Digitalpolitik ist Standortpolitik
Interview mit Jon Fanzun, Swico
Die Schweizer ICT- und Digitalbranche bleibt eine zentrale Treiberin von Innovation, Produktivität und wirtschaftlicher Transformation. Gleichzeitig wird ihr Umfeld anspruchsvoller: geopolitische Spannungen, handelspolitische Unsicherheit, technologische Abhängigkeiten und eine wachsende Regulierungsdichte wirken auf Investitionsentscheide. Für Jon Fanzun, CEO von Swico, ist deshalb klar: Digitalpolitik ist längst keine Spezialdisziplin mehr. Sie ist Infrastruktur-, Wirtschafts-, Sicherheits- und Standortpolitik zugleich.
Computerworld: Jon Fanzun, wie beurteilen Sie die Lage der Schweizer ICT- und Digitalbranche?
Jon Fanzun: Die Branche ist robust unterwegs, aber sie bewegt sich in einem deutlich anspruchsvolleren Umfeld als noch vor wenigen Jahren. Viele Unternehmen investieren in Cloud, Cybersecurity, Dateninfrastrukturen und künstliche Intelligenz. Gleichzeitig schlagen geopolitische Spannungen, handelspolitische Unsicherheiten, steigende Technologiekosten und eine schwächere Konjunktur auch auf die Digitalwirtschaft durch.
CW: Was bedeutet das?
Fanzun: Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob die Branche heute wächst. Entscheidend ist, ob die Schweiz die Voraussetzungen schafft, damit hier auch morgen investiert, entwickelt und skaliert wird. Dazu gehört der Zugang zu internationalen Märkten, leistungsfähige Infrastrukturen, qualifizierte Fachkräfte, verlässliche Regeln und ein innovationsfähiger Staat.
CW: Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?
Fanzun: Die Schweiz behandelt Digitalisierung noch zu oft als eine Reihe einzelner technischer Dossiers. Tatsächlich hängen KI-Regulierung, Cloud-Infrastruktur, Cybersicherheit, Datenpolitik, Energieversorgung, Fachkräfte und internationale Marktanbindung eng zusammen. Wir brauchen eine kohärentere digitale Standortpolitik. Eine neue Vorschrift sollte nicht isoliert danach beurteilt werden, ob ihr Ziel grundsätzlich unterstützenswert ist. Man muss auch fragen: Ist sie wirksam? Ist sie vollziehbar? Ist sie international anschlussfähig?
CW: Swico warnt regelmässig vor Überregulierung. Ist das nicht vorhersehbar für einen Wirtschaftsverband?
Fanzun: Wenn wir lediglich weniger Regulierung fordern würden, wäre die Kritik berechtigt. Unsere Position ist differenzierter. Die Digitalwirtschaft braucht Regeln. Ohne Datenschutz, Cybersicherheit, funktionierenden Wettbewerb und verlässliche Partner entsteht kein Vertrauen. Aber Regulierung muss ein konkretes Problem lösen, technologieneutral formuliert, risikobasiert und praktisch umsetzbar sein. Sie sollte bestehendes Recht nutzen, bevor neue Strukturen geschaffen werden. Schweizer Unternehmen sind in europäischen und globalen Märkten tätig. Wir wenden uns gegen Vorgaben, die hohe Kosten verursachen, ohne einen entsprechenden Gewinn zu erzielen, sowie gegen Schweizer Sonderregeln.
CW: Was bedeutet das konkret bei der künstlichen Intelligenz?
Fanzun: Da geht es nicht mehr primär um die Frage, ob KI reguliert werden soll. Es geht darum, welche Risiken eine zusätzliche Regulierung betrifft und wie sie mit bestehendem Recht zusammenspielt. Vieles ist bereits heute rechtlich geregelt, etwa durch Datenschutz-, Haftungs-, Straf-, Wettbewerbs- oder Arbeitsrecht. Wir müssen Lücken identifizieren und schliessen. KI ist nicht einfach eine weitere Softwarekategorie. Sie verändert Wissensarbeit, Produkte, Unternehmensprozesse und ganze Wertschöpfungsketten. Für die Schweizer Digitalwirtschaft liegen Chancen nicht nur in der Entwicklung grosser Basismodelle. Sie liegen vor allem in sicheren Anwendungen, branchenspezifischen Lösungen, hochwertiger Datenintegration und der Verbindung von KI mit industriellem, medizinischem, finanziellem oder verwaltungsbezogenem Fachwissen.
