«Digitalisierung ist ein Lernprozesss»
Interview mit Christian Keller
Die Berge haben es ihm angetan, aber auch die digitale Transformation. Christian Keller ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von IBM Schweiz. Kaum jemand kennt die DNA von «Big Blue» besser als er. Keller plädiert für Offenheit und Kooperation, appelliert aber auch an soziale Verantwortung und kritisches Hinterfragen neuer Technologien. Entscheidend dafür sei das Investieren in Bildung und Forschung. Eine Forderung, welche IBM mit dem Research Lab in Rüschlikon vorbildlich erfüllt.
Computerworld (CW): IBM wurde 1911 in New York gegründet und ist seit 1927 in Zürich und seit 1956 hier in der Forschung tätig. IBM hat eine starke geschichtliche Verbindung mit der Schweiz. Wie fühlt sich das heute an? Spürt man da noch Altlasten oder ist das eher zukunftsorientiert?
Christian Keller: Ganz klar zukunftsorientiert. Man kann nur von Zukunft sprechen, wenn man weiss, wo man herkommt. Unsere Geschichte ist für uns keine Altlast, sondern eine wertvolle Grundlage. Wir sind das einzige IT-Unternehmen, das seit fast 100 Jahren in der Schweiz präsent ist. Diese Historie hat uns immer wieder die Chance gegeben, uns neu zu erfinden. Unser Markenname wurde nie auf ein einziges Produkt fixiert, sondern steht für Technologie und Mehrwert in der Geschäftswelt. Diese Flexibilität hat es uns ermöglicht, uns kontinuierlich weiterzuentwickeln und immer wieder neue Technologien und Innovationen hervorzubringen.
Ein Beispiel dafür ist unsere aktuelle Arbeit an Quantencomputern und künstlicher Intelligenz. Unsere lange Geschichte in der Schweiz, besonders in der Forschung und Entwicklung, gibt uns eine starke Basis, auf der wir aufbauen können. Die Schweiz bietet uns dafür ein ideales Umfeld: eine hervorragende Forschungslandschaft, hochqualifizierte Talente und eine Kultur der Innovation. Das gibt uns die nötige Kraft und Inspiration, um uns auch in Zukunft erfolgreich zu behaupten.
CW: Ist es eher ein Vorteil oder ein Nachteil, so ein traditionsreiches Unternehmen zu sein? Speziell im Vergleich mit Startups?
Keller: Es hat definitiv zwei Seiten, und ich würde sagen, es ist sowohl ein Vorteil als auch eine Herausforderung. Auf der einen Seite haben wir als traditionsreiches Unternehmen viele Technologiezyklen durchlebt. Wir verstehen, wie Technologien reifen und wie Hypes sich entwickeln – angefangen von einer anfänglichen Euphorie über eine Phase der Ernüchterung bis hin zur tatsächlichen Wertschöpfung. Diese Erfahrung erlaubt es uns, neue Technologien realistischer zu bewerten und fundiertere Entscheidungen zu treffen.