Best Practice 18.12.2017, 08:50 Uhr

«Maschinen fehlt es noch an der Fähigkeit, Inhalte zu abstrahieren»

Unternehmens-Software arbeitet hauptsächlich auf regelbasierten Prozessen. Damit haben nur wenige Anbieter so viel Erfahrung wie SAP. Wie der Head of Machine Learning, Markus Noga, im Interview erklärt, ist ein vollständig automatisiertes ERP noch Zukunftsmusik. Bis es so weit ist, haben die Maschinen noch viel zu lernen.
Markus Noga, Head of Machine Learning, SAP
Computerworld: Mit welchen Fragestellungen kommen die Kunden heute auf den Head of Machine Learning von SAP zu?
Markus Noga: In der Regel sind Kunden immer sehr daran interessiert, unser Portfolio und dessen Vorteile, auch im Vergleich zu anderen Anbietern, zu verstehen. Im Wesentlichen macht SAP die Adaption und die Integration von maschinellem Lernen (ML) einmalig leicht, indem Algorithmen direkt in die SAP-Produkte eingebunden werden. Zudem verfügt SAP als Traditionsanbieter in der Unternehmens-Software-Branche über ein unvergleichliches Wissen und eine Expertise in zwölf Geschäftsfeldern und 27 Industrien. Auch berühren drei Viertel aller weltweiten Geschäftsumsätze ein SAP-System. Darüber hinaus werden wir von den Kunden für unsere Zuverlässigkeit im Umgang mit ihren geschäftskritischen Daten geschätzt.
Zweitens möchten Kunden natürlich erfahren, wie reif maschinelles Lernen in der Geschäftswelt heute bereits ist. Unsere Vision ist das intelligente Unternehmen, in dem Menschen technologische Systeme anleiten, die ihnen bei der Bewältigung ihrer Kerntätigkeiten zur Seite stehen. Im intelligenten Unternehmen bewältigt Technologie repetitive Aufgaben in End-to-End-Prozessen. Dadurch können sich die Arbeitnehmer auf anspruchsvolle Herausforderungen konzentrieren. Heute sind bereits Teilschritte dieser Prozesse automatisierbar. Doch in den kommenden zehn Jahren werden Unternehmenssysteme immer intelligenter und automatisieren sich mehr und mehr selbst.
CW: Wie macht sich SAP Machine Learning zunutze?
Noga: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, maschinelles Lernen auch in unseren internen Anwendungen nutzbar zu machen. Seit einiger Zeit verwenden wir SAP Service Ticket Intelligence in einigen unserer elektronischen Ticketsysteme, SAP Cash Application und SAP Accounts Payable stehen kurz vor ihrer internen Implementierung. Über kurz oder lang werden alle unsere ML-Lösungen und -Services Teil von SAP-Produkten sein.
CW: Können wir ein vollständig automatisiertes ERP erwarten? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
Noga: Unsere Vision ist das intelligente Unternehmen. Dazu gehört auch die Automatisierung der Kerngeschäftsprozesse. Ein vollständig automatisiertes ERP-System ist allerdings wirklich noch Zukunftsmusik. Derzeit ist lediglich die Automatisierung einzelner Prozessschritte beispielsweise im Finanzbereich möglich.
CW: Welche Grenzen sehen Sie bei Machine Learning?
Noga: Heute reicht maschinelle Intelligenz noch nicht in allen Bereichen an die menschliche heran. Die Algorithmen sind etwa nicht in der Lage, ein vergleichbares Urteilsvermögen zu entwickeln. Dies zeigt sich etwa in der Verarbeitung natürlicher Sprache, die das Niveau der menschlichen Übersetzung noch lange nicht erreicht hat, aber auch in der Fähigkeit des Algorithmus, Kontexte einer Situation zu erkennen, die es zu analysieren gilt. Maschinen fehlt es noch an der Fähigkeit, Inhalte zu abstrahieren oder deren Bedeutung abseits der puren Zeichenkette zu erfassen.
CW: Automatisierung und Machine Learning machen diverse Jobs obsolet. Bitte kommentieren Sie.
Noga: Aus der Erfahrung wissen wir, dass jede industrielle Revolution neue Jobs kreiert und andere verschwinden lässt – so wird es sich auch mit dieser verhalten. Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir die Fäden in der Hand haben und selbst entscheiden können, welche Tätigkeiten in welchem Umfang automatisiert werden. Letztendlich soll Technologie das menschliche Potenzial erweitern und nicht einschränken. Maschinelles Lernen tut dies durch die Automatisierung von repetitiven Aufgaben. Dadurch werden Ressourcen freigesetzt, die wiederum zur allgemeinen Wertschöpfung beitragen können.

Markus Noga am SAP Forum 2018

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