CW: Hat die Schweiz im internationalen KI-Wettbewerb überhaupt eine Chance?
Fanzun: Ja, wenn wir unsere Stärken richtig einsetzen. Die Schweiz wird den Wettbewerb um die kapitalintensivsten Basismodelle nicht über Grösse gewinnen. Sie verfügt aber über starke Hochschulen, spezialisierte Unternehmen sowie ein hohes Vertrauen in Institutionen. Unsere Chance liegt in der Qualität und in der Spezialisierung: verlässliche KI für konkrete Anwendungen, sichere Infrastrukturen und Lösungen für Branchen, in denen Präzision, Nachvollziehbarkeit und Fachwissen entscheidend sind. Dafür müssen Unternehmen Zugang zu Rechenleistung, Daten, Talenten und internationalen Märkten haben. Sonst riskieren wir, dass Wertschöpfung, Kompetenzen und Investitionen schrittweise an andere Standorte verlagert werden.
Swico: Die Stimme der Schweizer Digitalwirtschaft
Swico ist der Wirtschaftsverband der Schweizer ICT- und Online-Branche. Der Verband vertritt Unternehmen entlang der digitalen Wertschöpfungskette, bringt ihre Expertise in politische und regulatorische Prozesse ein und schafft Plattformen für den fachlichen Austausch.
- Politische Wirkung: Swico analysiert Geschäfte, entwickelt gemeinsam mit Mitgliedern Positionen und bringt technologische sowie unternehmerische Praxis in die politische Debatte ein.
- Orientierung und Vernetzung: In Fachgremien, Veranstaltungen und Publikationen werden technologische, regulatorische und wirtschaftliche Entwicklungen früh erkannt, eingeordnet und für die Branche nutzbar gemacht.
- Konkrete Branchenlösungen: Mit Rechtsberatung, Arbeitssicherheit, Modellverträgen, Branchenwissen und Swico Recycling bietet der Verband Leistungen, die Unternehmen im Alltag direkt unterstützen.
Jon Fanzun: «Cybersicherheit ist Voraussetzung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit.»
SwicoCW: Wie verändert KI den Arbeitsmarkt der ICT-Branche?
Fanzun: Die Lage ist etwas komplexer als die Erzählung vom permanenten Fachkräftemangel. In einzelnen Bereichen ist der Arbeitsmarkt weniger angespannt, gleichzeitig bleibt der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften gross, KI verändert auch Rollenprofile. Gefragt sind nicht nur zusätzliche KI-Spezialistinnen und -Spezialisten. Unternehmen benötigen Menschen, die Prozesse neu gestalten, Datenqualität beurteilen, Modelle in bestehende Systeme integrieren und Verantwortung für deren Einsatz übernehmen können.
CW: Welche Bedeutung hat die digitale Souveränität?
Fanzun: Digitale Souveränität bedeutet Handlungsfähigkeit, nicht Autarkie. Die Schweiz muss ihre kritischen Abhängigkeiten kennen und in der Lage sein, bei Störungen, politischen Konflikten oder Anbieterwechseln weiter zu funktionieren. Daraus folgt aber nicht, dass der Staat möglichst viele Technologien selbst bauen oder internationale Anbieter grundsätzlich ersetzen sollte. Souverän ist, wer Wahlmöglichkeiten hat, Risiken bewusst steuert, Daten und Anwendungen übertragen kann und über eigene Kompetenzen verfügt. Dazu gehören offene Standards, Interoperabilität, Exit-Szenarien, belastbare Lieferketten und ein realistisches Verständnis davon, welche Leistungen kritisch sind.
CW: Wie lassen sich Cybersicherheit und Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbinden?
Fanzun: Cybersicherheit ist heute eine Voraussetzung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Klare Sicherheitsanforderungen können Vertrauen schaffen und den Markt stärken. Problematisch wird es, wenn Unternehmen mit mehreren, teilweise überlappenden Melde-, Dokumentations- und Nachweispflichten konfrontiert werden. Die Schweiz sollte ihre Vorgaben deshalb eng mit den internationalen Entwicklungen koordinieren. Oder anders gesagt: Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass derselbe Vorfall an mehrere Stellen in verschiedenen Formaten gemeldet werden muss.
CW: Was erwarten Sie vom Staat als digitalem Akteur?
