen.

Zielkonflikt als strukturelles Element

Im Zentrum des Inventory Planning steht ein klassischer Zielkonflikt: Einerseits soll eine hohe Lieferfähigkeit sichergestellt werden, andererseits gilt es, Bestände und damit gebundenes Kapital möglichst gering zu halten. Dieser Zielkonflikt lässt sich nicht vollständig auflösen, sondern nur steuern. In der Praxis erfolgt dies über ein Zusammenspiel zentraler Kennzahlen wie Service Level, Bestandshöhe und Lagerumschlag. Entscheidend ist dabei nicht die Optimierung einzelner Grössen, sondern deren ausgewogenes Verhältnis. Einseitige Massnahmen – etwa eine reine Erhöhung der Sicherheitsbestände – führen zwar kurzfristig zu einer besseren Verfügbarkeit, verschlechtern jedoch die Kapitalbindung und Effizienz.

Rolle integrierter Planungssysteme

Moderne ERP- und Planungslösungen, etwa von SAP, bilden heute die technologische Grundlage für ein effektives Inventory Planning. Sie integrieren Daten aus verschiedenen Bereichen und ermöglichen eine durchgängige Sicht auf Nachfrage, Bestände und Lieferketten.

Ein zentraler Vorteil dieser Systeme liegt in der Fähigkeit, grosse Datenmengen zu verarbeiten und in konsistente Planungsmodelle zu überführen. Funktionen wie Echtzeit-Analysen, Simulationen oder Szenariovergleiche unterstützen Unternehmen dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Gleichzeitig verschiebt sich die Rolle der Planer: weg von manuellen Tätigkeiten hin zu analytischen und steuernden Aufgaben.

Datenqualität als kritischer Faktor

Mit der zunehmenden Digitalisierung rückt die Qualität der zugrunde liegenden Daten stärker in den Fokus. Inkonsistente Stammdaten, fehlerhafte Parameter oder unvollständige Informationen wirken sich unmittelbar auf die Planungsergebnisse aus. Gerade in komplexen Organisationen mit vielen Systemen und Schnittstellen stellt die Sicherstellung einer einheitlichen Datenbasis eine erhebliche Herausforderung dar. Ohne entsprechende Governance-Strukturen und klare Verantwortlichkeiten bleibt das Potenzial moderner Planungslösungen begrenzt.

Prozesse und Organisation im Fokus

Neben der Technologie spielen organisatorische Aspekte eine entscheidende Rolle. Klare Prozesse, definierte Rollen und eine abgestimmte Governance sind Voraussetzung für eine stabile und effiziente Planung. In der Praxis zeigt sich häufig, dass Schwächen im Inventory Planning weniger auf fehlende Tools zurückzuführen sind, sondern auf unklare Abläufe oder mangelnde Abstimmung zwischen den beteiligten Bereichen. Vertrieb, Produktion, Einkauf und Logistik müssen eng zusammenarbeiten, um konsistente Planungsgrundlagen zu schaffen.

Bereits 2019 wurde bei Bühler Group die Planung von Ersatz- und Verschleissteilen zentralisiert, um die Transparenz zu erhöhen und die Bestände global zu optimieren.

© Bühler Group

Inventory Planning bei Bühler: Transformation mit SAP IBP

Der Industriekonzern Bühler Group hat seine Bestandsplanung im Customer Service grundlegend neu ausgerichtet. Im Fokus stehen Ersatz- und Verschleissteile, die weltweit über ein Netzwerk von Service-Hubs und -Centern für rund 30’000 Artikel geplant werden. Bereits 2019 wurde die Planung zentralisiert, um Transparenz zu erhöhen und Bestände global zu optimieren.

Fabrizio Elsener, SAP Product Owner im Bereich IT & Processes bei der Bühler Group, sieht einen aktuellen Handlungsbedarf: «Früher war das Inventory Planning stark Excel-getrieben, mit hohem manuellem Aufwand, eher reaktiv und oft standortbezogen. Heute ist es, insbesondere durch SAP IBP, strukturierter, integrierter, effizienter und transparenter. Im Zentrum steht dabei das exception-based planning, also der gezielte Fokus auf Abweichungen und konkreten Handlungsbedarf. Durch ein integriertes Planungssystem sind gleichzeitig die Anforderungen an Datenqualität und Stammdatenkonsistenz deutlich gestiegen. Die Herausforderung der volatilen und unregelmässigen Nachfrage im Spare- und Wear-Parts-Business bleibt jedoch bestehen sowie die richtige Parametrisierung der Planungsmodelle. Hinzu kommt der ständige Balanceakt zwischen hoher Verfügbarkeit und tiefen Beständen.

Ausgangspunkt der Transformation war ein stark manuell geprägtes Setup mit Excel-basierten Prozessen, begrenzter Transparenz und eingeschränkter Skalierbarkeit. Mit wachsendem Portfolio stiess dieses Modell zunehmend an Grenzen – insbesondere bei der Reaktionsfähigkeit auf volatile Nachfrage und bei der Abstimmung zwischen Standorten. Mit der Einführung von SAP Integrated Business Planning (IBP) verfolgte Bühler das Ziel, Planung transparenter, skalierbarer und stärker simulationsgestützt zu gestalten. Für Fabrizio Elsener muss dabei das Gesamtkonstrukt stimmen: «Wenn Prozesse nicht sauber definiert sind, Stammdaten nicht stimmen, Rollen unklar sind oder die Governance fehlt, wird Bestandsmanagement automatisch aufwendig und instabil, selbst mit einem guten System.»

Ein zentrales Element ist dabei die integrierte Sicht auf Bestände und Nachfrage sowie die Möglichkeit, Szenarien und KPIs in Echtzeit zu analysieren. Gemäss Elsener sind die wichtigsten KPIs bzw. Parameter, um ein erfolgreiches Inventory Planning zu messen, die Verfügbarkeit bzw. der Service Level, die Bestandsentwicklung und der Stock Turn. Diese Kombination hält er für am besten geeignet, um die Verbesserung der Lieferfähigkeit zu zeigen, ohne gleichzeitig unnötig Bestand aufzubauen.

Die Umsetzung erfolgte schrittweise und wurde nach ersten Erfahrungen pragmatisch angepasst. Der Fokus wurde bewusst auf Demand- und Inventory-Planung gelegt, während andere Module zurückgestellt wurden. Parallel dazu wurde die Komplexität reduziert, etwa durch Segmentierung der Artikel und eine stärkere Fokussierung auf relevante Planungsbereiche. Auf die Frage nach seinen gemachten Erfahrungen erklärt Fabrizio Elsener: «Meine wichtigsten Learnings waren, dass im Customer Service die Planungslogiken auf die spezifischen Order Patterns der unregelmässigen Nachfrage im Spare-Parts-Bereich ausgerichtet werden müssen. Entscheidend sind dabei Segmentierung, eine gute Usability und ein pragmatischer Scope. Weniger Komplexität schafft oft mehr Mehrwert. Zudem habe ich gesehen, dass starkes Business Ownership, klare Anforderungen sowie saubere Prozesse, Daten und Governance mindestens so wichtig sind wie das Tool selbst.»

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