Hört, hört! 16.03.2021, 14:44 Uhr

Test: Apple AirPods Max

Die Lücken bei Apples Kopfhörern schliessen sich. Die AirPods Max wenden sich an die Anspruchsvollen, die gerne ihre Ruhe haben.
Apples Definition eines High-End-Kopfhörers
(Quelle: Apple Inc.)
Bereits das Auspacken sorgt für besondere Gefühle, was in erster Linie der «Hülle» geschuldet ist. Die Erfahrung zeigt, dass das Design eines Apple-Produktes erst überschlafen werden muss, damit sich Skepsis in Wohlgefallen auflöst. Die ersten AirPods ernteten zum Beispiel bei ihrer Vorstellung viel Spott, um gleich darauf zu einem Teil des Stadtbildes zu werden: Zu gut funktionierte die Machart in der Praxis, als dass man sich als iPhone-Besitzer dagegen hätte verwehren können. Ikonisch über Nacht, quasi.
Aber die Hülle der AirPods Max scheint wirklich grenzwertig, daran ändert auch die Bezeichnung «Smart Case» nicht viel. Sie sieht aus wie eine neckische Damenhandtasche. Oder wie ein verkappter BH? Oder wie eine Transportbox für die Donuts, die es zu Mittag gibt? Alles ist denkbar.
Das gibt zu denken – und zu reden
Quelle: NMGZ
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass die exzentrische Form fast schon ein Sachzwang ist, weil sich die AirPods Max mit ihren schweren Edelstahlbügeln nicht so einfach zusammenfalten lassen wie andere Kopfhörer. In ihrer vollen Grösse und mit einer alles umschliessenden Hülle wären sie geradezu riesig. Das Einlegen in das Smart Case funktioniert ausserdem ganz gut, was auch der magnetisch schliessenden Lasche zu verdanken ist.
Weitere Magnete werden von den Ohrmuscheln erkannt und sorgen dafür, dass die AirPods Max automatisch in tiefsten, stromsparenden Schlummer verfallen, sobald sie verpackt sind; ganz abschalten lassen sie sich hingegen nicht. Werden sie hingegen einfach abgenommen, wird die aktuelle Wiedergabe auf dem Zuspieler unterbrochen.

Schick vom Scheitel bis zur Sohle

Nicht nur die Edelstahlbügel, sondern auch die Ohrmuscheln sind hervorragend verarbeitet und fühlen sich richtig edel an. Sie sorgen aber auch für ein mulmiges Gefühl, wenn sie beim Weglegen mit dem metallisch-klackernden Geräusch von zwei Boccia-Kugeln aufeinandertreffen. Ich behandle meine Geräte stets mit grösster Vorsicht, aber ich glaube nicht, dass Abschlagungen langfristig zu vermeiden sind. Und die AirPods Max nach jedem Gebrauch in die Büstenhalter-Donuts-Handtasche einzulegen, wirkt bereits nach einem halben Tag unpraktisch. Die Zeit wird zeigen, ob sie ihre Spuren an den Berührungspunkten hinterlässt.
Allein die Qualität der Bügel spricht eine deutliche Sprache
Quelle: NMGZ
Mit einem Gewicht von 385 Gramm sind die AirPods Max zwar keine Leichtgewichte, doch der textil bespannte Bügel sorgt für einen hohen Tragekomfort. Auch bei den Polstern wurde auf (Kunst-) Leder verzichtet. Stattdessen wird Memory-Schaum von einem textilen Material ummantelt, das sich sehr angenehm und fast schon kühl anfühlt, auch wenn sich dieser Eindruck im Sommer vermutlich nicht aufrechterhalten lässt. Vor allem aber kommen die Polster hervorragend mit (Sonnen-) Brillen klar: Nichts drückt oder zwickt.
Die Polster werden magnetisch gehalten. Sie lassen sich mit einem leichten, aber entschiedenen Ziehen abnehmen und deshalb sehr leicht ersetzen – allerdings kostet der Ersatz 79 Franken. Beim Herumreichen in der Familie attestierten die verschieden grossen Köpfe, dass der Anpressdruck eigentlich gerade richtig ist. Das sei ihm auch geraten, denn er lässt sich nicht einstellen; stattdessen wird einzig die Länge über die Teleskop-Bügel justiert.
Scheint teuer; aber irgendwie ist der Preis genau so, wie man es von Apple erwartet
Quelle: NMGZ