Fanzun: Der Staat darf die Digitalisierung nicht nur regulieren, er muss sie auch vorleben. Digitale Identitäten, vernetzte Register und durchgängig digitale Behördendienstleistungen können den administrativen Aufwand für Bevölkerung und Unternehmen erheblich reduzieren. Bei KI und Cybersicherheit braucht es eine Regulierung mit Augenmass: technologieneutral, risikobasiert und international anschlussfähig. Die Schweiz sollte auf bewährte internationale Standards setzen und digitale Alleingänge vermeiden. Nur so lassen sich Innovation, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig stärken.
CW: Warum braucht es dafür Swico?
Fanzun: Politische Entscheide greifen heute immer häufiger tief in technische Architekturen und Geschäftsmodelle ein. Politik braucht deshalb belastbare Expertise aus der Praxis. Umgekehrt brauchen Unternehmen eine Organisation, die politische Entwicklungen früh erkennt, einordnet und in konkrete Handlungsoptionen übersetzt. Swico vereint Unternehmen aus unterschiedlichen Teilen der ICT- und Online-Wirtschaft. Wir bringen ihre technische, wirtschaftliche und regulatorische Erfahrung in den politischen Prozess ein. Wir erarbeiten Positionen nicht im luftleeren Raum, sondern gemeinsam mit Fachleuten aus unseren Mitgliedsunternehmen und Fachgremien. Unsere Rolle endet aber nicht bei Stellungnahmen. Wir schaffen Orientierung, vernetzen die Branche, entwickeln Branchenlösungen, bieten Rechtsberatung und Arbeitssicherheitsangebote und übernehmen mit Swico Recycling operative Verantwortung.
Digitalpolitischer Ausblick 2027
2027 wird das Jahr, in dem aus vielen digitalen Grundsatzdebatten konkrete Umsetzungsfragen werden.
1. KI wird von der Pilotphase zur Führungsaufgabe.
Unternehmen müssen klären, wie KI in Kernprozesse integriert wird, welche Entscheidungen automatisiert werden dürfen und wie Verantwortung, Datenqualität und Nachvollziehbarkeit sichergestellt werden.
2. Internationale Regulierung erreicht die Schweiz zunehmend indirekt.
Die EU-Digitalpolitik umfasst Regelwerke in den Bereichen KI, Plattformen, Daten, Identität und Cyberresilienz. Schweizer Unternehmen, die im europäischen Markt tätig sind, müssen diese Anforderungen teilweise unabhängig von Schweizer Gesetzgebung berücksichtigen.
3. Digitale Souveränität wird vom Schlagwort zur Managementaufgabe.
Unternehmen und Staat müssen kritische Abhängigkeiten identifizieren, Exit-Szenarien entwickeln und Interoperabilität sowie Resilienz stärken. Souveränität entsteht durch Wahlfähigkeit, nicht durch Abschottung.
4. Cyberresilienz wird Teil der Produkteigenschaft.
Sicherheit betrifft zunehmend den gesamten Lebenszyklus digitaler Produkte, von der Entwicklung über Updates bis zur Marktüberwachung. Entscheidend wird sein, Schweizer Vorgaben international kompatibel und für KMU umsetzbar auszugestalten.
5. Digitale Infrastruktur und Energiepolitik wachsen zusammen.
Rechenzentren, Cloud-Dienste und KI-Anwendungen benötigen leistungsfähige Netze und eine verlässliche Energieversorgung. Damit werden Rechenleistung, Energieeffizienz und Standortplanung zu gemeinsamen wirtschaftspolitischen Fragen.
6. Kreislaufwirtschaft erfasst den gesamten Lebenszyklus digitaler Geräte.
Neben dem Recycling gewinnen Wiederverwertung, Reparierbarkeit und transparente Stoffflüsse an Bedeutung. Swico betreibt seit mehr als 30 Jahren das Rücknahmesystem Swico Recycling und testet zurzeit mit dem Pilotprojekt Swico ReUse die Wiederverwendung elektronischer Geräte in der Schweiz.
Zur Person
Jon Fanzun
Seit August 2024 leitet er den Wirtschaftsverband Swico. Der promovierte Staatswissenschaftler verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung in der nationalen und internationalen Politik. Zuvor war er Sondergesandter für Cyberdiplomatie, persönlicher Mitarbeiter zweier Bundesräte und Generalsekretär der FDP Schweiz.