Die ICT-Fachkräfte der Zukunft
Berufsfeld Informatik
Wer heute eine Informatiklehre beginnt, schliesst sie 2030 ab. Welche Tools dann zum Arbeitsalltag gehören, weiss niemand. Sicher ist nur: Viele existieren heute noch gar nicht. Schon jetzt schreibt generative KI Code, sucht Fehler, erstellt Dokumentationen, analysiert Daten und schlägt Lösungen vor. Das betrifft ausgerechnet jene Arbeiten, mit denen viele ICT-Karrieren begonnen haben. Kleine Programmieraufgaben, Testing, Dokumentation, Datenaufbereitung: Arbeiten, an denen Juniorinnen und Junioren das Handwerk lernen konnten. Wenn das künftig die KI macht, stellt sich eine unbequeme Frage: Woran sollen Berufseinsteigende künftig das Handwerk lernen?
Die naheliegende Reaktion wäre, weniger Nachwuchskräfte auszubilden. Wenn dank KI weniger Mitarbeitende benötigt werden, scheint das zunächst plausibel. Und für die nächsten Quartalszahlen
mag es auch attraktiv sein, langfristig ist es ein teurer Irrtum.
KI kann programmieren. Verstehen muss es trotzdem jemand.
Einen ganzen ICT-Beruf «wegzuautomatisieren», ist eine seltsame Vorstellung. Berufe bestehen aus unterschiedlichsten Tätigkeiten – und KI greift nicht alle gleichermassen an. Ein Entwickler muss künftig vielleicht weniger Code selbst schreiben. Dafür muss er umso besser erkennen, ob der generierte Code brauchbar ist.
Wer KI-Agenten einsetzt, muss verstehen, welche Prozesse sie übernehmen, auf welche Daten sie zugreifen und was passiert, wenn sie falsch liegen. Und wer Technologie in einem Unternehmen einführt, braucht mehr als einen guten Prompt. Forschende der Hochschule Luzern sprechen beispielsweise davon, dass KI den Gestaltungsraum in der Informatik erweitert. Das technische Fundament verliert dadurch nicht an Bedeutung. Im Gegenteil: Wer ein Resultat beurteilen will, muss verstehen, wie es zustande kommt. KI liefert auch dann eine überzeugend klingende Antwort, wenn der Mensch selbst nicht in der Lage wäre, sie zu erarbeiten. Das ist bequem. Und gefährlich. Wer nur noch generiert, ohne zu verstehen, verliert irgendwann die Fähigkeit zu beurteilen. Das Risiko heisst Jobverlust, aber auch Kompetenzverlust durch KI.
Der Fachkräftemangel löst sich nicht per Prompt
Die Hoffnung, KI werde den Schweizer Fachkräftemangel einfach wegautomatisieren, dürfte sich kaum erfüllen. Die von ICT-Berufsbildung Schweiz in Auftrag gegebene Bedarfsprognose rechnet bis 2033 mit einem Bedarf von über 120’000 zusätzlichen ICT-Fachkräften. Trotz neuer Bildungsabschlüsse und Zuwanderung verbleibt im Referenzszenario ein zusätzlicher Bildungsbedarf von fast 55’000 Personen.
Möglicherweise macht KI solche Prognosen künftig unsicherer. Mit der steigenden Produktivität und den veränderten Aufgaben verschieben sich Profile. Gleichzeitig wird ICT-Kompetenz in immer mehr Branchen relevant. Auch Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen, Spitäler, Verwaltungen, Energieversorger und KMU arbeiten mit Daten und entwickeln digitale Produkte und Prozesse.
Mit KI sinkt die Eintrittsschwelle weiter. Plötzlich kann ein kleines Team Dinge entwickeln, für die vor wenigen Jahren eine ganze Abteilung nötig gewesen wäre. Dadurch entsteht nicht zwangsläufig weniger Arbeit, es entsteht andere Arbeit.
Das Junior-Paradox
Für Unternehmen entsteht daraus eine Herausforderung, über die erstaunlich wenig gesprochen wird. Nehmen wir an, KI übernimmt einen grossen Teil der einfachen Entwicklungs-, Testing- und Dokumentationsarbeiten. Unternehmen brauchen weniger Juniors und stellen entsprechend weniger ein.
Fünf oder zehn Jahre später suchen dieselben Unternehmen erfahrene Software Engineers, Cybersecurity-Spezialistinnen, ICT-Architekten und Projektleiterinnen. Woher sollen sie kommen? Niemand steigt als Senior ins Berufsleben ein. Erfahrung lässt sich nicht prompten. Sie entsteht, wenn Menschen reale Probleme lösen, Fehler machen, Rückmeldungen erhalten, Entscheidungen treffen und nach und nach mehr Verantwortung übernehmen.
Das ist das Junior-Paradox der KI: Ausgerechnet die Technologie, die den Fachkräftemangel kurzfristig entschärfen könnte, kann ihn langfristig verschärfen, wenn Unternehmen den Berufseinstieg wegrationalisieren. Für Lehrbetriebe ist das besonders relevant. Lernende sind nicht einfach zusätzliche Hände für jene Aufgaben, die sonst niemand erledigen will. Dieses Verständnis von Ausbildung war schon bisher zu kurz gegriffen. Mit KI funktioniert es endgültig nicht mehr. Wenn einfache Aufgaben automatisiert werden, braucht es anspruchsvollere Aufgaben für Lernende.