Ergonomie und Active Noise Cancellation

Die Ergonomie ist durchs Band geglückt und das fängt bei der Bedienung an. Diese erfolgt über eine einzelne Taste über der rechten Ohrmuschel, gleich neben der «digitalen Krone», die bereits mit der Apple Watch bestens eingeführt ist. Mit dem Drehen an der Krone wird natürlich die Lautstärke reguliert. Ein einzelnes Drücken pausiert die Wiedergabe oder nimmt einen Anruf entgegen. Zweimal drücken springt zum nächsten Song und dreimaliges Drücken zum vorherigen. Und schliesslich wird Siri aufgescheucht, wenn die Krone gedrückt gehalten wird.
Die Bedienung ist bis ins letzte Detail durchdacht und könnte intuitiver nicht sein
Quelle: NMGZ
Die Taste hingegen kümmert sich ausschliesslich um die aktive Geräuschunterdrückung (kurz ANC, für Active Noise Cancellation). Dabei kommen nicht weniger als acht Mikrofone zum Einsatz: Auf jeder Seite sind drei nach aussen gerichtete Mikrofone verbaut, um die Umgebungsgeräusche zu analysieren. In jeder Ohrmuschel ist ein weiteres Mikrofon untergebracht, das die Geräusche misst, die es bis zum Ohr geschafft haben. Apples eigener H1-Chip in den AirPods Max analysiert anschliessend die Situation 200 Mal pro Sekunde und berechnet den Gegenschall.
In der Praxis funktioniert das hervorragend. Mit einem Druck auf die Taste wird die Welt ausgeblendet und ist nur noch leise wahrzunehmen, selbst wenn gerade keine Musik läuft. Ein weiterer Druck auf die Taste schaltet hingegen in den Transparent-Modus, der die Umgebungsgeräusche nach innen weiterreicht und zum Beispiel Durchsagen am Bahnhof oder auch Gespräche mit Mitmenschen klar und verständlich macht. Die dritte Möglichkeit, nämlich die Kopfhörer einfach Kopfhörer bleiben zu lassen, lässt sich im Kontrollzentrum am iPhone oder auf der Apple Watch einstellen. Ausserdem wird in den Bluetooth-Einstellungen festgelegt, zwischen welchen beiden Modi mit einem Druck auf die Taste gewechselt wird.
Die Einstellungen sind umfassend
Quelle: NMGZ
Mir fehlen umfangreiche Vergleichswerte zu anderen Over-Ear-Kopfhörern mit ANC, aber eines sollten Aufsteiger von den AirPods Pro zu den AirPods Max wissen: Das Pro-Modell schirmt die Umgebung noch einmal deutlich besser ab. Als In-Ear-Kopfhörer mit Silikon-Aufsätzen wirken sie allein schon konstruktionsbedingt wie ein Gehörschutz, die ANC erledigt dann den Rest. Die AirPods Max können ihnen in dieser Beziehung nicht das Wasser reichen – doch richtig hörbar ist der Unterschied nur, wenn keine Musik läuft.
Die AirPods Pro sind ungeschlagen, wenn es um das Ausblenden des Umfelds geht
Quelle: Apple Inc.

