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Lesedauer 5 Min.

Wie KI die Beratung neu definiert

KI verändert die Beratung grundlegend: Standardisierte Aufgaben werden automatisiert, während menschliches Urteilsvermögen, Kontextverständnis und Verantwortung immer wichtiger werden. Richtig eingesetzt ermöglicht KI schnellere, fundiertere Entscheidungen und schafft messbaren Geschäftswert.

Ähnlich wie beim Schach lassen sich in der Beratung dank KI verschiedene Szenarien vorauszudenken.

© Shutterstock/Yellow duck

Künstliche Intelligenz stellt die Consultingbranche auf den Kopf: Sie beschleunigt Analysen, verändert Geschäftsmodelle und definiert die Rolle der Beratenden neu.

Consulting und die KI-Transformation

Die Consultingbranche gehört zu den Wirtschaftszweigen, die von KI besonders stark betroffen sind. Der Grund liegt in ihrem Kern: Beratung bündelt Wissen, strukturiert Informationen, entwickelt Entscheidungsgrundlagen und übersetzt komplexe Fragestellungen in konkrete Handlungsempfehlungen. Genau in diesen Bereichen entwickeln sich generative und agentische KI-Systeme mit hoher Geschwindigkeit weiter. Sie können grosse Datenmengen analysieren, Inhalte erstellen, Muster erkennen, Szenarien simulieren und zunehmend auch mehrstufige Aufgaben eigenständig ausführen.

Damit geraten traditionelle Beratungsmodelle unter Druck. Projekte, die früher grosse Teams und zahlreiche manuelle Arbeitsstunden erforderten, können künftig von kleineren, interdisziplinären und KI-gestützten Teams bearbeitet werden. Dadurch wird die klassische, pyramidenförmige Organisation mit vielen Mitarbeitenden auf ausführenden Ebenen neu gedacht. Ebenso verliert die reine Abrechnung nach Zeit an Aussagekraft: Wenn KI in wenigen Minuten Ergebnisse liefert, für die früher Tage nötig waren, zählt nicht mehr der geleistete Aufwand, sondern der erzielte Mehrwert.

Beratung in neuen Dimensionen

Die entscheidende Entwicklung reicht jedoch weit über reine Effizienzgewinne hinaus. KI erledigt bestehende Aufgaben nicht nur schneller und kostengünstiger, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten: Unternehmen können Fragestellungen bearbeiten, die bislang zu komplex, zu teuer oder zu aufwendig waren. Wenn Fachwissen mit KI verbunden und zusätzlich mit anderem Wissen verknüpft wird, entstehen neue Erkenntnisse. Unternehmen können Fragen stellen, Zusammenhänge erkennen, die zuvor verborgen blieben, und Entscheidungen auf einer breiteren Informationsbasis treffen.

Eine anschauliche Parallele liefert der Schachsport. Als der Computer Deep Blue 1997 Garry Kasparow besiegte, sahen viele darin das Ende des menschlichen Schachs. Tatsächlich entstand ein neues Zusammenspiel: Mensch und Maschine spielten gemeinsam und erreichten ein höheres Niveau. Dieses Prinzip lässt sich auf die Beratung übertragen: Wo eindeutige Regeln gelten und wenig Interpretationsspielraum besteht, wird die Maschine zunehmend die Ausführung übernehmen. Wo Ambiguität, Verantwortung, Vertrauen und Geschäftsverständnis gefragt sind, bleibt der Mensch unverzichtbar.

Das verändert die Rolle von Beraterinnen und Beratern. Sie werden weniger Zeit mit Vorarbeiten verbringen und stärker als Orchestratoren, Sparringspartner und verantwortliche Entscheider wirken. Ihre Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen, KI-generierte Ergebnisse kritisch einzuordnen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und Empfehlungen in den konkreten Unternehmenskontext zu übersetzen. Gerade weil KI schneller handelt und mehr Entscheidungen vorbereitet, werden Qualität, Nachvollziehbarkeit und Verantwortungsübernahme wichtiger.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für Kunden eröffnet sich ein doppelter Vorteil. Einerseits wird Beratung schneller, fokussierter und noch stärker datenbasiert. Gleichzeitig vervielfacht KI nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch potenzielle Risiken. Ein wichtiger Vorteil ist, dass verschiedene Szenarien – ähnlich wie beim Schach – durchdacht werden können.

KI kann Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, Hypothesen prüfen und Entscheidungsoptionen in kurzer Zeit sichtbar machen. Darüber hinaus ermöglicht sie es, unterschiedliche Szenarien systematisch durchzudenken und deren Konsequenzen vorauszudenken, ähnlich wie ein Schachspieler mehrere Züge im Voraus analysiert. Dadurch lassen sich Handlungsoptionen bewerten, Risiken frühzeitig erkennen und fundiertere Entscheidungen treffen. Die Verbindung von Markt-, Kunden- und Unternehmensdaten schafft dabei neue Erkenntnisse, die bislang nur mit erheblichem Aufwand oder gar nicht zugänglich waren.

Um dies zu erreichen, sollte nicht die Technologie als Ausgangspunkt genommen werden, sondern der Geschäftswert. Führungsteams müssen klären, wo KI strategisch relevante Wirkung entfalten kann, welche Initiativen Priorität haben, ob erfolgreiche Lösungen skalierbar sind und wie ihr Beitrag dauerhaft gemessen wird. Nutzungszahlen oder eingesparte Stunden reichen dafür nicht aus. In wachsenden Unternehmen zeigt sich der Nutzen möglicherweise nicht in geringeren Kosten, sondern in höherer Kapazität, schnellerer Umsetzung, besserer Qualität oder zusätzlichem Umsatz bei gleichen Ressourcen.

Doch mit KI skalieren nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Werden fehlerhafte Daten, unklare Zuständigkeiten oder ungeeignete Prozesse automatisiert, skaliert die Technologie diese Schwächen mit. Vertrauen ist deshalb keine nachgelagerte Compliance-Aufgabe, sondern die strategische Voraussetzung für eine schnelle, sichere und langfristig akzeptierte Nutzung von KI. 
Dafür braucht es klare Governance, verlässliche Daten, nachvollziehbare Modelle, wirksame Sicherheitsmechanismen und eindeutig geregelte menschliche Verantwortung.

Der Wettbewerbsvorteil liegt in der Umsetzung

Der entscheidende Erfolgsfaktor ist nicht die Technologie selbst, sondern die Verbindung von KI und organisationsspezifischem Wissen. Dadurch entstehen bessere Insights, schnellere Entscheidungen und messbarer Geschäftswert. Für die Consultingbranche beginnt damit kein Rückzug, sondern ein neues Spiel. Beratung wird technologischer und zugleich menschlicher: weniger geprägt von manueller Wissensarbeit, stärker von Urteilsvermögen und Wirkung. Gleichzeitig eröffnen sich neue Beratungsmodelle, mit denen Unternehmen Innovationen schneller umsetzen und ihre Wettbewerbsfähigkeit gezielt stärken können. 

Der Autor

Christian Westermann
Als Partner und AI Leader bei PwC Schweiz gehört Dr. Christian Westermann zu den führenden Experten für die erfolg­reiche Umsetzung von AI- und GenKI-Trans­forma­tionen in Unter­nehmen.

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