Der Nachwuchs glaubt an die ICT
Die Sorge, dass junge Menschen angesichts von KI das Interesse an ICT-Berufen verlieren, bestätigt sich nicht. Die aktuelle Lehrabgänger/-innen-Befragung von ICT-Berufsbildung Schweiz zeigt vielmehr eine hohe Zufriedenheit mit der Berufswahl. Die jungen Berufsleute erleben die ICT als vielseitiges Berufsfeld mit guten Entwicklungsmöglichkeiten – und viele wollen sich nach der Lehre in diesem Feld weiterbilden. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Lehrbetriebe. Sie sind der Ort, an dem aus Wissen berufliche Kompetenz wird. Gerade in einer Branche, die sich durch KI rasant verändert, ist diese Nähe zur Praxis entscheidend. Die Ausgangslage ist also durchaus positiv. Die schwierigere Frage richtet sich an das Bildungssystem: Wie hält eine Ausbildung mit einem Berufsfeld Schritt, dessen Technologien sich schneller verändern als seine formalen Grundlagen?
Eine Bildungsverordnung kann kein Software-Update sein. Genau hier liegt ein strukturelles Problem. Technologien entwickeln sich teilweise innerhalb weniger Monate. Eine Bildungsverordnung kann diesem Rhythmus nicht folgen – und sollte es auch nicht. Eine Informatiklehre darf nicht zur Produktschulung für das gerade populärste KI-Tool werden. Was Lernende heute lernen, muss auch dann noch relevant sein, wenn sich die technologische Oberfläche längst verändert hat.
Welche Fähigkeiten morgen verfügbar sind, bestimmen wir heute.
ICT-BerufsbildungDeshalb braucht es ein stabiles Fundament: Systeme verstehen, Daten beurteilen, Sicherheit mitdenken, mit anderen Fachrichtungen zusammenarbeiten und Entscheidungen begründen. Jedoch muss die Berufsbildung dort schneller werden, wo sich konkrete Anforderungen der Arbeitswelt verändern. Bisher wird Berufsentwicklung stark in Revisionen gedacht. Ändert sich ein Berufsbild, werden Bildungsverordnung, Bildungsplan und Ausbildungsinhalte überprüft und angepasst. Das schafft Verlässlichkeit und Qualität, braucht aber Zeit. In einem dynamischen Berufsfeld wie der ICT entsteht dadurch ein Dilemma: Wartet man zu lange, läuft die Ausbildung dem Arbeitsmarkt hinterher. Passt man ständig alles an, verlieren Lehrbetriebe, Berufsfachschulen und überbetriebliche Kurse die notwendige Stabilität.
Berufsbildung im «Start-up-Modus»
Die Antwort könnte darin liegen, nicht mehr jede Veränderung gleich zu behandeln. ICT-Berufsbildung Schweiz arbeitet deshalb an einem Modell mit unterschiedlichen Anpassungsebenen. Verändert sich ein Beruf grundlegend, braucht es weiterhin eine umfassende Revision von Bildungsverordnung und Bildungsplan. Verschieben sich nur einzelne Kompetenzbereiche, genügt eine partielle Anpassung. Und betrifft eine Veränderung lediglich einzelne Ausbildungsinhalte, sollen beispielsweise Module gezielt angepasst werden können – ohne deshalb das gesamte Berufsbild neu aufzurollen. Dieses Vorgehen soll bei der nächsten Revision Informatiker/in EFZ erstmals so umgesetzt werden.
Die Logik erinnert an die Softwareentwicklung: Nicht für jede neue Funktion wird das ganze System neu gebaut. Man prüft, wo eine Anpassung notwendig ist, testet sie und entwickelt weiter. Dieser «Start-up-Modus» lässt die Berufsbildung früh ausprobieren, aus der Praxis lernen und wenn nötig nachjustieren – statt jahrelang auf die vermeintlich perfekte Lösung hinzuarbeiten. Das bedeutet nicht, Qualitätsstandards über Bord zu werfen. Die Herausforderung besteht darin, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit miteinander zu verbinden. Eine vierjährige Lehre braucht Stabilität. Aber sie braucht keine vier Jahre Stillstand. Dafür muss auch die Wirtschaft stärker mitwirken. Berufsentwicklung kann nur schneller werden, wenn Unternehmen, Verbände und Bildungsinstitutionen nicht erst bei einer grossen Revision miteinander sprechen. Der Austausch über neue Kompetenzanforderungen muss kontinuierlich stattfinden. Wer morgen Fachkräfte mit bestimmten Fähigkeiten sucht, sollte heute sagen, welche Fähigkeiten das sind.
Weniger Nachwuchs ist die falsche Antwort
Die ICT-Fachkraft der Zukunft wird also nicht einfach weniger gebraucht – sie wird anders arbeiten, anders lernen und sich während ihres Berufslebens immer wieder neue Kompetenzen aneignen. Damit verschiebt sich auch die Verantwortung: Unternehmen müssen Berufseinsteigenden weiterhin den Raum geben, Erfahrung aufzubauen, während die Berufsbildung schneller auf Veränderungen reagieren muss. Wie weit dieser Wandel gehen soll und warum dabei auch bisherige Strukturen infrage gestellt werden müssen, erklärt Marc Marthaler, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz, im Interview.
ICT-Berufsbildung Schweiz ist die nationale Organisation der Arbeitswelt für ICT-Berufe. Sie entwickelt Berufsbilder, fördert den Nachwuchs und stärkt die Aus- und Weiterbildung. www.ict-berufsbildung.ch