Der Klang

Die AirPods Max liefern in meinen Ohren einen sehr gefälligen Klang. Die Bässe sind kräftig, ohne übertrieben zu wirken. Gesang und Mitten sind kommen klar rüber und wirken zusammen mit der Active Noise Cancellation je nach Song fast schon einlullend. Einer der von Apple empfohlenen Songs für Tests ist «Bury a Friend» von Billie Eilish – und der zeigt die Qualitäten überdeutlich. Der extreme Bass wird genauso überzeugend wiedergegeben, wie ihr Gesang. Alles fühlt sich genauso an, wie man es von einer hervorragenden Wiedergabe erwartet.
Allerdings sage ich das aus der Sicht eines Nicht-Audiophilen. Bestimmt gäbe es noch tolle Attribute («die Bässe wirken leicht schokoladig im Abgang»), aber darüber dürfen sich die Experten in den Foren gerne die virtuellen Köpfe einschlagen. Und schlussendlich ist alles Geschmackssache.
Gegen einen Equalizer hätten meine Laienohren hingegen nichts einzuwenden gehabt – doch der fehlt. Stattdessen bietet Apple den «Adaptive EQ», der das Tonsignal misst, wie es an den Ohren ankommt und die mittleren und tiefen Frequenzen dynamisch anpasst. Einflüsse können die Frisur, die Brille oder grosse Ohrringe sein. Damit soll ein konsistentes Hörerlebnis gewährleistet werden, aber an dieser Stelle wird es für meinen Geschmack ein wenig zu esoterisch. Schlussendlich gefällt mir einfach, was ich zu hören bekomme – sehr sogar.
Blick ins Innere
Quelle: Apple Inc.
Eine Eigenschaft, die Apple deutlich hervorhebt, ist das «Spatial Audio mit dynamischem Head-Tracking». Kurz gesagt geht es darum, dass der Sound nicht nur viel räumlicher wirkt, sondern auch die relative Position zur Tonquelle kennt. Die Wiedergabe wird also feinjustiert, wenn der Zuseher/-hörer zum Beispiel seinen Kopf dreht. Dazu gibt es in den Einstellungen sogar eine kleine Demo, und tatsächlich: Der Ton kommt plötzlich sehr viel räumlicher rüber, als würde sich der akustische Nebel lichten. Allerdings war kein Unterschied zu hören, wenn der Kopf gedreht wird. Vielleicht sind meine Ohren nicht gut genug, vielleicht werden die Unterschiede in homöopathischen Dosen eingestreut. Auf jeden Fall ist da in meinem Empfinden nichts, das einer Erwähnung wert wäre.
Ich weiss nicht, was soll es bedeuten …
Quelle: NMGZ

Zu wenig Liebe für die Macs

Das grösste Problem ist die mangelnde Kooperation mit dem Mac – und das hat die AirPods Max auch die Höchstwertung gekostet. Apple verspricht ja, dass jeder AirPod an die Apple-ID geheftet wird. Auf diese Weise kann fliegend zwischen den Geräten gewechselt werden, etwa dem iPhone, iPad oder dem Mac. Nur bleibt es leider bei der grauen Theorie.
Die Verbindung mit dem iPhone funktioniert stets zuverlässig
Quelle: NMGZ
Nachdem ich es auf Biegen und Brechen geschafft habe, die AirPods Max mit dem Mac zu verbinden, war für eine kurze Zeit alles toll. Doch schon beim nächsten Einsatz war die Verbindung meistens verloren und die Kopfhörer wurden nicht mehr unter den Bluetooth-Geräten gelistet. Oder sie waren zwar aufgeführt, liessen sich aber nicht verbinden. Hilfsprogramme, wie der ziemlich geniale AirBuddy waren ebenfalls machtlos, denn schlussendlich muss es auf Systemebene funktionieren.
Alles da – ausser den AirPod Max
Quelle: NMGZ
Das alles hat sich mit der neusten Version von macOS 11 «Big Sur» ein wenig gebessert, aber die Verbindung funktioniert einfach nicht zuverlässig. In einer Zeit des Home-Office hätte ich die AirPods Max nur zu gerne als bequemes Headset verwendet, um mir das Umfeld akustisch vom Leibe zu halten und meinen Gesprächspartnern eine gute Aufnahme zu bieten. Denn das Mikrofon ist hervorragend – falls die AirPods Max tatsächlich mit dem Mac verbunden sind. Aber leider gibt es immer noch diese Bluetooth-Probleme, die macOS schon seit Jahren plagen und die Anwender bis auf Blut reizen können.
Apple schafft es ganz offensichtlich nicht, die Verbindung so zuverlässig zu gestalten, dass ich bedenkenlos zu den AirPods Max greifen und den Videochat starten kann. In der ersten Zeit sah der Ablauf so aus, dass ich fünf Minuten vor jedem Teams-Meeting zuerst die Bluetooth-Einstellungen aufrief. Falls die Kopfhörer erschienen (falls!), war anschliessend ein Ausflug in die Teams-Einstellungen fällig, wo ich mich mit einem Testanruf vergewisserte, dass alles funktionierte. Und irgendwann wurde es mir dann zu blöd; seither verwende ich für meine Videochats ein altes, kabelgebundenes iPhone-Headset, das sich hervorragend mit dem Mac versteht. Die AirPods Max haben ihre unbestrittenen Vorzüge; aber ich will nicht verhehlen, dass sie aus der Sicht eines Mac-Anwenders eine Enttäuschung sind.
Es ist wieder 5 vor Videochat und sie wollen ums Verrecken nicht …
Quelle: NMGZ

