«Eine Idee allein reicht nicht»
Interview mit Eliano Ramelli und Thomas Köberl
Die Geschichte startet vor 40 Jahren in St. Gallen. Ohne Geld, aber mit vielen Ideen beginnen drei Studienabgänger Software zu entwickeln. Inzwischen ist aus der einstigen Studentenbude ein IT-Campus der Superlative geworden. Wie alles begann, welche Zufälle den Verlauf prägten und warum man heute immer noch erfolgreich unterwegs ist, erzählen Eliano Ramelli und Thomas Köberl, zwei der drei Gründer der wohl unglaublichsten Geschichte, welche die Digitalisierung in der Schweiz geschrieben hat.
Computerworld: Eliano und Thomas, ich freue mich, dass wir uns duzen dürfen und dass ihr euch extra Zeit genommen habt. Wir schreiben heute das Jahr 2025. Lasst uns nochmal zurückgehen ins 1985. Wie ist die Idee der Gründung von Abacus damals entstanden und was waren die ersten Schritte dazu?
Eliano Ramelli: Ich habe gerade letztens wieder darüber nachgedacht. Eigentlich müssen wir bis ins Jahr 1973 zurückgehen. Damals habe ich Claudio in der Schule kennengelernt. Wir waren die beiden einzigen italienisch sprechenden Tessiner in Sarnen und daher dauernd zusammen. Das blieb auch in den folgenden Schulen so, welche wir gemeinsam besuchten. Am Schluss haben wir uns zusammen an der Universität St. Gallen eingeschrieben. Dort haben wir dann auch Thomas Köberl kennengelernt. Aber zurück zu Abacus: Ich glaube, so etwas kann man nur starten, wenn man sich sehr gut kennt und jeder seine Stärken einbringt. Wären wir ganz normale Studenten gewesen, wäre es vermutlich nie zur Gründung von Abacus gekommen.
CW: Mit dem guten Willen allein ist es aber noch nicht gemacht, oder?
Eliano: Nein, eine Idee allein reicht nicht, auch wenn sie noch so gut ist. Wir wollten sie auch umsetzen und hatten das Glück, dass mein Schwager uns den ersten Computer finanziert hat. Die Anschaffung belief sich damals auf rund zwanzigtausend Franken. Der Deal war dann, dass wir für ihn ein paar Programme schreiben sollten. Das war gleichzeitig auch unser Ansporn, uns intensiv mit Computer und Software zu beschäftigen. Nach dem Studium kam dann die Frage: Was machen wir nun? Mein Plan war es eigentlich, in den USA Erfahrungen zu sammeln und Geld zu verdienen.
CW: Dazu ist es aber offenbar nicht gekommen, sonst gäbe es Abacus heute vermutlich nicht. Wer hatte die Idee, eine Softwarefirma zu gründen?
Eliano: Schon erstaunlich, wie ein kleiner Zufall, dem Leben eine ganz andere Richtung geben kann, oder? Also, die Geschichte war dann die: Claudio kam plötzlich mit der Anfrage der Firma, wo er arbeitete, ob wir für diese nicht ein paar Programme schreiben könnten. Eines davon sollte eine einfache Finanzbuchhaltung sein. Das hat uns so viel Spass gemacht, dass wir damit weitermachen wollten. Allerdings warnten uns damals nicht wenige Leute, die Finger davon zu lassen. Es gäbe schon zu viele solcher Programme, meinten sie. Und das vor über vierzig Jahren! Zum Glück haben wir nicht auf sie gehört. Wir hatten ein Studium hinter uns und was noch mehr zählte: Wir wussten wie ein Buchhalter denkt und was man in der Buchhaltung erwartet.
CW: Damit ging es schon langsam in Richtung Abacus, oder?
Eliano: Soweit dachten wir damals noch gar nicht. Per Zufall machte uns ein Bekannter von Claudio auf die Programmiersprache Dataflex aufmerksam. Dataflex gehörte damals schon zu der vierten Generation und war also sehr fortschrittlich. Damit konnten auch weniger begabte Programmierer Software entwickeln (lacht). Wir konnten uns damit mehr auf das Fachliche konzentrieren und unser Wissen umsetzen. Neue Ideen liessen wir direkt in die Software einfliessen. Vielleicht waren wir nicht die grössten Entwickler-Genies, aber wir wussten, was man in der Buchhaltung erwartete. Das führte dazu, dass wir 1984 die ersten Programme verkaufen konnten.
CW: Wenn ich das richtig verstehe, bestand das Duo zuerst aus dir und Claudio. Wann kamst dann du, Thomas, ins Spiel?
Thomas Köberl: Ich bin nach dem Studium nach Frankreich, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Als mich Claudio und Eliano anfragten, ob ich bei ihnen einsteigen wollte, war ich dabei, denn Claudio konnte uns damals schon mit seinen Visionen begeistern. Da ich aber nicht genau wusste, worauf ich mich da einliess, sagte ich nur mal für ein Jahr zu.
CW: Könnte man eure Rollenaufteilung so interpretieren, dass Claudio die Visionen entwickelt hat und ihr beide für die Umsetzung zuständig gewesen seid?
Thomas: Es geht ein bisschen in diese Richtung. Claudio sagt auch heute noch oft, dass er für die Luftschlösser zuständig sei und wir für deren Verankerung am Boden. Spass beiseite, was uns alle verbindet ist die Begeisterung und die Faszination für IT. Das ist bis heute so. Damals waren wir glücklich, dass wir unsere Diplomarbeit auf einem Apple-Rechner schreiben durften und nicht, wie damals noch üblich, auf einer Schreibmaschine.