Also: Wie gut sind sie wirklich?

Jetzt wirds persönlich. Das Internet ist voll mit Meinungen zu Kopfhörern, oft von Leuten mit einem absoluten Gehör, weil sich vor einigen Jahrhunderten ein paar Fledermäuse in die Ahnenreihe eingeschlichen haben. Aber vor allem ist jede Meinung persönlich gefärbt, so wie auch diese hier.
Sind die AirPods Max besser als die Sonheiser XFF300? Leistet die Active Noise Cancellation genauso viel, wie bei den BayerBowers BB20? Kann der Frequenzgang mit den MagnaClip 5000 mithalten? Gut möglich; aber ich weiss es nicht. Oder anders gesagt: Wenn die Audiophilen unter sich sind, zählen andere Kriterien als bei den Durchschnittshörern.
Für mich erfüllen die AirPods Max alle Anforderungen, die mir überhaupt einfallen. Sie liefern einen sehr guten, neutralen und gefälligen Klang. Der Sitz ist perfekt und an meiner breiten, bebrillten Rübe drückt nichts, auch wenn ich sie längere Zeit trage. Auch Schweissausbrüche an den Ohren bleiben aus; das ändert sich vielleicht noch im nächsten Hochsommer, doch dann rinnt den anderen Over-Ear-Trägern vermutlich bereits der Saft auf die Schultern. Die Active Noise Cancellation funktioniert so gut, wie ich es mir wünsche – und vor allem habe ich nicht das Gefühl, dass die Ohren zugehen und ein Druckausgleich nötig ist. Stattdessen verschwindet das Umfeld einfach in Nirgendwo – wenn auch nicht so endgültig wie bei den kleinen AirPods Pro.

Fazit

Die AirPods Max sind das, was sich Apple unter gehobenen Kopfhörern vorstellt – und sie liefern! Von der Soundqualität über die Verarbeitung und Bedienung bis hin zum Tragekomfort passt hier einfach alles. Der einzige Kritikpunkt ist die unzuverlässige Verbindung mit den Macs, doch das betrifft wohl nur eine Minderheit der Käufer. Wer die AirPods Max in erster Linie mit dem iPhone verwendet, darf sich auf eine sehr angenehme, wohlklingende Zeit freuen.

Testergebnis

Verarbeitung, Sitz, Tonqualität, Bedienung, Anpassungsfähigkeit
Instabile Verbindung mit Macs

Details:  ANC, H1-Chip, Bluetooth 5.0, Laufzeit bis 20 Stunden bei aktivierter ANC, inkl. Smart Case, 385 Gramm

Preis:  599 Franken

Infos: 



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